Scheibes Kolumne Vater der Shareware


Viele Computer-Anwender kennen das Shareware-Prinzip bereits, seit sie ihren Rechner zum allerersten Mal eingeschaltet haben. Viele von den älteren PC-Freaks haben das Abenteuer Shareware aber noch von den Anfängen an miterlebt. "Erfunden" wurde das Test-vor-dem-Kauf-Prinzip vom Amerikaner Jim Knopf.

Viele Computer-Anwender kennen das Shareware-Prinzip bereits, seit sie ihren Rechner zum allerersten Mal eingeschaltet haben. Viele von den älteren PC-Freaks haben das Abenteuer Shareware aber noch von den Anfängen an miterlebt. "Erfunden" wurde das Test-vor-dem-Kauf-Prinzip vom Amerikaner Jim Knopf.

Das Shareware-Prinzip wurde bereits im Jahr 1982 erfunden, feierte also schon vor zwei Jahren zwanzigjähriges Bestehen. Natürlich stammt das Shareware-Konzept aus Amerika. Gleich zwei Programmierer dürfen sich um die Ehre prügeln, die "Väter der Shareware" zu sein.

In Tiburon, Kalifornien, entwickelte Andrew Fluegelman das Programm "PC-Talk". In Bellevue, Washington, schrieb Jim Knopf zeitgleich das Programm "PC-File". Fluegelman gebührt zwar mit die Ehre des Entdeckers. Jim Knopf strich aber fast den ganzen Ruhm ein und wird auch heute noch "Father of Shareware" genannt. Den Ehrentitel verpasste ihm übrigens niemand anderer als Peter Norton, selbst "Vater" der berühmten Norton-Reihe, der wir Software-Klassiker wie den "Norton Commander" und "Norton AntiVirus" verdanken.

Wie kam es zu "PC-File"? Jim Knopf benötigte Anfang der Achtziger ein Programm, um Adressaufkleber für die Post seiner lokalen Kirchengemeinde auszudrucken. Jim hatte einen Apple-Computer und schrieb das Programm selbst in der Sprache Applesoft BASIC. Dabei hatte er von Anfang an im Sinn, mehr zu erschaffen als nur einen simplen Adressendrucker - und so schrieb er eine vollständige Datenbank. Jim hatte Spaß am Programmieren und machte das Basteln an seiner Software schon bald zu seinem Hobby, in das er viel Zeit investierte.

Der allererste IBM-PC

Kurz darauf wurde der erste IBM Personal Computer angekündigt. Jim hatte so eine Ahnung, dass der neue Rechner die gesamte Computerszene revolutionieren könnte. Also verkaufte er seinen Apple-PC und investierte stattdessen sofort in einen der ersten IBM-PCs.

"PC-File" war das erste Programm, das Jim von der Programmiersprache Applesoft BASIC nach IBM BASIC konvertierte. Damit lief die Datenbank nun auch auf der DOS-Ebene.

Jim arbeitete in dieser Zeit sogar bei IBM. Viele seiner IBM-Kollegen legten sich ebenfalls einen IBM-Computer zu. Als alter Hase am Rechner wollte Jim dafür sorgen, dass seine Kollegen einen guten Start hatten. Und so kopierte er seine Datenbank auf Disketten und verschenkte sie in der Firma.

"PC-File" hieß damals zwar noch "Easy File", machte den Shareware-Gedanken aber bereits alle Ehre. Das Programm wurde unter den PC-Anwendern geteilt (to share) und auf diese Weise schnell in den IBM-Firmenräumen in Seattle verbreitet.

Jim Knopf nutzte sein eigenes Programm, um die Verbreitung von "PC-File" zu überwachen. Jims Problem: Es kostete sehr viel Zeit und Mühen, um alle Benutzer der Software über neue Versionen und aktuelle Verbesserungen zu informieren. Wie sollte der Entwickler aber herausfinden, welche Anwender wirklich ernsthaft an der Software Interesse hatten - und welche nicht? Und wie konnte Jim das Geld aufbringen, um neue Disketten mit den Updates mit der Post an alle interessierten Anwender zu verschicken?

Jim Knopf entschloss sich dazu, eine kurze Nachricht im Programm zu platzieren. Im Text bat er die Empfänger der Software darum, ihm doch bitte eine Spende zuzusenden, um seine Kosten zu decken. Die Nachricht ermutigte die Anwender außerdem, das Programm weiterzugeben und zu verschenken. Alle, die in Jims Mailing-Liste aufgenommen werden wollten, sollten ihm zehn Dollar schicken, um die auflaufenden Kosten zu decken.

Erst testen, dann kaufen

Bereits die erste Person außerhalb des IBM-Dunstkreises, die das Programm mit der Nachricht erhielt, rief bei Jim Knopf an. Der Mann hatte gerade erst eine Kopie von "PC-Talk" erhalten. Dieses Programm von Andrew Fluegelman enthielt eine ähnliche Nachricht über ein neues "Marketing-Experiment". Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Programmen fiel dem Mann einfach ins Auge. Jim bekam von ihm den Rat, sich doch einmal beim "PC-Talk"-Entwickler Andrew Fluegelman zu melden. Jim schickte Andrew sein Programm. Andrew war begeistert und rief Jim sofort an. Beide Programmierer beschlossen, Hinweise auf die jeweils andere Software in ihren Produkten zu verewigen, um so ein wenig Werbung in gegenseitiger Sache zu betreiben. Jetzt erst wurde "Easy File" in "PC-File" umbenannt - um so ähnlich zu klingen wie "PC-Talk" von Fluegelman. Außerdem erhöhte Jim die Höhe der erwarteten Zahlung auf 25 Dollar, um sich auch in dieser Hinsicht an Andrew zu orientieren.

Jim Knopf selbst war neugierig, was jetzt wohl passieren würde. Seine Frau schätzte die Lage schon etwas realistischer ein. Sie nannte ihren Mann einen Trottel, wenn er tatsächlich daran glauben würde, dass sich auch nur ein einziger Anwender dazu bereit erklären würde, ihm Geld für seine Software zu senden. Jim war da schon etwas optimistischer und rechnete mit ein paar hundert Dollar, die er in sein Hobby investieren wollte. In seinen kühnsten Träumen ging er von ein paar tausend Dollar aus.

Die Legende besagt, dass die Knopf-Familie einen Kurzurlaub antrat. Derweil veröffentlichte eine angesehene US-PC-Zeitschrift einen Artikel über das Programm. Als die Knopf-Familie wieder nach Hause kam, stapelten sich vor der Haustür bereits die Postsäcke mit den Geldscheinen der "PC-File"-Anwender. "PC-File" machte Jim Knopf sehr schnell zum Millionär. Kein Wunder: Es passte ja auch alles so wunderbar zusammen: Die neuen IBM-PCs verkauften sich wie warme Semmeln. Es gab nur wenige kommerzielle Datenbanken zu kaufen - und die waren sehr teuer. Hinzu kam, dass hinter "PC-File" eine wirklich neue Marketing-Idee stand - die PC-Fachmagazine schrieben sehr bereitwillig darüber und sorgten so für die notwendige Werbung für das Programm.

Millionenschwere Post

Der wahnsinnige Erfolg der Shareware-Idee sorgte schon bald für erste und durchaus auch willkommene Nachahmer. Zugleich stellten sich die ersten Shareware-Händler und PC-Clubs auf. Da es das Internet noch nicht in der heutigen Form gab, mussten die Programme auf Disketten weitergegeben werden. Die Shareware-Händler horteten alle neuen Versionen und verschickten für eine "Aufwandsentschädigung" Kopien der Programme auf Diskette an alle interessierten Kunden. Später kamen auch die ersten Mailboxen hinzu, in die man sich mit einem Modem einwählen konnte. Die CD und das World Wide Web entstanden erst viel später.

1984 verdiente Jim Knopf mit "PC-File" bereits zehnmal so viel wie bei IBM. Und so kündigte er schließlich schweren Herzens seinen Job, um sich voll und ganz "PC-File" zu widmen - und vielen anderen Programmen, die in der Folge entstanden. 1987 gab es bereits eine eigene Firma mit 18 Angestellten und zehn Produkten. Noch ein paar Jahre später waren es bereits 35 Mitarbeiter, die zusammen 4,5 Millionen Dollar im Jahr umsetzten.

1992 hatte Jim einen Herzanfall - im Alter von 49 Jahren. Zu viel Stress: Der Vater der Shareware verkaufte seine Firma und wandte sich anschließend nur noch aus Spaß dem Computer zu. Seine Zeit verbrachte er lieber mit seiner Familie und mit dem Fliegenfischen. Es sei ihm gegönnt.

Übrigens: In der Szene ist Jim Knopf eher unter seinem Pseudonym Jim Button bekannt.

Carsten Scheibe, Typemania


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