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Scheibes Kolumne: Weihnachtsschokolade

stern.de-Mitarbeiter Scheibe zählt die verbleibenden Tage bis Weihnachten. Büroassistentin Antonia hingegen hat nur die Büroklingel im Auge. Jeder Paketbote könnte passend zur Weihnachtszeit ja Christstollen, Schokolade oder Nürnberger Lebkuchen bringen.

Meine ehemalige Praktikantin Antonia studiert inzwischen Medizin an der Charité. Trotzdem ist sie zwei bis drei Mal in der Woche bei mir im Redaktionsbüro, um sich etwas dazuzuverdienen - und um die "Bunte" zu lesen, die immer im Postfach meiner Frau liegt. Klatsch ist eben ihr Ein und Alles. Wenn sie dann einmal da ist, arbeitet sie für mich den ganzen Bürokram weg, der über die Tage liegengeblieben ist. Sie kümmert sich auch um die Post, tütet CDs ein und arbeitet meine Mails mit kleinen Aufträgen ab.

Zwischendurch jammert sie. Meistens darüber, dass sie seit Tagen nichts zu essen bekommen hat und vor Hunger bald stirbt. So lange ich kein Einsehen habe und ihr etwas beim Chinesen oder Inder bestelle, streicht sie wie ein hungriger Tiger durch das Büro und sucht nach Futter. Ein Rest Schokolade, eine alte Tüte Chips - nichts ist vor ihr sicher. Vor dem 1. Dezember haben wir im Büro gleich vier verschiedene Weihnachtskalender geschenkt bekommen. Die hat sie sich gekrallt und freut sich nun bei jedem Schichtanfang, dass sie gleich für mehrere Tage Schokolade aus ihrem Pro7-Kalender picken kann. Oli. P schaut ihr dabei von der Verpackung aus grimmig auf die Finger.

Gespannt wie Bolle

Doch auch die Kalender halten nicht mehr lange vor. Und so freut sie sich wie Bolle über das Klingeln der Post- und Paketboten, die vor allem am Freitag sehr zahlreich bei uns erscheinen. Viele Geschäftspartner schicken uns nämlich genau zur Monatsmitte einen kleinen postalischen Weihnachtsgruß. Das erste große Paket kommt von unserer Stamm-Online-Druckerei aus Österreich. Während wir das Paket öffnen, tropft es Antonia schon von den Lippen: Selbst mein immer gefräßiger Hund könnte nicht gespannter sein, wenn ich eine Leberwurststulle auspacke. Ich freue mich über eine Flasche Birnenschnaps und eine Karte, während Antonia noch den Karton durchwühlt. "Ooooch", jammert sie. "Keine Schokolade? Kein Stollen? Kein Lebkuchen? Möchten die etwa, dass ich sofort verhungere?"

Ich habe aber auch wirklich nichts mehr zu Essen im Büro. Antonia packt derweil dick gefütterte Umschläge aus. Doch sie enthalten "nur" Karten: "Mensch, hier steht, dass diese Firma dieses Jahr von Geschenken Abstand nimmt und lieber spendet. Aber sie könnte doch spenden. Essen - für mich!" Antonia versteht die Welt nicht mehr. Während ich die Karten mit Tesa an die Schrankwand hänge, durchsucht Antonia fassungslos die weitere Post. "Bitte, bitte", spricht sie leise für sich selbst, "nur eine Oblate, ein Bonbon, eine hauchdünne Scheibe Schokolade." Aber sie hat weiterhin kein Glück und greint still vor sich hin.

Vor dem Hungertod bewahrt

Mitleid habe ich dann doch. Und inmitten der besinnlichen Weihnachtsstimmung erkläre ich mich bereit dazu, meine Salamistulle mit ihr zu teilen. Doch der Hund ist schneller und verputzt die Stulle, bevor wir uns auch nur rühren können. Zum Glück kommt dann doch noch ein Paket mit der begehrten Beute - ein Stollen ist dabei. Wir teilen uns den Stollen redlich, danken dem edlen Spender und beschließen, Produkte dieses Herstellers in Zukunft ganz besonders wohlwollend zu testen. Weil er zumindest doch Antonia vor dem sicheren Hungertod bewahrt hat. Und das mitten in der Weihnachtszeit. Was kann man mehr erwarten? Dabei fällt uns dann - frisch gesättigt - auf, dass wir selbst noch keine Weihnachtskarten verschickt haben. Ach herrjeh, dann wird's ja höchste Zeit, wenigstens noch ein bunte E-Mail auf den Weg zu schicken. Dann legen wir auch virtuelle Schokolade bei. Für all die hungrigen Assistentinnen da draußen in deutschen Landen.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

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