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Scheibes Kolumne: Wer geht denn schon zur Ifa?

stern.de-Kolumnist Scheibe war früher immer auf der Funkausstellung in Berlin - er wohnt da ja gleich um die Ecke. Dieses Jahr pausiert er aber. Warum? Er hat schon einen Fernseher. Und Luftballons gibt's auch nicht mehr.

Jede Stadt hat die Messen, die sie verdient. Berlin ist eine geile Stadt. Also haben wir auch geile Messen. Und damit ist nicht nur die Sexmesse VENUS gemeint. Wir Berliner wachsen sogar richtig mit den Messen auf. Bereits als Kinder waren wir in jedem Frühjahr auf der Grünen Woche. Auf der Landwirtschaftsmesse war es für uns Kids ein echter Sport, uns von morgens bis abends kostenlos durchzufuttern. Das war kein Problem - überall gab es Proben umsonst. Auch die Funkausstellung war toll. Während Günther Jauch und Thomas Gottschalk noch als junge Spunde direkt von der Messe aus Fernsehen machten, schlichen wir durch die Gänge, um Helium-Luftballons, Kugelschreiber, Fußbälle, Frisbee-Scheiben und tausend andere Spielzeug-Dinge mehr abzusahnen. Danach war das Kinderzimmer immer voll bis zum Anschlag und die Helium-Ballons schwebten durch das ganze Haus. Die Eltern konnten dann ruhig alleine zur Tourismus-Börse ITB gehen. Da gab es nix umsonst, nicht mal Reisen.

Heute hat die IFA irgendwie ihren Reiz verloren. Die typische Reaktion der Berliner auf die Tage im September: "Ach, kiek mal, da muss ick wieder nen Umweg fahrn, weil die Trottel am ICC immer alle den Verkehr blockiern." Und angesprochen auf die Möglichkeit eines Besuchs in den ehrwürdigen Messehallen sagt der Berliner: "Lass ma sein, ick hab doch schon nen Fernseher."

Tatsächlich wird die IFA immer häufiger gleichgesetzt mit endlos langen Messehallen, in denen doch nur immer größere, flachere und teurere Fernseher ausgestellt werden. Der kleine Mann von der Straße lacht sich ins Fäustchen. Haben die reichen Kumpels, Verwandten und Kollegen sich vor Jahren nach dem IFA-Besuch doch gleich einen sauteuren Flachfernseher für gefühlte 5.000 Euro besorgt, so holt sich der Durchschnittsbürger nun das nagelneue Modell mit noch mehr Leuchtkraft, Schärfe und Funktion für ein Zehntel des Preises. Wer warten kann, hat eben mehr von seiner Kohle.

Der Blick unter die Motorhaube ist überflüssig geworden

Das Problem der IFA ist inzwischen auch: Es ist out, sich für das technische Innenleben von Kameras, Fernseher oder Beamer zu interessieren. Auch das Auto fährt, wenn nur der Schlüssel steckt, der Blick unter die Motorhaube ist überflüssig geworden. Das sieht man auch am PC. "Hauptsache, der funktioniert und schickt E-Mails weg", sagen die Anwender. Das Sterben der PC-Fachmagazine zeigt, dass die Nerds aussterben, die jeden Parameter noch persönlich beim Vornamen begrüßen konnten. Auch beim Fernseher sagen die Kunden: "Die modernen Geräte können doch eh alles. Da achte ich nur noch auf Größe und Preis."

Besuchen Sie die Ifa?

Na klar, ein bisschen Technik-Glotzen macht Spaß. Aber doch nicht jedes Jahr! Als die IFA nur alle zwei Jahre die Fernseher anschaltete, war einfach mehr los. Das war ein Ereignis, da gab es genug Neuerungen, genug Promis und genug Anlass. Eine Messe einmal im Jahr verlockt doch nur zur Aussage: "Na lieber nächstes Jahr wieder, da guck ich dann mal vorbei."

Überhaupt hat der Berliner den Blick schon nach vorn gerichtet. Auf den Oktober. Dann findet am gleichen Ort in Berlin nämlich die VENUS statt. Und nackte Popos kommen nie aus der Mode.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania