VG-Wort Pixel

WWDC 2020 Hardware ohne Hardware: Warum Apple eine Mac-Revolution ankündigte, ohne ein Gerät zu zeigen

WWDC 2020: Hardware ohne Hardware: Warum Apple eine Mac-Revolution ankündigte, ohne ein Gerät zu zeigen
Es ist der Paukenschlag der diesjährigen Entwicklermesse WWDC: Apple will nun auch in seinen Mac-Rechnern die selbstentwickelten A-Prozessoren aus dem iPhone nutzen. Doch statt neue Geräte mit den Chips zu zeigen, konzentrierte sich Apple auf etwas ganz anderes -  und hat dafür gute Gründe.

Es sei ein historischer Tag für den Mac, kündigte CEO Tim Cook gestern auf der Eröffnungsrede zur Hausmesse WWDC an. Da waren bereits 90 Minuten der virtuellen Keynote vergangen, die wichtigsten Themen wie iOS 14, das nächste iPadOS und MacOS Big Sur waren längst abgefrühstückt (hier finden Sie einen Überblick). Und tatsächlich: Die angekündigte Entscheidung, nun auch Macs mit den eigenen A-Chips zu bestücken, hat das Potenzial, Apples Rechner grundlegend zu verändern.

Da verwundert es zunächst, dass Apple keine neuen Geräte zu zeigen hatte. Doch dafür dürfte Apple gewichtige Gründe gehabt haben.

Software im Fokus

Zunächst ist da natürlich der offensichtlichste: Bei der WWDC handelt es sich um eine Software-Messe - und Hardware gab es in den letzten Jahren nur als Randerscheinung zu sehen. Zwar gab es immer mal wieder Ankündigungen neuen Rechnern, das Highlight der Messe waren sie aber nicht. So nutzte Apple etwa letztes Jahr die Gelegenheit, die finale Version seines Mac Pro zu präsentieren, der Hochleistungsrechner war aber schon lange vorher angekündigt und auch gezeigt worden. Das iPhone - die ersten Jahre der Höhepunkt der WWDC - war schon 2011 auf einen eigenen Termin geschoben worden. Für die Messe wären die neuen Geräte nur eine Ablenkung vom Kernthema gewesen.

Ohnehin ist das größte Thema zu den neuen Rechnern auf der Messe bestens aufgehoben: Wie wird die Software darauf laufen? Anders als die x86-Prozessoren von Intel setzen die A-Chips von Apple auf eine ARM-Architektur. Beide Plattformen verlangen von Programmen eine unterschiedliche Logik, wie sie genau den Programmcode berechnen sollen. Im Klartext heißt das: Wurde eine Software für eine der beiden Architekturen entwickelt, läuft sie nicht ohne weiteres auf der anderen. 

Das wäre für viele potenzielle Kunden ziemlich abschreckend. Zwar mögen die meisten Privatkunden mit einem Browser und einem Officepaket gut bedient sein, die Profis und etwas anspruchsvollere Privatnutzer dürften aber kaum auf die vertrauten Lieblingsprogramme und spezialisierte Arbeitswerkzeuge verzichten wollen. Käme ein ARM-Mac ohne Vorlaufzeit auf den Markt, würden aber Dutzende, wenn nicht Tausende wichtiger Programme fehlen. Und die fehlende Kompatibilität würde zahlreiche Kunden vom Kauf abhalten.

iOS 14: Das sind die spannendsten neuen Features für das iPhone

Geordneter Übergang

Und noch ein weiterer Aspekt dürfte Apple von der Ankündigung konkreter Hardware abgehalten haben: Hätte man auf der Bühne einen neuen ARM-Rechner vorgestellt, wäre dessen Kernfeatures wie die Leistungsfähigkeit und die Akku-Leistung komplett in den unzähligen Fragen nach der Kompatibilität untergegangen. Stattdessen widmete sich Apple ganz diesem Thema - und kann sich so bei der tatsächlichen Vorstellung der Geräte voll auf Geschwindigkeitsvergleiche und Ähnliches konzentrieren.

Gleichzeitig ist die WWDC der perfekte Ort, um einen so großen Umschwung wie eine Architektur-Veränderung anzukündigen. Zahlreiche Entwickler, deren Programme auf den neuen Macs nicht laufen würden, haben die Ankündigung verfolgt, können sich nun in den Panels genau informieren, ob und wie sie ihre Apps anpassen müssen. Mit der Vorstellung von Rosetta 2 und einer Konvertierungsfunktion in Xcode sorgt Apple zudem dafür, dass der Umstieg so einfach wie möglich wird. Hinzu kommt die angekündigte Übergangsphase von zwei Jahren: Wer auf Intelrechner angewiesen ist, wird sie noch zwei Jahre bekommen, so das Versprechen. Bis dann sollten aber wirklich alle Programme umgestellt werden.

Welche Rolle spielt Corona?

Eine Rolle, wenn auch eher eine kleinere, dürfte auch die aktuelle Corona-Situation gespielt haben. Apple hatte in den USA zuletzt angekündigt, einige seiner Ladengeschäfte wieder zu schließen, nachdem diese erst vor wenigen Wochen wieder ihre Tore geöffnet hatten. Da viele Kunden sich einen Rechner vor Ort ansehen, bevor sie zuschlagen, könnte auch diese Erwägung ein Faktor für die finale Entscheidung gegen neue Hardware gewesen sein. 

Am Ende könnte Apple von der Entscheidung klar profitieren. Wenn dann, wann immer das sein wird, die ersten ARM-Macs präsentiert werden, dürften nahezu alle Bedenken zur Kompatibilität vom Tisch sein, fast alle relevanten Programme zu Verfügung stehen. Apple könnte dann ganz das tun, was der Konzern am Besten kann - und seine schicke, leistungsfähige Hardware für sich sprechen lassen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker