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WWDC Apples wichtigster Schritt seit 15 Jahren

Tim Cook steht auf der Bühne
Tim Cook stand bei der großen Ankündigung alleine in der Halle des Steve Jobs Theaters
© Apple / PR
Auf der Entwicklermesse WWDC verkündet Apple seine Software-Pläne für iPhone, iPad und Co. Auch diesmal hatte man einige Neuerungen im Gepäck und näherte das iPhone kräftig an Android-Smartphones an. Doch der große Paukenschlag folgte am Schluss.

Es war eine ungewöhnliche WWDC. Unter normalen Umständen lockt Apples Hausmesse jedes Jahr Entwickler aus der ganzen Welt in die Heimat San Jose, um dort die neuesten Softwaretricks des Konzerns zu präsentieren. Doch wegen der Coronakrise veranstaltete man die Messe zum ersten Mal rein virtuell. In der schwungvoll inszenierten Präsentation zeigte Apple zahlreiche spannende Neuerungen für iPhone, iPad und Co. Der große Hammer am Schluss betraf dann aber nur noch indirekt die Software sondern vielmehr die Hardware: Apple plant beim Mac einen Paradigmenwechsel.

Denn Apple will nach 15 Jahren weg von Intel-Prozessoren – und auch bei seinen Mac-Rechnern ganz auf eigene Chips der A-Serie setzen. Der Schritt erscheint konsequent: Bei iPhone und iPad entwirft Apple die Chips seit Jahren selbst, lässt die Konkurrenten bei der Performance blass aussehen. Da war die Umstellungen eigentlich nur eine Frage der Zeit. 

Ein gewagter Schritt

Dass die Ankündigung eines Hardwarewechsels – bei dem übrigens keine neuen Rechner gezeigt wurden – auf der Entwicklermesse kommt, ist kein Zufall. Apple ist auf die Zusammenarbeit mit den Entwicklern angewiesen. Die neuen Chips basieren auf einer anderen Architektur, unterstützen die alten Programme nicht. Erst wenn die Entwickler ihre Software auf die neue Plattform portieren, bekommen die Nutzer alle Programme, die sie haben wollen. Ein gigantischer Schritt.

Doch Apple hat sich gut darauf vorbereitet. Wichtige Partner wie Microsoft stehen schon jetzt bereit, die Office-Suite mit Word, Excel und Co. soll bereits auf den neuen Chips laufen, so Apple. Auch Adobe arbeite fleißig daran, seine Profiprogramme wie Photoshop zu übertragen. Eine besonders leichte Übertragung von alten Programmen über die Entwicklungsumgebung Xcode und eine Unterstützung alter Software über das Werkzeug Rosetta 2 sollen die Umstellung so reibungslos wie möglich machen. Die Entscheidung, zuerst den Hardwarewechsel anzukündigen, dann aber Zeit für eine Umstellung zu lassen, dürfte da die klügste gewesen sein.

Große Schritte Richtung Android

Vor dem Paukenschlag ging es aber ganz klassisch um Software. Den Anfang machte das kommende iPhone-System iOS 14, das tatsächlich für alle iPhones mit iOS 13 erscheinen wird – also selbst auf dem fast fünf Jahre alten iPhone 6s. Auf dem Homescreen lassen sich nun Widgets wie das Wetter unterbringen. Man kann Standard-Browser und Mail-App festlegen. Anrufe bedecken nicht mehr das ganze Display, sondern werden in einem dezenten Reiter am oberen Rand angezeigt, Videos können in einem Fenster über anderen Apps angezeigt werden. Die Apps müssen außerdem nicht mehr alle den Homescreen vollmüllen, sondern lassen sich in einer Art Schublade verstecken. 

Wer nun stutzt und sich fragt: Das kenne ich doch? Stimmt. Bei Android sind viele dieser Features teils seit Jahren Standard, Apple zieht nun endlich nach. Dabei geht der Konzern wie immer seinen eigenen Weg. So gibt es etwa mit dem "Smartstacks" genannten Widget eine Variante, in der sich wichtige Infos mehrerer Apps in einem Kasten auf dem Homescreen anzeigen lassen können.

Auch die anderen Neuerungen können sich sehen lassen. Mit gepinnten Konversationen und Mentions in Gruppenchats wertet Apple seinen Messenger iMessage auf, neue Memoji-Varianten machen die knuffigen Avatare noch vielfältiger. Hinzu kommen eine neue Übersetzungs-App, Verbesserungen in der Karten-App und eine Funktion, die das iPhone bei unterstützen Modellen zum Autoschlüssel macht.

Spannend sind auch die sogenannten "App Clips": Die Sticker werden physisch in Läden, Restaurants und ähnlichem aufgeklebt. Tappt man sie mit NFC an oder scannt einen Code, lädt das iPhone eine Art Mini-App, um Dienste wie eine Essenskarte, das Buchen eines E-Rollers oder die Terminanfrage bei der Werkstatt zu öffnen – ohne extra eine App dafür installieren zu müssen. Eine sehr nützliche Idee, um die Flut an wenig genutzten Apps zu reduzieren. Und auch Siri soll – mal wieder – deutlich smarter werden und etwa 20 Mal mehr Fakten gleich ohne Internetsuche kennen. Ob das die im Englischen deutlich besser funktionierende Assistentin auch in Deutschland besser macht, wird sich beweisen müssen.

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Mehr Raum auf dem iPad

Auch beim iPad hatte Apple einiges in Petto. Das seit letztem Jahr eigenständige System wird mit iPadOS 14 noch deutlich mehr Gebrauch vom großen Bildschirm machen, verspricht Apple. Dazu wurden Menüs optimiert, die Räume besser genutzt und auch etwa die Suche überarbeitet. Auch die Bedienung mit dem Stift Apple Pencil wurde ausgeweitet, man kann nun an deutlich mehr Stellen handschriftlich ins System schreiben. Die Neuerungen sind zwar keine Revolution, aber alle sinnvoll. Zudem bekommt das iPad ohnehin noch alle Funktionen von iOS 14 obendrauf. Ein sehr gelungenes Paket.

Eine Überraschung gab es bei den Airpods: Besitzt man mehrere Apple-Geräte, muss man nun nicht mehr manuell zwischen ihnen wechseln. Stattdessen erkennen die Geräte selbst, welches gerade die Kopfhörer braucht und wechseln selbstständig hin und her. Sollte das so reibungslos funktionieren wie gezeigt, wäre das tolle Neuerung. Nur für die Airpods Pro gibt es zudem Spatial Audio, bei dem eine Art 3D-Sound bei unterstützen Medien erzeugt wird und dann etwa der Hubschrauber im Film über den Kopf schwebt.

Die Apple Watch lernt mit WatchOS 7 ebenfalls neues. Neben netten Gimmicks wie mehr Möglichkeiten beim Gestalten der Watchfaces und dem Teilen der eigenen Varianten mit Freunden, neuen Sportarten wie Tanzen und Fahrradrouten sticht vor allem ein Feature heraus: Die Apple Watch unterstützt nun endlich nativ das Schlafauswertung und hilft sogar, entspannter ins Bett zu gehen.

Der Mac kommt zum iPhone

Große Änderungen gibt es auch beim Mac. Auch die mit "Big Sur" etwas ungewöhnlich benannte neue Systemversion bringt den Mac gemeinsam mit der Hardwareumstellung näher an Apples Mobilgeräte. Das überarbeitete Interface erinnert an iPhone und iPad, auch der Mac bekommt nun die Schnelleinstellungen im Control Center spendiert, die Benachrichtungszentrale wird ebenfalls in Richtung der Mobilgeräte bearbeitet. Sogar die schon lange verfügbaren Widgets werden überarbeitet. 

Wichtige Neuerungen bekommt auch der Browser Safari. Er soll nicht nur 50 Prozent schneller geworden sein, sondern gleichzeitig auch noch besser die Privatsphäre des Nutzers schützen. Dazu präsentiert er dem Nutzer etwa einen sogenannten Privacy Report, der detailliert auflistet, wie eine Webseite den Besuch auszuwerten versucht. 

Eine der einflussreichsten Änderungen dürfte aber Macs mit Apples A-Prozessoren kommen: Dann unterstützen Macs nämlich nativ sämtliche Programme für iPhone und iPad. Dadurch dürften für Apples Computer mit einem Schlag mehr Programme bereitstehen, als das in der Vergangenheit je der Fall war. Wohl kaum eine Entscheidung steht so sehr für den Wandel des Computers in den letzten Jahren: Während das Smartphone jahrelang als Erweiterung des PCs gesehen wurde, ist es nun genau anders herum.


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