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Phänomen Minecraft: Wenn Männer ranklotzen

Das Videospiel Minecraft ist der Traum vieler Männer, eine Art Lego mit unendlich vielen Steinen. Fünf Millionen Menschen stapeln bunte Klötzchen und versuchen, sich mit ihren Bauten zu übertrumpfen.

Von Christoph Fröhlich

Zwei Holzquader sind ein Stab, eine Spitzhacke besteht aus zwei Stäben und drei Brettern. Sie verstehen nur Bahnhof? Dann waren Sie garantiert noch nie in der Welt von Minecraft, einem extrem erfolgreichen Klötzchen-Videospiel. Mehr als fünf Millionen Mal verkaufte sich das Spiel bisher und stellt damit manche Großproduktion in den Schatten. Das Prinzip ist simpel, der Suchtfaktor riesig: Der Spieler sammelt Ressourcen und baut sich daraus ein eigenes Haus. Darin verschanzt er sich nachts, um sich vor bedrohlichen Monstern zu schützen.

Doch um die eigentliche "Geschichte" geht es schon gar nicht mehr - mittlerweile ist das Spiel zum Brutkasten für kreative Häuslebauer geworden. Gibt man sich zu Beginn des Spiels noch mit einer kleinen Hütte zufrieden, wird Wochen später das virtuelle Eigenheim zur riesigen Festung ausgebaut. Und anschließend zur ganzen Stadt. Ist auch das erledigt, geht es unterirdisch weiter. In Minecraft hört es niemals auf. Doch was ist an dem Spiel so faszinierend?

Start im Paradies

"Man kann fast alles bauen, im Moment bastle ich an einem Unterwasserhaus", meint Maurice Pawlik, Student der Angewandten Geowissenschaften. Er spielt Minecraft seit knapp drei Monaten, mittlerweile hat er rund 130 Spielstunden in der Klötzchenwelt verbracht. "Eigentlich spiele ich fast jeden Tag", sagt er. "Mal ein paar Stunden, mal nur ein paar Minuten. Es ist das ideale Spiel zum Entspannen." Auf das Spiel aufmerksam geworden ist er durch Freunde. Er habe früher schon gerne mit Lego gespielt, vielleicht finde er das Spiel deshalb so faszinierend.

Zu Beginn des Spiels startet man ohne Kleidung, ohne Gegenstände und mit keinerlei Ressourcen. Nach wenigen Metern trifft man auf herumhüpfende Tiere, auf grüne Wiesen, riesige Savannen, schneebedeckte Berge und weite Ozeane mit weißen Sandstränden. Ein Paradies in Pixelform. Doch was ist zu tun? Ein Ziel gibt es nicht, Erklärungen ebenso wenig. Trial and Error wird hier großgeschrieben. "Ich hatte keine Ahnung, was ich machen muss", sagt Maurice. "Ich habe einfach mal drauf los probiert."

Schnell fand er heraus, dass Gegenstände zerstört und aufgesammelt werden können. Stellt man sich neben einen Baum und hält die linke Maustaste gedrückt, findet man wenige Sekunden später den Baumstamm im Rucksack wieder. Ein Baumstamm kann in vier Bretter umgewandelt werden, zwei Bretter bilden einen Stab, zwei Stäbe und drei Bretter eine Spitzhacke, mit der Ressourcen schneller abgebaut werden können.

Jetzt packte ihn die Neugier: Was kann noch gebaut werden? Welche Rohstoffe gibt es zu entdecken? Metertief buddelte er sich in die Erde auf der Suche nach wertvollen Erzen. "Als Geologe finde ich das besonders toll. Manchmal grabe ich einfach nur Gänge."

Der große Lego-Traum

Spieler wie Maurice sind das typische Minecraft-Publikum: Als kleiner Junge spielte er mit Lego, später standen Videospiele auf der Wunschliste. "Klötzchen-Dinge sind maskulin", meint auch der schwedische Minecraft-Entwickler Markus Persson auf der diesjährigen "Game Developers Conference". Bisher gibt es in Minecraft nur männliche Spielfiguren. Häuser bauen, in unterirdischen Minen nach Erzen buddeln, technische Schaltungen programmieren - das alles ist eher Männerdomäne. Doch auch einige Frauen erfreuen sich an der Klötzchenwelt von Minecraft - so auch die Freundin von Maurice. "Sie interessiert sich aber eher für Blumen und sammelt Wolle, um Stoffe zu färben." Nirgendwo scheinen sich Klischees mehr zu bewahrheiten als in Minecraft.

Wer keine Lust auf das Sammeln von Rohstoffen hat, kann sich im Creative-Modus austoben. Hier darf der Nutzer ungestört sein Traumprojekt verwirklichen - egal ob unüberwindbare Burgen, riesige Raumschiffe oder kilometerlange Tunnelanlagen. Echte Minecraftler verbringen Tag und Nacht in dem riesigen Klötzchen-Sandkasten. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: Einige Gebäude bestehen aus mehr als 100.000 Klötzen, die mühsam arrangiert sind. So gibt es auf Youtube ein römisches Kolosseum zu bewundern, das aus 130.000 Bausteinen besteht. 600 Stunden hat der Bau samt Recherche und Planung gedauert, das Endergebnis bietet rund 50.000 Zuschauerplätze.

Du hast einen Todesstern gebaut? Meiner ist größer!

Andere Spieler bauen mehretagige Häuser mit Wintergarten, Swimming Pool und Keller, die nachts beleuchtet sind. Es gibt Häfen mit einer ganzen Flotte von Kreuzern aus dem Zweiten Weltkrieg. Einen riesengroßen, begehbaren Todesstern. Eine Mona Lisa aus 15.000 Teilen. Das Stadion von Real Madrid, U-Bahn-Stationen, Baumhäuser - der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und alles getreu dem Motto: größer, höher, weiter. Nirgendwo können sich Männer besser miteinander vergleichen, als im Baukasten von Minecraft.

Um schneller voranzukommen, können Spieler online gemeinsam an einem Gebäude bauen. Eine besonders aktive Spielgruppe plant derzeit den Nachbau von Mittelerde, der Fantasywelt aus "Der Herr der Ringe". Einige Gebäude wie die Festung Minas Tirith, bekannt aus "Der Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs", gibt es bereits in maßstabsgetreuen Nachbauten. In speziellen Foren oder auf der Videoplattform Youtube kommentieren die Fans gegenseitig ihre neuesten Kunstwerke, geben Lob und Anregungen. Auch Musikvideos im Minecraft-Stil erfreuen sich großer Beliebtheit. Ein Klötzchen-Video hat bereits mehr als 23 Millionen Klicks, mehr als manche Hitsingle.

Ganz so weit ist Maurice noch nicht. Er baut größtenteils allein an seinem Unterwasserhaus. Wie es am Ende aussehen soll, darüber hat er sich noch keine Gedanken gemacht. Er baut einfach so, wie es ihm gefällt. Der Weg ist das Ziel.

Einige Minecraft-Bastler bekommen sogar wieder Lust auf echtes Lego. Passenderweise gibt es demnächst einen speziellen zu kaufen. Inklusive Spielfigur und Monster. 35 Euro kostet das Set, das aus 480 Steinen besteht. Genug, um ein kleines Heim zu bauen und langsam zu vergrößern. Ganz wie im digitalen Vorbild.

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