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Urheberrecht: Google stellt Millionen Bücher einfach ins Netz - wem nutzt das eigentlich?

Von Millionen Büchern gibt es bereits eine digitale Version im Internet bei Google Books. Völlig gratis kann man dort seitenweise blättern, lesen - und herauskopieren. Ist das legal? Und was bedeutet das für Autoren und Leser?

Der Google-Schriftzug auf einem iPad Mini, eine Hand hält das Tablet, eine berührt das Display.

Erst E-Book-Reader, dann das endgültige Okay für Google Books - Urheber könnten darunter leiden

Keine Lust, ein Buch auszuleihen? Zu geizig, eins zu kaufen? Da schafft Google Books Abhilfe. Seit 2004 digitalisiert Google Millionen Bücher; scannt sie ein und stellt sie ins Internet. Ohne Zustimmung der Urheber. Die ist laut "Fair Use" auch gar nicht nötig: Das US-amerikanische Urheberrechtsgesetz drückt wesentlich mehr Augen zu als etwa das deutsche Zitatrecht.

Über Jahre hinweg haben Autoren in den Vereinigten Staaten gegen Google Books geklagt - und sind jetzt endgültig gescheitert. Seit Montag ist klar: Google darf ihre Werke grenzenlos digitalisieren. Denn der Oberste Gerichtshof der USA hat ein Verfahren zu Google Books abgelehnt - damit gilt die Entscheidung der Vorinstanzen; zuletzt urteilte ein Gericht im Herbst pro Google.

In der digitalen Welt müssen Autoren um die Rechte an ihren Texten bangen. Schon E-Books warfen bedeutende Fragen zum Urheberrecht auf, die noch immer nicht ganz geklärt sind. Nun wurde auch noch entschieden, dass Google Bücher weiterhin einfach ins Internet stellen darf. Schon ohne Urteil hatte der Internetriese vor zwölf Jahren damit begonnen, hunderttausende Werke einzuscannen und neu zu veröffentlichen.

Der Traum für faule Studenten

Das beste: Diese Scans im Internet sind für ein bestimmtes Klientel viel wertvoller als alles, was man gedruckt finden kann. Für eine bestimmte Information aus einem bestimmten Buch ganze Bibliotheken oder Buchhandlungen durchstöbern und anschließend dicke Schinken wälzen? Das war einmal. Google sucht nicht nur die Bücher selbst heraus uns scannt sie ein - schon das spart Stunden. Nein: Google liest die Bücher auch noch für uns.

Wer keine Lust hat, nachzulesen, wo denn nun der Abschnitt zu dem gewünschten Stichwort steht, gibt einfach den Begriff in die Suchmaske ein - und das Tool markiert jede Erwähnung des Wortes. Sogar, wenn einige der Seiten, die das Wort enthalten, nicht bei Google Books verfügbar sind: Die Seitenzahl ist einsehbar und wer das Buch daraufhin leiht oder kauft, wird schnell fündig.

Diese Suchfunktion ist nicht nur der Traum fauler Studenten. Sie ist auch noch das eine kleine Detail, weswegen Google überhaupt die Lizenz zum Scannen im Rahmen des Fair Use erteilt wurde. Denn selbst dieses für deutsche Verhältnisse sehr großzügige Gesetz der USA verlangt als Voraussetzung für eine Freigabe, dass mithilfe des verwendeten Zitats ein neues Werk entsteht - Transformation genannt. Im deutschen Recht ist das mit dem notwendigen Zitatzweck vergleichbar.

Google bewegt sich haarscharf am Rand des Erlaubten

Denn ein Text darf nicht einfach so zitiert werden, es muss einen Grund und eine entsprechende Einleitung geben. Doch Google fügt den eingescannten Büchern kein Wort hinzu, auch der Inhalt wird nicht bewertet oder kommentiert - er wird ausschließlich als Scan neu veröffentlicht. Gratis und für alle zugänglich. Die Richter der Instanzen vor dem Obersten Gerichtshof hatten das dennoch als Fair Use durchgehen lassen, da den Büchern mit der Durchsuchbarkeit nach bestimmten Wörtern ja doch irgendwie eine neue Funktionen hinzugefügt würde.

"Der Zweck des Kopierens ist höchst transformativ, die öffentliche Sichtbarkeit des Textes ist beschränkt und das Gezeigte ist kein ausreichender Markt-Ersatz für die geschützten Aspekte des Originals", so steht es in einer Begründung, die das Berufungsgericht im Herbst herausgab, das über die Einwände der Autoren-Vereinigung verhandelte.

Voraussetzung im Sinne des Fair Use ist neben Transformation, dass die Nutzung einem öffentlichen Interesse dient und die herkömmliche Verwertung eines Werkes nicht bedroht wird. Bei Google Books sieht das eben schon ganz schön haarig aus. Ist die Verwertung des gedruckten Buches wirklich nicht bedroht, wenn der Inhalt im Netz steht und dort sogar auch noch viel komfortabler durchsuchbar ist?

Wozu noch Bücher kaufen? Die gefährliche Entwicklung

Kostenpflichtige Versionen der Texte werden damit zunehmend entbehrlich. Der Trend geht dahin, gedruckte Bücher durch eine elektronische Variante zu substituieren oder zumindest zu erweitern, um sie einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Das zeigen etwa Bibliotheken, die ermöglichen wollen, dass mehrere Menschen gleichzeitig ein Werk ausleihen können. Etwa in Form von E-Books. Schon die brachten Probleme mit sich. Denn die Zugänglichkeit von gedruckten Büchern etwa für Bibliotheken ist gesetzlich klar geregelt. Darüber, ob das auch für digitale Formate gilt, wird seit Jahren heftig gestritten. Bei E-Books wird mit dem sogenannten Digital Rights Management wenigstens noch verhindert, dass ein gesamtes Buch auf einmal heruntergeladen und ausgedruckt werden kann.

Nicht so bei Google Books. Dort gibt es statt mehrerer Exemplare wie beim gedruckten Buch bloß noch eine digitalisierte Version, die alle gleichzeitig nutzen können, für lau. Es gibt nicht einmal Tantiemen pro Download, etwa entsprechend der Kopierabgabe für die Verwertungsgesellschaft Wort - es wird ja nichts heruntergeladen.

Keine Bezahlung, keine Autoren, keine Bücher

Beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels und auch beim Verband der Bibliotheken pocht man noch immer darauf, dass die Buchpreisbindung auch für elektronische Bücher gelten muss - damit kein Preiswettbewerb zustande kommt und ein angemessener Verdienst der Buchautoren gewährleistet bleibt. Man diskutiert auch über den reduzierte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent, der für gedruckte Bücher gilt, und darüber, dass man für E-Books 19 Prozent zahlt - obwohl doch das E-Book auch nur ein Buch sei, das als Datei vorliegt, und keine Software.

Dabei steht längst ein ganz anderer Elefant im Raum: Mit dem neuen alten Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA darf Google auch aktuelle Werke digitalisieren und hochladen. Und wenn nicht nur faule Studenten, sondern auch Liebhaber von Belletristik auf die eingescannte und größenverstellbare Textversion im Internet zurückgreifen, sind E-Books das kleinste Problem. Für Google Books zahlt eben erstmal niemand. Und ohne Bezahlung wird es kaum Autoren geben, die bereit sind, zu schreiben.