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Googles Geburtstag: Das verflixte zehnte Jahr

Genau vor zehn Jahren gründeten zwei Studenten eine kleine Firma, deren einziges Produkt eine Suchmaschine für das Internet war. Weil das Angebot sympathisch, praktisch und kostenlos war, wurde Google die Freundin jedes Websurfers. Doch was kann eine Beziehung aushalten? Gedanken zum Geburtstag.

Von Sven Stillich

Eigentlich ist über Google schon alles geschrieben worden. Wer das nicht glaubt, muss nur "Google" in Google eingeben, und er wird unter den zweieinhalb Millionen Treffern irgendwann die Oden der frühen Jahre finden, die Glückwünsche zu den einzelnen Geburtstagen, neuere Bedenken wegen Datenschutzes und Zensur, dazu einige Porträts der Gründer. Und wenn man aus Versehen nach "Googel" gesucht hat, fragt die Suchmaschine nach "Meinten Sie: Google?" Ja, Google weiß sogar, was man gemeint hat. Denn Google will unsere beste Freundin sein. Sie liest uns die Wünsche von den Fingern ab, sie ist immer da, wenn man sie braucht, und viele können sich gar nicht mehr vorstellen, wie die Welt ohne sie einmal war. "Ich google das mal" zu sagen, ist seit ein paar Jahren sogar laut Duden korrektes Deutsch.

In zehn Jahren dem Nichts zum Verb: Mehr kann eine Firma nicht erreichen. So wie man beim Schnupfen zum "Tempo" greift, so sucht man im Internet bei "Google". Mit dem Unterschied, dass die meisten auch Taschentücher anderer Marken benutzen würden, wenn die Nase juckt - als Suchmaschine jedoch kommt lediglich Google in Frage. Diesen Absolutismus kann man kritisieren, was jedoch nur wenig nutzen würde. Schließlich ist es normal, dass sich Menschen die Welt klein machen: Die Stadt schrumpft zum Kiez, in dem man sich gut auskennt, die meisten haben nur eine Handvoll echte Freunde und nicht fünfzig, und wer einmal einen Lieblingsgriechen gefunden hat, geht für sein Souvlaki selten ein paar Straßen weiter. Das alles ist normal. Verglichen mit Google wäre das allerdings so, als würden der Rest der Stadt, die Bekannten und die Nichtlieblingsgriechen gar nicht mehr vorhanden sein. Denn Google ist für viele Menschen das einzige Fenster zum Netz: Was dort nicht gefunden wird oder weiter unten in der Liste erscheint, das existiert nicht. Und das ist auf lange Sicht gefährlich wie jedes Monopol. Auch dieser Geburtstagsgruß wird bald von der Maschine entdeckt werden und damit für die meisten überhaupt erst vorhanden sein - ohne einen Treffer bei Google wäre er bereits morgen aus der Welt gefallen wie ein nicht entdecktes Volk im Amazonasgebiet.

Die Kinder kennen es nicht mehr anders

Millionen Menschen haben das WWW auf diese Weise kennen gelernt, und die Generation Google wächst sogar damit auf: Es gibt in ganz Deutschland wohl kein Schulkind mehr, dass seine Hausaufgaben ohne Google macht. Jeder, der im Internet surft, besucht wohl mindestens ein Mal pro Tag die Seite, viele haben die Suchmaschine als persönliche Startseite eingestellt. Selten also hatte eine einzige Firma so viel Macht über das Wissen, das uns zugänglich ist. Oder besser: das wir uns zugänglich machen. Im Gegensatz zu Völkern in autoritären Staaten, die den Zugang zum Internet filtern, beschränken wir uns selbst. Und da es in Deutschland kein Gesetz gibt, das uns das vorschreibt, machen wir das aus einem Grund: Google macht seinen Job ausreichend gut. Die schlanken Finger der Suchmaschine reichen zwar nicht in alle staubigen Ecken des Internets, kratzen aber immerhin so viel zusammen, dass wir zufrieden sind und nicht auf den Gedanken kommen, nach etwas Besserem verlangen. Null Treffer: Das passiert selten. Und geschieht es dennoch, dann denken viele, sie hätten etwas falsch gemacht.

Vertrauenssache

Wir vertrauen Google also, wie man eben dem Rat einer guten Freundin vertraut. Auch weil sie immer die Alte bleibt. Oder glaubt jemand, es sei Zufall, dass Google immer noch so aussieht wie das Internet vor zehn Jahren - mit blau unterlegten Hyperlinks auf weißem Grund? Unsere Freundin will eben sehr zuverlässig erscheinen. Auch deswegen haben wir aus "Google" über die Jahre hinweg eine wertvolle Marke gemacht. Experten behaupten, es sei die größte und teuerste der Welt. Dabei hat sich unsere virtuelle Freundin erlaubt, sich fast in unserem gesamten digitalen Leben breit zu machen. Wir schauen mit ihr Videos, wir informieren uns bei ihr über die Welt, wir sehen uns mit Google die Welt von oben an und planen unsere Urlaubsreise, wir haben unsere E-Mail-Adresse bei ihr, lesen Bücher und bloggen mit ihrer Software, sortieren damit Fotos und halten Kontakt zu Freunden. Bald werden wir mit Google auch noch telefonieren. Und zum Geburtstag sollen wir mit Googles Browser Chrome wie ein lackierter Blitz durchs Internet surfen, mit Google von Google zu Google. Und natürlich vor allem für Google.

Denn obwohl unsere Freundin nie Geld von uns nehmen würde (ihre Großzügigkeit ist ein Grund, weshalb wir sie von Anfang an sympathisch fanden), ist sie durch uns reich geworden - weil wir ihr viel von uns erzählt haben: Google schaut zu, was wir mit der Suchmaschine suchen, Google scannt unsere Mails nach verwertbaren Begriffen, kaum auszudenken, was Google noch protokolliert, wenn viele bald mit dem firmeneigenen Browser surfen. Und nicht vergessen: Freundin Google vergisst nichts. Sie erinnert sich an alles, die Gute. Sie nennt das "Cache".

Und sie scheint dabei das schmusige Konzernmotto "Don't be evil" ("Tue nichts böses") durch "What we do can't be evil" ("Was wir tun, kann nicht böse sein") ersetzt zu haben. Das kann man kritisieren, und wenn man das oft genug macht, dann nutzt es vielleicht auch etwas. Und sei es auch nur, dass die Nutzer bewusster mit ihrer Freundin umgehen und ihr nicht alles erzählen. Dabei geht es nicht um Kulturpessimismus oder Technikfeindlichkeit. Die Klage zum Beispiel, dass wir kaum noch etwas im Kopf behalten würden, weil wir bei Google immer nachschlagen können, erinnert an die Befürchtungen, Kinder würden nicht mehr rechnen lernen, weil es nun Taschenrechner gäbe. Auch die Erfindung der Schrift hat keineswegs dazu geführt, dass sich die Menschen nichts mehr merken. Es geht an einem Tag wie heute nur darum zu sagen: Happy Birthday, liebe Freundin. Wir hatten viele schöne Jahre und du hast uns oft geholfen. Vielen Dank dafür. Nur: In der letzten Zeit machst du uns ein bisschen Sorgen. Vielleicht brauchen wir ein wenig Abstand, das würde uns beiden ganz gut tun - bevor wir uns nach jemand anderem umsehen müssen. Denn andere Firmen haben auch hübsche Töchter.

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