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Internetbandbreite: Die Mär von der Datensturmflut

Auf den ersten Blick erscheint es logisch: Weil alle Welt YouTube schaut, per Skype telefoniert und Musik herunterlädt, könnte das Internet unter der Last seiner Nutzer in die Knie gehen, warnen einige Experten. Andere sehen das allerdings völlig anders - und wittern nur Panikmache aus Geschäftsinteresse.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Es klingt einleuchtend: Immer neue Internetdienste schießen aus dem Boden, die auf schnelle Verbindungen setzen und gigantischen Datenhunger mitbringen. Myspace, Google Maps, Skype, iTunes, YouTube - je populärer all diese Angebote werden, um so schneller steigt die Menge an Bits und Bytes, die durchs WWW rasen. Irgendwann, könnte man meinen, ist Schluss. Schwillt der Datenstrom zu sehr an, verstopfen die Leitungen, und selbst der schnellste Breitband-Anschluss fühlt sich wieder an wie eine Modem-Verbindung anno 1995.

Zurück in die Zukunft dank Web 2.0, genau davor warnt eine aktuelle Studie des US-Marktforschers Nemertes, die viel Aufsehen erregt hat. Bereits in zwei Jahren sehen die Autoren den Netz-Infarkt drohen: "Ab 2010 wird das Internet mit den Anforderungen der Nutzer wahrscheinlich nicht mehr mithalten können", heißt es in der Pressemitteilung zur Studie. Anschließend sei zwar kein kompletter Kollaps zu befürchten, aber es könne lästig werden, online Einkaufen zu gehen, weil Seiten nur noch träge reagieren werden, und YouTube-Videos könnten unfreiwillige Pausen einlegen. Schlimmer noch: "Die nächste Firma à la Amazon, Google oder YouTube wird es womöglich nie geben" - weil die technischen Voraussetzungen zu schlecht seien. Um das Szenario abzuwenden, müssten weltweit 137 Milliarden Dollar in den Ausbau des Datennetzes investiert werden, argumentiert Nemertes, und zwar flink.

Zehn Prozent aller Daten kommen von YouTube

Tatsächlich wächst das Internet rasant, wohin man auch schaut. 1996 waren erst 48 Millionen Menschen online, berichtet die Unternehmensberatung IDC; heute sind es schon mehr als eine Milliarde, und bis 2010 sollen es 1,6 Milliarden sein. Vor allem in Ländern wie China, Indien, Russland und Brasilien drängen immerzu neue Nutzer ins Netz, soziale Netzwerke verführen rund um den Erdball zum Dauersurfen, und Fernsehen am PC ist längst zum Volkssport geworden: Allein die Amerikaner schauten im September neun Milliarden Online-Videos, meldet der Marktforscher Comscore. Youtube zeigt sich mittlerweile so gefräßig, dass zehn Prozent aller Daten, die im Internet übertragen werden, auf das Konto der Online-Glotze gehen.

Aber droht dem Internet deshalb schon bald der Kollaps? "Ich bin skeptisch", sagt Andrew Odlyzko, Informatikprofessor an der University of Minnesota. Vor allem wegen der Annahme der Nemertes-Autoren, dass sich die Datenmenge im WWW auf Jahre verdoppeln wird. "Das ist nicht ausgeschlossen, aber im Moment sieht es nicht danach aus", sagt Odlyzko, der ein Team leitet, das versucht, Internet-Datenströme zu messen. Genaue Informationen sind nur schwer zu ermitteln, weil das Internet eine Art digitaler Flickenteppich diverser öffentlicher und privater Einzelnetze darstellt. Doch nach Schätzung der Forscher wächst das Verkehrsaufkommen derzeit um 50 bis 60 Prozent im Jahr - und zwar relativ konstant. Die plötzliche Popularität von Youtube & Co. habe daran nichts geändert, sondern lediglich verhindert, dass sich das Wachstum verlangsamt, erklärt Odlyzko. "50 bis 60 Prozent ist ja ein sehr hoher Wert, solche Wachstumsraten würden Sie anderswo kaum finden."

Dennoch, so sagt auch Cisco voraus, gehe es jetzt erst richtig los. Der Netzwerkriese sieht in Internet-TV, Video-Telefonie und Filesharing die treibenden Kräfte für ein gigantisches Anschwellen der Datenflut: Bis 2011, so schätzt die US-Firma, wird sich die Informationsmenge, die durchs Internet strömt, etwa verdreifachen - auf 29 Exabyte im Monat. Ein Exabyte entspricht einer Milliarde Gigabyte: etwa der Datenmenge, die auf 220 Millionen DVDs passt. "YouTube ist erst der Anfang", prophezeien die Autoren einer Cisco-Studie mit dem Titel "Die Exabyte-Ära" und rechnen vor, dass 2,7 Millionen künftige Internet-TV-Zuschauer, die hochauflösende Videos aus dem Netz bestaunen, genausoviel Leitungskapazität belegen wie 57 Millionen YouTube-Nutzer heutzutage.

Exaflut ist "hypothetisch"

Hinzu kommen Firmen, die künftig noch stärker das Internet nutzen werden, damit ihre Mitarbeiter rund um den Globus gemeinsam an Projekten arbeiten können - etwa mithilfe von Videokonferenz-Systemen. "Wenn sich das durchsetzt, wird es einen spürbaren Unterschied machen und einen sehr viel höheren Datendurchsatz verlangen", sagt Cisco-Managerin Marie Hattar. Die Gefahr einer "Exaflut", die das Internet überschwemmen könnte, hält sie dennoch für "sehr hypothetisch". Könnte es zum Stau im Netz kommen? "Theoretisch ja", sagt Hattar, "aber in der Praxis wird ständig investiert und vorausgeplant." Anbieter wie Arcor, Vodafone und die Deutsche Telekom stecken Milliarden in den Ausbau ihrer Netze, und neue Technik erlaubt es ihnen, die bestehende Infrastruktur besser zu nutzen.

Vorreiter Asien

Wer sich immer noch sorgt, sollte einen Blick nach Asien werfen: Dort ist die Zukunft schon Gegenwart. In Hong Kong und Südkorea schicken die Menschen zehnmal mehr Daten durchs Netz als der durchschnittliche Europäer - ohne dass das Internet auch nur einen Schluckauf bekommt. Regierungen und Telekom-Unternehmen haben früh in eine vielspurige Datenautobahn investiert und Glasfasernetze bis zur Haustür vieler Kunden gelegt. "Hongkong und Südkorea haben gezeigt, dass es geht", sagt Andrew Odlyzko. Der Rummel um die "Exaflut" habe in Wahrheit viel zu tun mit der Hoffnung auf ein großes Geschäft, vermutet der Professor. Die 137 Milliarden-Schätzung der Nemertes-Autoren hält er allerdings für überzogen. "Selbst wenn die Exaflut käme, würde sie kaum so teuer werden wie vorhergesagt", urteilt Odlyzko.

Vor allem darf man die Nemertes-Studie wohl als Signal an die Regierung in Washington verstehen: Auftraggeber war die "Internet Innovation Alliance", eine Lobby-Gruppe der Telekom-Industrie. Die beiden Vorsitzenden der IIA forderten schon im Mai in einem Gastkommentar in der Washington Post, der Gesetzgeber solle Steuern senken, Auflagen entfernen und dem Wettbewerb seinen Lauf lassen. Nur so seien die nötigen "außerordentlichen Investitionen" zu erwarten, die so wichtig seien für Amerikas Zukunft. Titel des Kommentars: "Her mit der Exaflut!"