Kampf ums Web Wo ist nur Ballmers Plan B?


Microsoft steht nach der Absage der Yahoo-Übernahme im Internetgeschäft ohne strategische Alternative da. Konzernchef Ballmer will nun die bislang erfolglose Politik der kleinen Schritte fortsetzen. Und währenddessen klopft Yahoo wieder zaghaft an die Tür.
Von Helene Laube

Flughäfen sind für die meisten mit stornierten Flügen und verlorenem Gepäck schikanierten Reisenden längst ein Ort der Verdammten. Steve Ballmer wollte am vergangenen Samstag zwar nirgendwohin fliegen, verloren und verpasst hat er an dem Tag am Flughafen von Seattle aber viel: Dort, unweit des Microsoft-Hauptsitzes in Redmond, traf sich der Microsoft-Vorstandsvorsitzende mit Yahoo-Gründer und -Chef Jerry Yang und Yahoo-Mitbegründer David Filo, die aus dem Silicon Valley eingeflogen waren. Stundenlang diskutierten sie über das Wie und Warum einer Übernahme - vor allem ging es aber um den Preis.

Zu dem Zeitpunkt hatte Ballmer schon signalisiert, dass er sein Angebot aufstocken würde, das mit dem Microsoft-Aktienkurs von einst 31 $ auf unter 30 $ je Aktie gerutscht war. Aber Yang wollte mehr, mindestens 37 $ je Aktie. Das war Ballmer deutlich zu teuer, und er zog sein nunmehr fast 50 Mrd. $ schweres Übernahmeangebot für das weltgrößte Internetportal zurück.

So kehrte Ballmer am Samstag dem Sea-Tac Airport und Yahoo den Rücken - weiterhin auf der Suche nach Lösungen für Microsofts dringlichstes Problem: Wie kommt der weltgrößte Softwarekonzern dem Rivalen Google im Internetgeschäft und vor allem im vom führenden Suchmaschinenanbieter dominierten lukrativen Geschäft mit bezahlter Werbung auf den Ergebnisseiten von Suchmaschinen bei? Und wie reagiert er auf die Entwicklung weg vom PC als Zentrum des Computerwesens hin zum Internet, wo immer mehr Anwendungen als - vielfach kostenlose - Onlineversion verfügbar sind?

Mit der Übernahme von Yahoo versuchte Microsoft, sich aus dem Problem herauszukaufen. Ob die Strategie geklappt hätte, bezweifelten zahlreiche Experten. Aber immerhin war es ein kühner Versuch, auf die veränderten Marktbedingungen zu reagieren.

Microsoft will die Herausforderungen nun im Alleingang bewältigen. Der Konzern werde unter anderem mit Partnerschaften und Investitionen versuchen, in diesem Geschäft global Wettbewerbsvorteile zu erringen, schrieb Ballmer am Samstag in einer E-Mail an seine Mitarbeiter. Auch solle noch mehr Geld in die Entwicklung "umwälzender Web-Werkzeuge und -Erlebnisse" gesteckt werden.

"Yahoo hätte unsere Strategie beschleunigt, aber ich bin zuversichtlich, dass wir auch so auf unsere Ziele hinarbeiten können", schrieb Ballmer, ohne detaillierter zu werden. Kurz nach der Ankündigung des Angebots für Yahoo Anfang Februar hatte Ballmer dieses noch als "nächsten großen Meilenstein in der Transformation von Microsoft" bezeichnet, ein Schritt, zu dem er "keine Alternative" sehe. "Wir brauchen die gemeinsame Forschungs- und Entwicklungskapazität, um mit dem Marktführer mitzuhalten", argumentierte er. Am 1. Mai, zwei Tage vor seinem Rückzieher, hatte er in einem Interview dann beteuert, dass Microsoft es auch allein schaffen werde, "es wird einfach länger dauern".

Die Frage ist nicht nur, wie lange, sondern vor allem, wie. "Wir sehen weiterhin keinen Plan B für Microsoft", schrieb Mark Mahaney, Analyst der US-Investmentbank Citigroup, am Montag. Der Analyst geht davon aus, dass es Microsoft nicht ganz aus eigener Kraft schaffen wird, sondern sich nach kleineren Übernahmezielen umsehen wird.

Die Innovationskraft und Ballmers brachialer Erfolgswille dürfen nicht unterschätzt werden. Der Konzern ist mit seiner Dominanz in Geschäftsfeldern wie Betriebssysteme und Bürosoftware weiterhin übermächtig, höchst profitabel und kann große Projekte stemmen. Aber der Aktienkurs leidet unter Zweifeln, wie das Wachstumstempo beschleunigt werden kann und, vor allem, wie Microsoft zu Internetkonzernen wie Google aufschließt. Trotz Milliardeninvestitionen in die Entwicklung einer eigenen Suchmaschine, eines Online-Werbeangebots und anderer Dienste und trotz Milliardenübernahmen im Online-Werbemarkt hat der Windows-Konzern die gewünschten Ergebnisse nicht erreicht. Zudem schreibt das Internetgeschäft tiefrote Zahlen.

Ballmers Dilemma scheint Investoren zumindest kurzfristig wenig zu beunruhigen. Erleichtert darüber, dass er keine fast 50 Mrd. $ für Yahoo ausgibt, ließen sie den Aktienkurs am Montag um fast zwei Prozent ansteigen. Aber das Werben zwischen Seattle und dem Silicon Valley ist nach Meinung zahlreicher Analysten noch nicht vorbei. "Die Chance besteht, dass Microsoft und Yahoo ihre Differenzen beseitigen und sich doch noch zusammentun", schreibt etwa Analyst Brent Thill von Citigroup.

FTD

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