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Kolumne: Neulich im Netz: Für ein atomstromfreies Internet

Bei Greenpeace gibt es jetzt eine Plakette für atomstromfreie Websites. Das freut einen Kolumnisten mit glutenfreiem Magen natürlich besonders.

Bei Greenpeace gibt es jetzt eine Plakette für atomstromfreie Websites. Das freut einen Kolumnisten mit glutenfreiem Magen natürlich besonders. Denn heute Mittag gab es Aldi-Reis. Der ist glutenfrei, auch wenn keiner genau weiß, ob es auf dem U oder dem E betont wird. Dafür gibt es zwar keine Plakette, aber von der wird auch niemand satt. Außer vielleicht Greenpeace, denen es zu gönnen wäre. Denn die Plakette gibt's nicht einfach so in der Fußgängerzone zwischen Schaumsaugbürsten und Hare-Krishna-Comics.

Mitglieder haben's leichter

Ökologische Sekundarstufen-Informatiker können die Plakette auch nicht beantragen. Mit der Plakette ist es wie mit dem schwarzen Adler auf gelbem Grund. Erst die ADAC-Mitgliedschaft bezahlen, dann die Windschutzscheibe verschandelt. Die Greenpeace-Plakette ist also eine Vignette fürs Surfen ruhigen Gewissens. Zu beziehen bei Greenpeace respektive deren Tochter, der Greenpeace energy e.G., einer Genossenschaft. Diese bietet Strom an, und jeder Kunde muss Mitglied werden, also mindestens 50 Euro einlegen. Wie bei den Genossenschaftsbanken auch.

Der Weg zu guten Providern

Also noch mal: Atomstromfreie Websites mit atomstromfreie-Website-Siegel gibt es nur bei der Greenpeace-Genossenschaft. Damit sie auch weiß, wo der Strom herkommt, gibt es eine Tochter der Tochter namens Planet Energy GmbH, die baut Kraftwerke. Mit Sonne, Wind, Wasser und Kraft-Wärme-Kopplung. Aber wer bekommt denn jetzt das Siegel? Kunden von Providern, die Kunden bei der Genossenschaft sind. Clever, nicht? Wenn also beispielsweise T-Online oder AOL ihren Strom ökologisch anbauen ließen, gäbe es mit einem Schlag viele Tausend Plaketten. Der Einfachheit halber hat die Genossenschaft ein neues Portal eröffnet, das direkt zu einem "guten" Providern weist: www.atomstromfreies-internet.de.

Das Böse lauert überall

Doch ist das wirklich zu Ende gedacht? Denn wenn ich nun eine E-Mail von meinem PC schicke, der mit zertifiziertem Öko-Strom läuft, ein Server meine Domain verwaltet, der bei einem "sauberen" Provider steht und diese E-Mail dann vor die Tür der atomfreien Enklave tritt, was dann? Dann geht es durch nuklearstromgefütterte Server, Router, Hubs und Firewalls, wird die reine Mail von kohlestromschwarzen Scannern auf Scherz und Viren gefilzt und landet werweißwo. Vielleicht sogar im Bösstromnirvana.

Nicht jeder Server muss rund um die Uhr laufen

Deswegen sollten die Maßnahmen ausgeweitet werden. Es genügt nicht, nur sauberen Strom zu verwenden, er sollte auch eingespart werden: Gemäß des Vorbilds des deutschen Patentamts, dessen Recherchedatenbank mit Büroschluss ebenfalls in den Feierabend geht, muss ja nicht jeder Server rund um die Uhr laufen. Gerade bei nächtlicher Pause könnte man bestimmt mehrere Megawatt Bildchen und Videos sparen. Das Versenden von Word-Dokumenten wird grundsätzlich verboten. Denn keiner braucht das wirklich. Wer Texte verschickt, kann auf das ultraschlanke TXT-Format setzen, wer gar nicht auf Bildchen und Grafiken verzichten kann, nimmt eben Adobes PDF-Format.

Strom gewinnen durch Tippen?

Der Tastenhub an den vielen Millionen PCs sollte zur Stromgewinnung genutzt werden, um wenigstens die untere Hälfte des Monitors versorgen zu können. Es gab mal Versuche, Notebookakkus so aufzuladen, das sollte reaktiviert und intensiviert werden. Maussignale könnten über ein unauffälliges Gestänge mechanisch übertragen werden, das spart Energie. Webseiten, die keine Zulassung als Kunstobjekt oder wenigstens Designversuch erhalten, sollten grundsätzlich schwarz-weiß programmiert werden. Das macht sie leicht, das spart Traffic. Wenn jeder Webdesigner ein paar Bildchen weniger auf ohnehin überfrachtete Sites pappt, kann man dafür Pi mal Daumen pro Jahr ein halbes Atomkraftwerk abschalten.

Aber stimmt das denn?

Wenn das nicht fruchten sollte, wird es in der Tat ernst. Denn das Wuppertal-Institut Klima, Umwelt, Energie hat laut Greenpeace errechnet, dass sich der Energieverbrauch allein durch das Internet bis zum Jahr 2010 verfünffachen wird. Anders rum gerechnet: Allein das deutsche Web verursacht pro Jahr 5,8 Tonnen Atommüll und 4 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Selten so gelacht.

Guido Augustin
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