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Kolumne: Neulich im Netz: Logisch: Aus Fehlern lernen

Die gute Nachricht zuerst. Unter den Top 10 der peinlichsten Marketingflops sind bis auf die Telekom, Vodafone und RWE keine Firmen, die direkt mit dem Internet zu tun haben. Gewählt wird der Rohrkrepierer 2002 der Reklamemacher trotzdem im Web.

Die gute Nachricht zuerst. Unter den Top 10 der peinlichsten Marketingflops sind bis auf die Telekom, Vodafone und RWE keine Firmen, die direkt mit dem Internet zu tun haben. Gewählt wird der Rohrkrepierer 2002 der Reklamemacher trotzdem im Web.

Tröstlich also: Millionen werden auch jenseits der digitalen Autobahn aus dem fahrenden Fenster geworfen. Beweis: Die Versammlung der Besten unter www.marketingflops.de. Eine Einrichtung mit Tradition übrigens. Und nicht einmal die Schlechteste, wenngleich noch recht jung. Seit 2001 wird der werbetechnische Schuss in den Ofen prämiert. Verantwortlich: Prof. Markus Voeth nebst Lehrstuhl für Marketing, derzeit ansässig in Hohenheim. Motivation: Anderen helfen, damit sie aus ihren Fehlern lernen. Höchst löblich. Schließlich ist Häme hier wirklich fehl am Platz.

Zugfahren ist so doll nicht

Nichtsdestotrotz in diesem Jahr mit Sicherheit ganz vorn dabei: Hartmut Mehdorn, Chef der Deutschen Bahn AG und zugleich ihr ärgster Feind. Während sich die Bahn wider besseres Wissen als zukunftsgewandtes Unternehmen präsentiert, spricht der oberste Lokführer Tacheles. Zugfahrten über vier Stunden seien "eine Tortur", zitiert Marketingflops Mehdorn aus einer Mitteilung des Fernsehsenders Phoenix vom vergangenen Oktober. Und weil Zugfahren so doll nicht sei, steige er "beispielsweise für die Strecke Berlin-München auf das Konkurrenzverkehrsmittel 'Flugzeug' um."

Das war ja alles nicht so gemeint

Falls Herr Mehdorn das so gesagt hat, hat er es schön gesagt. Und zwar schön blöd. Oder vielleicht auch nur unaufmerksam für einen Moment. Wie die ehemalige Bundesjustizministerin seinerzeit etwa, die den größten amerikanischen Feldherren dieser Tage einem ziemlich gewagten Vergleich aussetzte. Diesen, meinte anschließend die Ministerin, hätte sie ja gar nicht so gemeint und sei ohnehin völlig falsch zitiert, und wenn nicht das, dann zumindest falsch verstanden worden. Was nichts daran änderte, dass die Ministerin ihre Hutschachteln zusammensuchen musste, die Koffer packte und ihren Sessel räumte.

Ein Kandidat für die Krone der Tolpatschigkeit

Die Ministerin nimmt übrigens nicht am Wettbewerb teil. Die Bahn dafür gleich zweimal. Denn auch die famose Neupreiserklärungsreklamekampagne ist Herrn Voeth und seinen internetgewandten Beisitzern ein Kandidat auf die Krone der millionen-verwehenden Tollpatschigkeit. Denn beim Erklären des neuen Preissystems mit seinen durchschnittlich mehr als 300 verschiedenen Preisen pro Zugverbindung rutschten selbst die Rechenkünstler von Gleis 4 von selbigem. Ist ja auch ein Kreuz mit Plus und Minus und zwei im Sinn, wenn es eigentlich keinen macht.

Möge der Beste gewinnen

So oder so: Möge der Beste gewinnen. Angemerkt sei jedoch, dass die Latte hoch liegt. Im vergangenen Jahr errang Quam den Titel. Ältere Menschen erinnern sich vielleicht noch: Die Telefongesellschaft, die es eigentlich nie gab. Bis auf deren Werbung.

Thomas Hirschbiegel