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Musik-Downloads: "Toll Collect 2"

Ein neues Internetangebot soll illegalen Tauschbörsen Konkurrenz machen. Dumm nur: Phonoline ist zwar legal, steckt aber voller Mängel.

Stellen Sie sich mal vor, Sie gehen in einen Plattenladen und fragen nach den Beatles. Antwort: Haben wir nicht. Rolling Stones? Nicht im Sortiment. Robbie Williams? Auch nicht. Die Toten Hosen? Red Hot Chili Peppers? Die Ärzte? Alles nicht vorhanden.

Ein Musikgeschäft mit einem derart dürftigen Angebot gibt's tatsächlich: Es ist ausgerechnet Phonoline, das zentrale Internetangebot der fünf großen Musikkonzerne EMI, Sony, Universal, BMG und Warner.

Mit großem Pomp auf der Cebit gestartet

Als die CD-Multis den Onlinevertrieb vor einem Monat mit großem Pomp auf der Cebit starteten, hatte es an großen Worten nicht gefehlt. Eine "neue Ära" sollte anbrechen, von einem "wichtigen Meilenstein" hatten die Konzernbosse gesprochen. Sogar der Bundeskanzler war da. Schließlich hat die Industrie Großes vor: Schon bald will sie jeden dritten Song übers Netz verkaufen. Gleichzeitig soll Phonoline den Millionen Raubkopierern - gerade erst wurden 68 deutsche Tauschbörsennutzer verklagt - das Argument entziehen, es gebe ja gar keine legale Möglichkeit, Musik aus dem Netz zu laden.

Doch wie es aussieht, ist die krisengeschüttelte Branche - Umsatzrückgang im Jahr 2003: 20 Prozent - dabei, sich wieder einmal gründlich zu blamieren. Denn das, was da jetzt im Netz steht, scheint allenfalls halbfertig zu sein. Zwar sind 250.000 Songs zu haben, aber selbst der Sprecher des Industrieverbands IFPI, Hartmut Spiesecke, muss "schmerzliche Repertoirelücken" einräumen, darunter - bei Redaktionsschluss - die oben genannten Stars.

Streit um Preise, Dateiformate und Lizenzen

Nicht nur, weil die Telekom an dem Musikangebot beteiligt ist, lästern Branchenkenner schon über das "Toll Collect 2". Wie die Lkw-Maut war auch der Download-Dienst jahrelang wieder und wieder verschoben worden. Hinter den Kulissen beharkten sich die beteiligten Konzerne um Preise, Dateiformate und Lizenzen. Dazu kam ein Streit mit dem Musikrechte-Verwerter Gema, der beim Onlinegeschäft teilhaben will.

Phonoline bietet die Musik nicht direkt auf einer eigenen Seite an, sondern stellt sie Händlern zur Verfügung, die sie an die Internetnutzer weiterverkaufen sollen. Doch den möglichen Vertriebspartnern Viva, Bravo und Saturn war die Sache wohl zu heiß. Sie warten weiterhin ab. Das vollständige Phonoline-Sortiment gibt's bislang nur über eventim-music.de.

Schutz vor Raubkopierern wichtiger als Bedienbarkeit und Kundenfreundlichkeit

Dort verheißt gleich die Startseite "Jeder Download 99 Cent" - während weiter unten auf der Seite Songs für 1,49 Euro angeboten werden. Das ist zwar ein einigermaßen moderater Preis, doch wie zu befürchten war, genießt der Schutz vor Raubkopierern bei Phonoline absoluten Vorrang gegenüber Bedienbarkeit und Kundenfreundlichkeit. Die Dateien werden nicht im Standardformat MP3 verkauft, sondern können nur mit Hilfe der hauseigenen Software My-Playlist abgespielt werden, die erst heruntergeladen und installiert werden muss.

Alle Dateien sind mit einem nervigen Kopierschutz versehen. Sie lassen sich allenfalls ins einigermaßen gebräuchliche WMA-Format umwandeln, was aber mitunter hörbare Klangeinbußen zur Folge hat: Es knistert wie am Lagerfeuer. Zwar kann man die Dateien auf CD brennen und auf MP3-Player kopieren, doch auch das nicht bei jedem Song und schon gar nicht unbegrenzt oft.

Suchfunktion ist mangelhaft

Mangelhaft ist vor allem die Suchfunktion: Die Trefferlisten sind unübersichtlich, einige Songs lassen sich nicht finden, obwohl sie eigentlich im Angebot sein müssten. Wesentlich aufgeräumter präsentiert sich da popfile.de, eine weitere Seite, die Phonoline-Songs anbietet, allerdings nur 75.000, deutlich weniger als bei Eventim.

Dabei hätten die Phonoline-Macher nur selbst kopieren müssen. Denn wie ein guter Online-Musikladen aussehen kann, beweist seit langem der ebenso bunte wie übersichtliche iTunes Music Store von Apple. Der verkauft täglich 300.000 Songs online, bisher aber nur in den USA. Der Europa-Start soll noch in diesem Jahr kommen - dann aber ohne Phonoline.

Ulf Schönert / print