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Nachschlagewerke: Schreib mit am Mega-Lexikon

Bei der Online-Enzyklopädie Wikipedia kann jeder Internetsurfer mitmachen - die Qualität der Einträge ist überraschend gut.

"OmaMär"? Zeno Gantner drückt die Löschtaste. Ein Unsinnseintrag, wie er immer wieder vorkommt. Ein Besucher der Wikipedia-Webseite hat ihn wenige Minuten zuvor geschrieben und online gestellt. Wikipedia ist ein Internetlexikon, an dem jeder mitschreiben kann. Damit kein Unsinn drinsteht, gibt es Aufpasser wie Zeno Gantner, die ganze Wochenenden vor dem Bildschirm verbringen, um die neuen Einträge zu überprüfen - und Quatsch-Stichwörter wie "OmaMär" gleich wieder zu löschen.

Mehr Einträge als die Britannica

Sie haben viel zu tun. Denn immer mehr Wikipedianer, wie sie sich selbst nennen, basteln an dem interaktiven Wissensarchiv. Sie haben sich vorgenommen, die weltweit "größte Enzyklopädie in Tiefe und Breite zu schaffen". Die deutsche Ausgabe zählt bereits fast 30.000 Stichwörter, im Januar waren es erst 10.000. Die englische Version durchbrach diese Woche die 150.000-Marke und verzeichnet damit beinahe doppelt so viele Einträge wie die Encyclopaedia Britannica.

Jeder verbessert jeden

"Wir kommen dem Traum der Enzyklopädisten näher, das gesamte Wissen der Menschheit zu sammeln", schwärmt Magnus Manske, 29, der die Wikipedia-Software entwickelt hat. Der Kölner Biologe verfasst Artikel über Polymerase Kettenreaktion, die Entstehungsgeschichte des Liedes "Stille Nacht, heilige Nacht" oder über die Herkunft des türkischen Döner. Um Schreibfehler sorgt er sich nicht: "Die werden in Sekundenschnelle korrigiert." Tag für Tag beobachtet er die Ergänzungen, Links und stilistische Feilereien an seinem Ursprungstext. Andere Wikipedianer waren das, denen er noch nie begegnet ist und die für ihre Arbeit keinen Cent bekommen.

Experten-Test bestanden

"Wiki Wiki" heißt auf Hawaiianisch "schnell" und ist ein Hinweis auf die Methode, die das virtuelle Lexikon so rasant wachsen lässt: Über leicht verständliche Eingabefelder im Internet kann jeder Besucher neue Einträge schreiben und bestehende korrigieren. Und das scheint zu funktionieren. Professor Gerhard Mack vom Institut für Theoretische Physik der Universität Hamburg überprüfte für den stern das Stichwort "Relativitätstheorie" - und fand keinen Fehler. "Ein ordentlicher Eintrag, wenn auch manchmal Begriffe verwendet werden, die für den Fachmann ungewöhnlich sind", sagt Mack.

Ideologische Minen

Schwieriger wird die Verständigung auf ideologisch vermintem Gebiet. Drei Monate lang vermerkte der Teilnehmer "H. Jonat" wieder und wieder, dass Nikolaus Kopernikus ein "Deutscher" sei, kein Pole. "Ich mache deine Korrekturen so lange rückgängig, bis du aufgibst", drohte ihm daraufhin ein anderer Wikipedianer, weitere schlossen sich an. Schließlich gab H. Jonat auf. Um jedoch einen "neutralen Standpunkt" zu wahren - ein heiliges Wikipedia-Gesetz - führt der Artikel nun einen Zusatz: "Ethnische Nationalisten bestreiten, dass Kopernikus ein Pole war." In den USA lassen die Stichworte "Evolution" oder "Abtreibung" die Diskussionsforen überquellen, der Artikel über Israel wurde 263-mal korrigiert.

Auch abseitiges Wissen findet Platz

Liebhaber ausgefallener Wissensgebiete finden in Wikipedia eine weltweite Plattform. So erfahren wir, dass Handy-Weitwurf eine finnische Sportart ist und Petri Valta den Weltrekord über eine Weite von 66,72 Meter hält. Die Melodie eines österreichischen Schnaderhüpfel lässt sich sogar als Midi-Datei auf den PC laden, und wer unbedingt auf Esperanto nachlesen will, wann Bob Marley geboren wurde, kann das erstmals tun - in der Kunstsprache gab es bislang keine Enzyklopädie. "Kein Lexikon in Buchform kann all das drucken", schwärmt Magnus Manske. "Das Netz hebt die physische Beschränkung der bisherigen Enzyklopädien auf. Der Platzbedarf von Wikipedia ist gleich null." Der 24-bändige und 40 Kilo schwere Brockhaus dagegen füllt ein kleines Bücherregal.

Dieter Baer, Geschäftsführer des Brockhaus-Verlags in Leipzig, sieht in Wikipedia gleichwohl keine Konkurrenz zum eigenen Produkt. "Auch in Zukunft suchen Menschen das besondere Erlebnis eines Buchs. Außerdem: Wer garantiert die Korrektheit der Angaben?"

Appell an den mündigen Leser

Gegen diesen Einwand hat Wikipedia schon in der Einführung vorgebaut: "Ein mündiger Leser sollte stets weitere Quellen einsehen und das Gelesene selbst durchdenken." Außerdem gebe es reichlich Links zu anderen Seiten, darunter viele wissenschaftliche Veröffentlichungen.

Für die Urteilsfähigkeit der Wikipedianer spricht bisher, dass noch kein Eintrag über Naddel oder Dieter Bohlen geschrieben wurde. Oder will vielleicht jemand?

Tilman Wörtz / print
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