HOME

Onlineangebote: Per Mausklick zum Alibi

Einen Partner online zu suchen und auch zu finden, hat sich inzwischen fest etabliert. Aber auch in den weniger romantischen Bereichen menschlichen Zusammenlebens gibt es Internetangebote für jeden Zweck: Alibibeschaffer, Seitensprungvermittler und Schlussmach-Dienstleister boomen.

Partnervermittlungen gibt es auch für Seitensprünge

Partnervermittlungen gibt es auch für Seitensprünge

Beziehungen finden, führen und beenden leicht gemacht - dank der wunderbaren Welt des weltweiten Netzes. Seit Jahren boomen Online-Partnervermittlungen. Fast jeder kennt mindestens zwei Menschen, die ihr Liebesglück schon mal online probiert oder gar gefunden haben. Doch damit nicht genug: Im Netz bieten inzwischen auch Agenturen ihre Dienste als Alibibeschaffer, Seitensprungvermittler und Schlussmach-Dienstleister an. Kunden müssen da nur noch klicken und zahlen. Moralische Bedenken? Fehlanzeige.

"Natürlich ist der Seitensprung der Klassiker für ein Alibi", sagt Stefan Eiben, der vor rund sechs Jahren das Portal www.alibi-profi.com ins Leben gerufen hat. Entstanden sei das Ganze allerdings aus Jux und Dollerei. "Im Freundeskreis hatten viele keine Lust, ihre Frauen um Erlaubnis für eine Kegeltour oder einen Trip zum Kölner Karneval zu fragen", erzählt Eiben. Also musste schnell eine Geschäftsreise oder zumindest ein harmloses Dänemark-Wochenende her. Und genau solche Ausreden machten etwa 50 Prozent des Geschäfts aus.

"Wir bieten den Menschen oft eine Auszeit, etwa wenn ein Mann keine Lust hat, mit zur Schwiegermutter zu fahren und das nicht mit seiner Frau ausdiskutieren will", erzählt er. Skrupel, zum Handlager von Betrügern zu werden, hat er nicht. "Wir sehen uns eher als eine Art Lebensretter, weil wir die kleinen Notlügen erfinden", sagt er. Dafür wird auch schon mal ein Strohmann zur Freundin geschickt, der sich dann als ehemaliger Schulfreund ausgibt, mit dem der Mann angeblich am Vorabend bis in die Morgenstunden unterwegs war.

"Notlügen sind Schmierstoff der Gesellschaft"

"Kleine Notlügen sind nun mal der soziale Schmierstoff in unserer Gesellschaft", sagt auch Deutschlands Moral-Papst Rainer Erlinger, der freitags im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" zu einer Gewissensfrage Stellung bezieht. Anders sieht Erlinger allerdings die Sache mit den geplanten Affären, für die der ehemalige Programmierer Holger Stratmann mit seinem Portal www.seitensprung.de die Möglichkeiten schafft. "Sich aktiv eine Affäre zu suchen, ist verwerflicher, weil man normalerweise von solchen Situationen eher überrannt wird", gibt Erlinger zu bedenken. So mindere die "Affekthandlung" in vielen Fällen die Schuld. "Wer solche Möglichkeiten wie ein Online-Portal nutzt, beweist eine höhere unmoralische Energie."

Stratmann sieht sein Angebot dennoch als eine Art Lebenshilfe. "Fakt ist, dass viele schon geheilt sind, wenn sie sich nur mit einer potenziellen Affäre getroffen haben. Danach wissen sie mitunter ihren Partner oder ihre Partnerin erst zu schätzen", erzählt er und betont, dass seitensprung.de ein ausgesprochen "kultiviertes Klientel" habe. Für Frauen kostet eine einfache Anzeige fünf Euro. Eine Premium- Mitgliedschaft ist für 60 Euro für drei Monate zu haben, First Class kostet 90 Euro. Je nach Mitgliedschaft richtet sich, was man über die Seitensprung-Willigen erfährt und was man selbst von sich preisgibt. "Wir zerstören keine Ehen, sondern sind Lebensretter", sagt Stratmann.

"Mumpitz!"

Für Paarberaterin Felicitas Heyne aus dem rheinland-pfälzischen Herxheim ist das absoluter "Mumpitz". "Ein Seitensprung ist in einer Beziehung immer das Zeichen, dass etwas nicht gut läuft", sagt die Psychologin. Sie warnt gar davor, dass sich viele durch all die Internetangebote eine Parallelwelt schaffen, in denen Bedürfnisse und Erwartungen geweckt werden, die völlig an der Realität vorbei gehen. Für sie haben professionell arrangierte Alibis und Seitensprünge vor allem etwas mit Feigheit, Bequemlichkeit und der Illusion von einer "super bequemen Fertiglösung" zu tun.

Genau die bietet auch Andreas Müller, der für seine Abschlussarbeit als Fachinformatiker vor gut drei Jahren die Seite www.schlussmachen.com programmierte, die seitdem boomt. Da lässt sich "Einfach Schlussmachen", "Lieb Schlussmachen" und "Böse Schluss machen" buchen und ein Schlussmach-Abo für 34,95 Euro gibt es außerdem. "Es war witzig gemeint, aber uns kommen oft Menschen unter, die damit tatsächlich eine Beziehung beenden wollen, und das sind nicht nur Jugendliche", erzählt Müller. Wer diese Entscheidung dann doch bereut, kann sich auf der kostenpflichtigen Ratgeberseite www.expartner-zurueck.de dann vielleicht weiter Hilfe suchen.

Britta Schmeis/DPA / DPA
Themen in diesem Artikel