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Telekom drosselt DSL-Tarife: Keiner will ein Zwei-Klassen-Netz!

Die gedrosselten DSL-Flatrates der Telekom sind ein Ärgernis - und ein Angriff auf die Netzneutralität. Greift die Politik nicht ein, droht ein Zwei-Klassen-Netz. Soweit darf es nicht kommen.

Ein Kommentar von Christoph Fröhlich

Internetanbieter gehören per se nicht zu den beliebtesten Unternehmen. Sie sind weder so hip wie Apple noch so populär wie Adidas. Für gute Leistungen werden sie nie gelobt, stattdessen bekommen sie bei jeder Unannehmlichkeit den Zorn des Kunden zu spüren. Ein solch veritabler Shitstorm, wie er der Telekom gerade im Netz um die Ohren fliegt, ist selbst für eine Wut-gebeutelte Branche wie die der Telekommunikationsanbieter selten. Doch die Netzpöbelei ist nicht nur verdient, sondern kommt auch zum richtigen Zeitpunkt.

Angriff auf die Netzneutralität

Mit der Ankündigung, neue DSL-Tarife mit Volumenbegrenzung zu starten, sorgt die Telekom für Aufregung im Netz. Wer künftig mit einer 16-Megabit-Leitung im Netz unterwegs ist, darf dann nicht mehr als 75 Gigabyte verbrauchen, anderenfalls droht eine Drosselung auf mickrige 384 Kilobit in der Sekunde. Für Familien kann das schnell eng werden: Ob E-Mail-Anhang, Youtube-Filmchen, iTunes-Download, Popup-Banner oder Streaming fürs Internetradio - jedes verbrauchte Byte wird von der Telekom detailliert abgerechnet werden. Nur Angebote der Deutschen Telekom wie das IPTV-Paket Entertain bleiben außen vor, sie zählen nicht in das Datenkontingent. Möglich, dass auch weitere Dienste wie Evernote oder Spotify, mit denen die Telekom kooperiert, zu den Ausnahmen hinzugefügt werden.

Die Telekom beschädigt damit nicht nur ihren sowieso schon angeknacksten Ruf. Sie tritt auch die Netzneutralität mit Füßen. Die besagt: Jedes Datenpaket ist gleich. Doch manche sind offenbar gleicher, zumindest für die Deutsche Telekom. Zum Leidwesen der Konkurrenz: Streaminganbieter wie Lovefilm oder Maxdome können in einem solchen System auf Dauer nicht gegen Telekom-Dienste bestehen. Das wiederum ist nicht im Interesse der Kunden.

Die Telekom begründet den Schritt zur Datenkontrolle mit den gestiegenen Kosten, die höhere Bandbreiten mit sich bringen. Der Netzausbau für eine flächendeckende Glasfaserinfrastruktur würde bis zu 80 Milliarden Euro kosten, heißt es in der Erklärung des Unternehmens. Doch die Begründung ist ein Witz: Die Telekom hat laut Bundesnetzagentur rund 12 Millionen Breitband-Kunden. Stuft man 500.000 von ihnen als Vieldownloader ein, die monatlich bis zu zehn Euro mehr zahlen würden, um mehr Datenvolumen zur Verfügung zu haben - selbst dann würde die neue Tarifstruktur wirtschaftlich kaum Sinn machen. Im Jahr wären das Mehreinnahmen von 60 Millionen, nicht einmal 0,1 Prozent des Gesamtumsatzes - erkauft mit einem negativen Image.

Die Politik muss eingreifen

Bislang steht die Telekom allein auf weiter Flur und bekommt die volle Wucht des Shitstorms zu spüren. Um die eigenen Kunden nicht zu verprellen, haben sich andere Internetanbieter schnell von der DSL-Drosselung distanziert. Vodafone hat derartige Pläne am Dienstag explizit dementiert - obwohl das Unternehmen das Leitungs-Netz der Telekom nutzt. Gespannt dürfte die Konkurrenz verfolgen, ob die Kunden in Scharen weiterziehen oder die Kröte widerwillig schlucken werden. Sollte das der Fall sein, dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, bis weitere Mitbewerber nachziehen. Die Empörung kommt daher zur rechten Zeit.

Mittlerweile ist auch die Politik auf das Aus der DSL-Flatrate bei der Deutschen Telekom aufmerksam geworden. Lars Klingbeil, der netzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, sieht nach der Ankündigung der Telekom zur DSL-Drosselung "gesetzgeberischen Handlungsbedarf zur Sicherung der Netzneutralität". Auch das Cnetz, ein Verein für Netzpolitik der Union, fordert selbige. Zwar dürfte es einigen Politikern mehr um Prestige und Stimmen gehen als um die Gleichbehandlung von Datenpaketen. Doch die Chance, die dringend nötigen Gesetzesgrundlagen für ein freies, offenes Internet zu schaffen, dürfte im Wahlkampf weitaus höher sein.

Die Politik hat das Thema lang genug im Schneckentempo vor sich hergeschoben. Nun ist es Zeit, Gas zu geben: Damit das Internet für alle High-Speed bleibt.