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Porno-Portal: Wild und unmittelbar: Ausgerechnet bei Pornhub gibt es eine künstlerisch wertvolle Stripper-Doku

In "Shakedown" kann man mit Leilah Weinraub in die lesbische Stripper-Szene von Los Angeles eintauchen. Pornhub positioniert sich damit als Heimat künstlerischer Erotik, die von Vimeo und Youtube gebannt wird.

Die Frauen tanzen in Pop-up-Clubs - häufig beendet die Polizei die Party.

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"Shakedown" ist eine Dokumentation über lesbische Stripklubs im Los Angeles der 2000er Jahre. In dem Film geht es um Erotik, um Frauen, um Geld - aber das Werk von Leilah Weinraub hat wenig gemein mit den Sex-Dokumentationen des TVs wie "First Time Call Girl" von Channel 5 oder Streamingdiensten wie "Hot Girls Wanted" von Netflix. Es ist eine wilde, kompromisslose, direkte Arbeit und formal ganz anders, als gut abgehangene TV-Dokus, die sich von einer Natursendung nur durch die nackten Akteure unterscheiden.

"Shakedown" ist alles andere als Erklär-TV

Konzeptkünstlerin Weinraub ist selbst Teil der Szene, die sie beschreibt. In 15 Jahren ihres Lebens sammelte sie 400 Stunden Filmmaterial. Ihr Film wurde gefeiert, er wurde unter anderen auf den 68. Internationalen Filmfestspielen Berlin gezeigt und in der Tate Modern. Aber kaum jemand sah tatsächlich den Streifen, nun hat "Shakedown" einen Hafen gefunden. Die kanadische Porno-Seite Pornhub präsentiert das Werk den ganzen März über - kostenfrei. Eingebettet in Events und Chats wurde eine eigene Seite geschaffen. "Shakedown" wird also nicht wie sonst bei Pornhub üblich von hundert Sextreifen eingerahmt.

Es ist auch ein gewaltiger Sprung von den weitgehend handlungsfreien Clips, für die Pornhub bekannt ist, zu dem anstrengenden und fordernden Werk von Weinraub, die keineswegs die bekannte Stripper-Ästhetik von Silikon-Kunstwerken, Polestangen-Akrobatik und dem grünen Regen der Dollarnoten bedient.

Pornhub ist bewusst, dass es sich hier um eine Kunstdokumentation und nicht um eine süffige Backstage-Reportage handelt. "'Shakedown' erforscht Themen wie Rasse, Klasse, Währung und Identität durch die Linse von Weinraubs grenzenloser Vision", urteilt Pornhub-Vizepräsident Corey Price durchaus zutreffend.

Das Kalkül des Pornoriesen Pornhub

Warum macht der Pornoriese so etwas? Die zynische Erklärung: Das Streaming von "Shakedown" bringt weltweite Aufmerksamkeit für vergleichsweise schmales Geld. Da fällt es nicht ins Gewicht, wenn der normale Pornogucker eher verständnislos auf das Durcheinander auf dem Bildschirm reagiert. Diese Erklärung greift nicht weit genug. Der zweite Teil des Statements von Corey Price deutet die visionäre Strategie dahinter an: "Hier bei Pornhub investieren wir darin, Künstler und Visionäre wie Leilah zu feiern, und wir investieren in den Austausch verschiedener Erzählungen über menschliche Lust und Sexualität."

Klassische TV-Sender tun sich schwer mit erotischen Inhalten. Wenn so etwas dann doch einmal gezeigt wird, sollen Lust und Ekstase oder auch Underground und kompromisslose Andersartigkeit auf dem Bildschirm nicht wie bei Weinraub entfesselt, sondern gebändigt werden. Einordnend und kommentierend wird dem Thema die Sprengkraft genommen.

Gegen den voyeuristischen Blick der Kamera 

Mit dem biederen Erklär-TV hat Weinraubs Arbeit nicht zu tun. Sie ist eher eine Dokumentarin in der Tradition des berühmten Filmemachers Jean Rouch. Nicht Distanz, sondern Verschmelzung prägt ihre Arbeit. Sie beutet die Szene nicht aus und raubt ihr nicht die Bilder. Der 65-minütige Streifen beginnt sperrig. Anstatt erotische Tänze und elektrisierende Beats zeigt der Film in den ersten Minuten lediglich dilettantisch eingescannte Flyer.

Weinraub versteht ihr Handwerk als Filmemacherin, wer sich auf den Film und seine mit der Zeit suggestive Rhythmik einlässt, taucht mit der Künstlerin in ihre Szene ein. Ganz ohne den voyeuristischen Blick vibriert "Shakedown" im gleichen Puls wie seine Akteure. Sex und Striptease sind Teil ihres Lebens. Es ist ganz anders als ein normaler Porno, wo akrobatische Sexszenen von chirurgisch optimierten Akteuren in einer sinn- und bezugsfreien Kunstwelt von Klempnern und Krankenschwestern vorgeführt werden. Weinraubs Film ist genauso wild und unmittelbar wie die Auftritte der Tänzerinnen, deren ganzes Leben in diesen Minuten explodiert.

Pornhub heißt die Nackten und Verfolgten willkommen

Die großen Medien machen einen Bogen um solche Filme, sie finden dort keine Heimat. Aber bei Pornhub. Der Vorteil für die Seite: Sie streift zumindest teilweise das Image des "Schmuddel-Kanals" ab. Es ist ein kühner Plan, die größte Sammlung an Masturbations-Vorlagen des Internets in ein Forum der selbstbestimmten Lust und Erotik zu verwandeln, aber seit Jahren lautet die langfristige Mega-Strategie der ganzen Porno-Branche: "Macht Porno normal und alltäglich." Nun wird Porno künstlerisch wertvoll.

Die Ausgrenzungsstrategien anderer Netzgiganten spielen Pornhub dabei in die Hände. Auch ohne diese Kooperation hätten Künstler und Kreative ihre Inhalte bereits auf die Plattform hochladen, sagte Markendirektor Alex Klein. Einfach weil Youtube und Vimeo Nacktheit und Sex nicht dulden würden. Pornhub besteht nicht auf Porno, hier sind die Nackten und die Wilden willkommen, die woanders gelöscht werden.

Sicher ist, dass Weinraub bei Pornhub auf ein größeres Publikum treffen wird, als in der MoMa-Ausstellung. 42 Milliarden Besuche zählte die Website im vergangenen Jahr. Die Chats zum Film sind wegen Überfüllung geschlossen. Nach dem März wird "Shakedown" im Criterion Channel und ab dem Sommer im iTunes Store gestreamt.

Aus Jugendschutz-Gründen darf stern.de übrigens nicht auf den Film verlinken.

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