HOME
TV-Kritik

Netflix-Doku "Hot Girls Wanted: Turned On": Cam-Girls – die Illusion, die Würde vor der Sexkamera zu wahren

Die Mädchen vor den Webcams sind nicht die Stars, sie sind die Fußsoldaten der Pornoindustrie. Der dritte Teil der Netflix-Doku "Hot Girls Wanted: Turned On" zeigt, wie schnell eine junge Frau die Kontrolle verliert.

"Hot Girls Wanted: Turned On": Country-Girl Bonnie träumt vom großen Geld, um ihren kleinen Geschwistern ein Leben in bitterer Armut zu ersparen.

"Hot Girls Wanted: Turned On": Country-Girl Bonnie träumt vom großen Geld, um ihren kleinen Geschwistern ein Leben in bitterer Armut zu ersparen.

Sie ist schön, sie ist blond, sie ist weiß. Bailey Rayne ist das All-American-Girl. Bailey platzt vor Stolz, ihr gehört eine eigene Firma: Bailey Rayne - eine Marke mit Klasse, findet Bailey. Im dritten Teil der Netflix-Reihe "Hot Girls Wanted: Turned On" geht es um das, was die Industrie eigentlich zusammenhält: um Geld. Und das was nötig ist, um nicht unterzugehen. Bailey Rayne ist begeistert. Noch nie war sie so frei, sagt sie in die Kamera und lacht.

Geld ist Freiheit

Noch nie hat sie so viel Geld verdient und Geld ist Freiheit, das weiß niemand besser als jemand, der nichts hatte. Die Folge heißt "Owning it" und das bedeutet: Wem gehört was und wer behält die Kontrolle über sich. Bailey hat die Kontrolle. Eigentlich wollte sie Lehrerin werden, sie hatte einen festen Job als Hilfskraft: Dann hätte sie 20.000 Dollar im Jahr verdient. Mit Ende Vierzig wären ihre Schulschulden abbezahlt gewesen. Ihr Leben wäre weiter gegangen wie im College: Zwei Jobs und doch nur Tütensuppen zum Leben.

Diversifikation der Dienstleistungen

Also fing Baily mit Porno an. Im eigentlichen Sinn ist Baily Rayne kein Star der Industrie, sie arbeitet an der Peripherie. "Owning It" zeigt nicht die Glamourseite des Pornogeschäftes, sondern die Welt der Cam-Girls. Sie versuchen alle, mit möglichst wenig Porno, möglichst gutes Geld zu verdienen. Auch Bailey macht ihr Geld vor einer Webcam, dazu gibt es kleine Videos, die ihre Fans gegen Geld runterladen. Anders als viele ihrer Kolleginnen macht sie aber nur Solo-Szenen.

Besessen ist Bailey vom Geld – sie macht über 150.000 Dollar im Jahr. Wenn die geldwerten Tokens ihrer Fans auf dem Bildschirm einlaufen, leuchten ihre Augen. Ein User hat ihr 800 Dollar im Monat spendiert, verrät das Statistik-Tool. Unterwäsche? Super! Damit macht man richtig Geld, weiß Bailey. 200 Dollar, wenn sie nach High School aussehen. Bailey verkauft auch Kunst - Gemälde. Gemalt vor der Kamera mit farbverschmierten Brüsten. Sie diversifiziert ihr Geschäft. Und sie rekrutiert neue Mädchen.

Zu naiv, um durchzuhalten

In der Netflix-Folge begleitet sie Newcomerin Bonnie auf den ersten Schritten in das Porno-Universum. Bonnie sieht umwerfend aus – vielleicht zu umwerfend. Die 19-Jährige hat vorher als Stripperin gearbeitet. "Nach dem Arbeiten im Strip Club habe ich die Männer gehasst. Das hat das Leben aus mir rausgesaugt. Diese Motherf__cker!" Nun will sie eine Kamera zwischen sich und die Männer und ihre gierigen Hände bringen. Und Geld verdienen, ganz viel Geld. Denn Bonnie will für ihre Mutter sorgen und ihre kleinen Geschwister. "Wir waren immer so verdammt arm. Sie haben nie, was sie brauchen. Darum mache ich das jetzt, solange sie noch jung sind." 

Geld ist es, was zählt. Keines der Mädchen hat eine Alternative, von der man leben könnte.

Nachdem dem Bankrott ihrer Eltern hat Salena nur ein Ziel: Nie wieder arm sein.

Nachdem dem Bankrott ihrer Eltern hat Salena nur ein Ziel: Nie wieder arm sein.

Salena ist Cam-Girl aus San Diego. Sie will etwas Porno machen, um ihre Fanbase zu vergrößern. Ihre Lektion hatte sie als Teenie gelernt. Die Eltern hatten ein gut gehendes Geschäft und plötzlich waren sie bankrott. Salena hat sich geschworen, nie wieder arm zu sein. Egal, was es kostet.

Allein vor der Kamera

Salena und Bailey sind tough. Von der Pornoindustrie halten sie sich fern, ein paar Girl-Girl-Szenen - mehr nicht. Sie wissen, wie schnell ein Mädchen in der Industrie oder auch im Nirgendwo verschwinden kann. Das Porno-Image mag zwar gut für das Cam-Girl-Geschäft sein, leicht fällt es den jungen Frauen trotzdem nicht. Bailey füllt für ihre endlosen Cam-Stunden als freches College-Girl Schnaps in Fruchtsaftfaschen um. Sie weiß, sie lebt in einer Pornoblase. Für Menschen außerhalb der Industrie ist sie eine Verstoßene.

"Owning It" ist ein Schock. Ohne belehrenden Zeigefinger wird gezeigt, wie wenig Fun hinter dem Leben der Cam-Girls steckt. Und wie wenig Alternativen es für die Mädchen gibt.

Absturz mit Ansage

Das blonde Kurvenwunder Bonnie ist nicht tough genug. Anstatt ihren Weg zu einem eigenen Einkommen zu gehen, taumelt die Schönheit umher. Schon als Kind wuchs sie mit Pornos auf, der Stiefvater war Dauerkonsument. "Mit 12 verlor ich meine Jungfräulichkeit. Er war 17. Ich wünschte, es wäre nicht so passiert." Wo Mädchen wie Bailey den Kopf über Wasser halten, weil sie fest an das Geld denken, geht Bonnie unter. Wie mit Absicht. Nach ihrer ersten Mädchen-Szene schießt sie sich mit Drogen weg, anstatt in einen Laptop zu investieren. Sie trägt keine Firma wegen der Steuervorteile ein, sie sucht Kontakt mit Männern - mit Sugar Daddys. Und redet sich ein, die würden für 500 Dollar nur gemeinsam essen gehen wollen. Den Vorsatz allein mit Mädchen zu drehen, vergisst sie sofort. Nach dem Dreh schmerzt alles. "Aber das ist schon okay." Nach wenigen Tagen bricht Bonnie zusammen. Drogenpartys und Nierenprobleme. Bailey Rayne geht das nahe, doch sie kappt die Leinen und überlässt die strauchelnde Bonnie ihrem Schicksal. So ist das Business. Das nächste Mädchen wartet.

Themen in diesem Artikel