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Motorola: Der Design-Faktor

Schicke Optik zieht: Motorola hat mit dem Klappmodell RAZR V3 eine Designikone und eines der erfolgreichsten Mobiltelefone der letzten Jahre kreiert. stern.de geht dem RAZR-Phänomen auf dem Grund.

Design und Technik - im Bereich Mobiltelefonie hat es, ähnlich wie im PC-Gebiet, lange gedauert, bis man diese beiden Begriffe getrost in einem Atemzug sagen konnte. Der triftige Grund: Zu lange waren die Handy-Manufakturen damit beschäftigt, den optimalen Kompromiss aus Funktionalität und Mobilität zu finden; Spielraum für optische Experimente war nicht vorhanden.

Nokias Design-Banane

Erst vier Jahre nach dem offiziellen Startschuss der GSM-Ära brachte Nokia 1996 mit dem dezent gebogenen und damals auffällig bunten Slider-Modell 8110 (Spitzname "Banane") einen Hauch von gehobener Designästhetik in den Markt. Motorola konterte erst 1998 mit einem geschichtsträchtigen Mobiltelefon: mit dem StarTac 130. Das handliche Gerät gilt nicht nur als der Urvater aller Klapphandys, es war auch das erste Mobiltelefon, das unter 100 Gramm wog. Dank dieser Attribute gehörte das kostspielige StarTac 130 (ca. 1500 Mark) zum Inventar eines jeden US-Yuppies Ende der 90er Jahre.

Trotz des Erfolges verfolgte der Branchen-Pionier dieses Designkonzept in den Folgejahren nicht mehr konsequent weiter, sondern verfiel wie Siemens und Nokia dem Irrglauben, dass Klapphandys in Europa nicht angenommen werden. Die Konsequenz: In den Jahren nach dem Ende der New Economy-Ära 2002 und 2003 verlor das US-Unternehmen durch optisch eher uninspirierte Candybar-Handys vor allem im Okzident massiv Marktanteile, während sich der Newcomer Samsung mit pfiffigen "Clamshell"-Geräten, Klapphandys also, immer stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit drängte.

MOTORAZR - eine Designikone

Die Wende kam erst im Herbst 2004 mit der Produktion des ersten so genannten "Iconic"-Modells Motorola RAZR V3 (heute auch MOTORAZR genannt), das dank seines revolutionären Designkonzepts dem kompletten Markt neue Impulse gab und eine Designlawine ins Rollen brachte - inklusive zahlreichen Plagiaten. Insbesondere zwei optische Merkmale sorgten dafür, dass sich das RAZR bis dato über 70 Millionen mal verkauft hat. Zum einen die auffällig breite, dafür aber umso flachere Bauweise, zum anderen das futuristisch angehauchte Tastaturlayout aus einer einzigen nickelüberzogenen Kupferplatte – eine Designikone ward geboren.

Mastermind hinter dieser optischen Rückbesinnung auf das StarTac 130 ist Jim Wicks, der als dritter Chefdesigner in der gesamten Motorola-Historie eine komplett neue Gerätegattung in Leben rief. Seine ungewöhnliche Art Mobiltelefone zu designen hängt mit seinem beruflichen Background zusammen. Nach dem Studium in Illinois ging er zu renommierten Nihon Universität in Tokio, um sein Designdiplom abzuschließen. Sein erster Job war bei einem japanischen Unternehmen, das von einem buddhistischen Mönch geleitet wurde. Hier erlernte er unter anderem das "Ikebana"-Handwerk, eine japanische Kunst, um Blumen kunstvoll zu arrangieren. Dieser fernöstliche Einfluss ist am stärksten beim von der buddhistischen Meditationslehre ZEN inspirierten PEBL-Mobiltelefon erkennbar. Nach diesen prägenden Erfahrungen wechselte er zu Sony, wo er als zweiter Nichtjapaner im Designerteam maßgeblich an der Entwicklung des ersten Sony-Mobiltelefons verantwortlich war.

Schicker schwarzer Funker

Nach dem globalen Erfolg des RAZRs gab Motorola fortan nicht mehr die Designzügel aus der Hand. Um den Hype zu schüren, brachte Motorola bereits wenige Monate nach dem RAZR-Debüt eine schwarze Version in den Handel, die den Erfolg des Silberlings sogar noch überflügelte. Geplant war dieser Schachzug allerdings nicht, denn ursprünglich war die "Black Edition" nur als reines Schauspieler-Präsent bei der Oskar-Verleihung 2005 gedacht.

Dank dieser Mischung aus geschicktem Marketing und zahlreichen Nachfolger-Modellen hält das US-Unternehmen das RAZR-Feuer bis heute am Lodern. So gibt es die Designikone mittlerweile in allen trendigen Farben, mit UMTS-Technologie oder als streng limitierte Designer-Editionen, beispielsweise als goldene Dolce & Gabana-Version. Um den RAZR-Designkosmos zu komplettieren, brachte Motorola im Laufe der Zeit auch eine Zubehör-Produktpalette in den Handel, die optisch auf den Bestseller abgestimmt ist.

Schutz vor Nachahmern

Der immense Erfolg hat allerdings auch seine Schattenseiten. Genervt von zahlreichen Nachahmern, vor allem aus fernöstlichen Produktionsstätten, zeigt Motorola seit dem letzten Jahr keine Iconic-Neuheiten mehr Monate vor der Markteinführung auf öffentlichen Messen, sondern kündigt sie erst kurz vor dem Release an.

Noch schmerzvoller dürfte für Motorola aber die Erkenntnis sein, dass wieder gewonnene Marktanteile beileibe kein Garant für lukrative Geschäfte sind. Da das US-Unternehmen in den letzten Monaten versucht hat, durch weitere Preissenkungen beim Zugpferd RAZR zusätzliche Marktanteile zu gewinnen, musste Motorola im letzten Quartal einen Gewinneinbruch von rund 48 Prozent schlucken. Diese dramatische Wendung veranlasste Firmenchef Zander schließlich dazu, eine Massenentlassung von 3.500 Stellen anzukündigen. Durch die starke Konzentration auf die Designikone verlor Motorola darüber hinaus den Anschluss an den hochprofitablen Bereich von High End-Smartphones. Erste Maßnahmen wurden bereits getroffen. So kommt bereits im zweiten Quartal 2007 das umfangreich ausgestattete PDA-Handy MOTO Q q9 in den Fachhandel, das für Ralf Gerbershagen, Geschäftsführer bei Motorola Deutschland, das Innbild des modernen Mobiltelefons symbolisiert. "Das Handy soll zukünftig noch stärker als persönliches Tool in die individuelle mobile Kommunikation eingebunden werden", so Gerbershagen Urteil über die neueste Mobiltelefon-Generation.

Vielleicht wird es aber auch einfach nur Zeit, nach dem RAZR, KRZR, PEBL und all den anderen Iconic-Modellen, eine komplett neue Designikone zu entwerfen, statt immer nur den gleichen Designstil neu aufzuwärmen. Jim Wicks hat bestimmt schon den RAZR-Erben in der Schublade liegen...

Ulf Schneider
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