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Motorola: Trübsal im Razr-Land

Motorola hält an der Handysparte fest - obwohl die Technik wenig zu bieten hat und die Kunden in Scharen flüchten. Auch die Branchenmesse in Barcelona gibt wenig Anlass, auf eine Trendwende zu hoffen.

Von Volker Müller, Barcelona

Menschen über Menschen, kaum Platz zum Atmen. Hunderte Hände recken sich den neuesten Telefonmodellen entgegen, die zahllosen Mitarbeiter schwitzen wie im Hochsommer. In Halle 8 auf der Mobilfunkmesse in Barcelona vibriert die Luft. Es ist der Stand von Nokia.

Die Kollegen von Motorola, direkt gegenüber, haben mehr Platz. Die Auslage ist sparsam bemustert. Hier die x-te Variante des Razr, dort das seit Jahren bewährte Modell Q. Nur drei neue Geräte zeigt der US-Hersteller in der spanischen Stadt. Und selbst diese sind bereits seit der Consumer Electronics Show in Las Vegas zu Jahresbeginn bekannt.

So wenig Innovation war selten bei den Amerikanern: Das Rokr E8 hat Sensortasten, das Klapphandy U9 ein Außendisplay, und das Schiebehandy Z10 knickt beim Öffnen leicht ein. Und alle drei spielen MP3-Musik ab. Die Kunden haben über soviel technische Langeweile ihr Urteil gefällt: Binnen eines Jahres hat Motorola seinen weltweiten Marktanteil fast halbiert - auf zuletzt knapp über zwölf Prozent.

Die Ursachen liegen fünf Millimeter unter Tastatur und Display der Handys: im Chipsatz und dem Betriebssystem. Beide sind zuständig für die Basisfunktionen der Geräte - und schon lange nicht mehr taufrisch. "Motorola hatte mit Freescale den falschen Chip-Lieferanten", urteilt Neil Mawston vom US-Marktforscher Strategy Analytics: "Freescale, Ex-Sparte von Motorola, spielte bei der zweiten Mobilfunkgeneration, den GSM-Telefonen, noch eine führende Rolle. Bei der dritten Generation, UMTS, hinkt Freescale meilenweit hinterher."

So war das millionenfach verkaufte Kulthandy Razr zwischen 2004 und 2006 zwar ein schöner Erfolg - aber nur als GSM-Modell. Die UMTS-Variante allerdings glich mangels schlanker Freescale-Chips einem kurzatmigen Sumoringer. Das Drama setzte sich bei anderen UMTS-Handys im Sortiment fort. "Motorolas Firmenkultur ließ es einfach nicht zu, fehlende Technik bei Dritten einzukaufen. Ein klares Versagen der Konzernspitze", sagt Mawston.

Alternativen hätte es reichlich gegeben, sei es von Qualcomm oder Texas Instruments. Das Zaudern hat zuletzt Vorstandschef Ed Zander den Job gekostet. Nachfolger Greg Brown muss beweisen, dass er die Firmenkultur verändern und das Innovationstempo erhöhen kann, sagen Analysten.

Zu alt für Innovationen

Eher antiquarischen Wert hat inzwischen die Basissoftware. Das räumt sogar Mike Fenger, Europachef des Konzerns, ein: "Unser eigenes Betriebssystem hat die Entwickler eingeschränkt." Motorola habe keine neuen Techniken mehr in die Uraltsoftware integrieren können. Schon die Telefone mit einem MP3-Spieler auszurüsten, geriet zum Kraftakt. An leistungsstarke Fotochips oder eine einfache Benutzeroberfläche mit schnellem Internetzugang war nicht zu denken.

Seit zwei Jahren arbeite Motorola an einer Lösung, an einem neuen Basissystem, das alle Möglichkeiten der multimedialen Welt bietet, verteidigt Fenger seinen Konzern. Resultate? Bislang wartet man selbst auf ein Motorola-Handy mit berührungsempfindlichem Bildschirm vergebens - keine gute Position, um etwa im margenstarken Segment der Smartphones zu bestehen. Rettung verspricht Fenger aber für Herbst dieses Jahres.

Die Konkurrenz mit Dutzenden von Internet- und Multimedia-Boliden freut soviel Langsamkeit. Sony-Ericsson will bis dahin die Amerikaner von Platz drei der Weltrangliste verdrängt haben.

FTD