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Neue Version von Apples iPhone Nummer 4 lebt


Schon vorab hatten Blogger das nächste iPhone enttarnt: schneller, schlanker und mit Video. Alles nichts Neues mehr. So blieb bei der offiziellen Enthüllung am Montag nur die Frage: Würde Apple-Chef Steve Jobs doch ein anderes Gerät vorstellen? War da noch mehr als das bereits Bekannte?
Von Karsten Lemm, San Francisco

Böse Jungs müssen draußen bleiben. Als Apple-Chef Steve Jobs an diesem Montag um 10 Uhr morgens die Bühne im Moscone Center in San Francisco betritt, um die jährliche Entwicklerkonferenz zu eröffnen, fehlt eines der bekanntesten Elektronik-Blogs in den Reihen der Medienvertreter, die wie üblich vorn links am Rand des Publikums sitzen: Gizmodo darf nicht dabei sein, denn Gizmodo hat der Welt schon vorab gezeigt, was Jobs nun erst enthüllen will - die neueste, die mittlerweile vierte Version des iPhone. 5000 Dollar haben die Blogger für einen Prototypen bezahlt, der einem Apple-Entwickler in einer Kneipe abhanden kam.

Nun bleibt eigentlich nur die Frage, ob der Zauberer aus dem Silicon Valley noch ein As im Ärmel hat - etwas anderes als das, was alle, die im Saal sitzen, bei <linkexter adr="http://gizmodo.com/5520164/this-is-apples-next-iphone">Gizmodo schon gesehen haben: ein schwarz-silbernes, eher kantiges Flunder-Fon, dessen größte Neuerung eine Kamera an der Vorderseite ist. Das würde Video-Telefonie möglich machen, etwa via Skype.

Viel Zeit fürs iPad

Zunächst allerdings nimmt Jobs sich ausführlich Zeit für seinen jüngsten Star, das iPad: Drei Stück pro Sekunde verkaufen die Kalifornier von ihrem Multimedia-Tablett, das mittlerweile in zehn Ländern erhältlich ist - gut zwei Millionen in wenig mehr als zwei Monaten. Dazu kommen über 35 Millionen Programme, "Apps", die eifrige iPad-Fans bereits aus dem iTunes-Laden heruntergeladen haben, kostenlos oder gegen Bezahlung. Zusammen mit den iPhone-Apps kommt Apple auf ein Angebot von mehr als 225.000 Programmen. "Nirgendwo sonst" könnten Nutzer derart aus dem vollen Schöpfen, sagt Jobs. Gut eine Milliarde Dollar habe seine Firma bereits als Gewinnbeteiligung an die Entwickler ausgeschüttet.

Dafür gibt es brav Applaus. Doch nicht alle sind glücklich. Apples Grundsatz, nur Apps zuzulassen, die sich die Firma vorher genau angeschaut hat, gerät zunehmend in die Kritik. Jobs hält mit Zahlen dagegen: 95 Prozent aller Programme bekämen grünes Licht, versichert er den Entwicklern im Publikum, und die übrigen 5 Prozent scheiterten oft genug an schlechtem Benehmen. "Sie stürzen ab." All jenen, die fürchten, dass Googles Mobilsoftware-Konkurrent "Android" das iPhone abhängen könnte, präsentiert Jobs Daten des Marktforschers Nielsen: Im ersten Quartal 2010 kam das iPhone demnach in den USA auf 28 Prozent Marktanteil, hinter dem Blackberry (35 Prozent), aber weit vor Android - bisher mit 9 Prozent weit abgeschlagen auf Platz vier, noch hinter Windows Mobile. Bei Mobilbrowsern komme das iPhone sogar auf fast 60 Prozent Marktanteil, Google Android lediglich auf 23 Prozent. "Vielleicht hilft das, die Dinge in Perspektive zu setzen", sagt Jobs. Soll heißen: Das soll uns erstmal jemand nachmachen.

iPhone 4

Und dann, jawohl, das iPhone Nummer 4 - genau wie vorab enthüllt. "Ich weiß nicht, ob Sie's schon mal gesehen haben", scherzt Jobs, um gleich hinterherzuschieben: "Noch haben Sie's nicht wirklich gesehen." Dünner als bisher - 9,3 Millimeter - ist das Neue, das Mikrofon soll Umgebungslärm ausblenden können, und das Metallgehäuse selbst dient als Antenne, um den Empfang zu verbessern. Das Display mit 960 mal 640 Bildpunkten soll deutlich schärfer sein, verspricht Jobs, dank einer viermal so hohen Auflösung von über 300 Bildpunkten pro Quadratzoll. Auch der Rechenchip ist neu, es ist nun Apples eigener A4, der gleiche wie im iPad. Die Batterie soll 40 Prozent länger halten, bis zu sieben Stunden beim Telefonieren oder zehn Stunden beim Surfen im Internet.

All das ist wie erwartet, nicht nur dank Gizmodo, sondern auch dank "Moore's Law", dem Gesetz der eingebauten technischen Beschleunigung. Nur das Internet spielt nicht mit an diesem Morgen, zu viele Blogger und Twitterer drängen sich im Wlan-Funknetz des Konferenzzentrums, und so bleibt die Demo mehrfach hängen. Nur gut, dass die neue Kamera keine Internetverbindung braucht. Sie hat nun 5 Megapixel und soll bei Schummerlicht bessere Fotos machen. Zusätzlich gibt es einen Blitz, und das iPhone 4 beherrscht Video-Aufnahmen in HDTV bis zu einer Auflösung von 1280 mal 720 Bildpunkten. Wer schon unterwegs Filme bearbeiten will, kann künftig eine Mobilversion von Apples "iMovie"-Programm für das iPhone kaufen, Schnäppchenpreis: 5 Dollar.

Mehr Suchmaschinen an Bord

Das wirklich Neue, das Überraschende, verbirgt sich in der Software: Mit OS4, der neuesten Version des Betriebssystems, lernt das iPhone nicht nur, mehrere Programme gleichzeitig zu nutzen (Multitasking) - sodass man etwa mit Skype telefonieren und nebenher etwas im Internet suchen kann. Apple bietet künftig auch einen direkten Draht zu Bing, der Suchmaschine des früheren Erzrivalen Microsoft. Wer will, kann die Voreinstellung für den Safari-Browser so ändern, dass das iPhone nicht mehr bei Google oder Yahoo nachschlägt, sondern bei Bing. "Microsoft hat richtig gute Arbeit geleistet", lobt Jobs - was die Blogger der Zeitschrift Macworld staunen lässt: "Wer hätte gedacht, so etwas bei einer Steve-Jobs-Rede je zu hören?"

Es ist nur ein weiteres Zeichen für die wachsende Rivalität zwischen den ehemals besten Freunden Apple und Google. "Sie haben beschlossen, uns Konkurrenz zu machen, und es ist immer härter geworden", klagte Jobs mit Blick auf Android und Googles "Nexus One"-Smartphone vorige Woche auf der Wall Street Journal-Konferenz "All Things Digital". Pikiert setzte der Apple-Chef noch eins drauf: "Wir sind jedenfalls nicht ins Suchmaschinen-Geschäft eingestiegen." Das nicht - aber dafür schießt Apple nun mit "iAds" zurück, einer neuen Plattform für Werbung auf Mobilgeräten wie dem iPhone, die Google direkt Konkurrenz macht. Es geht um viel Geld: 250 Millionen Dollar (etwa 210 Millionen Euro) wollen Firmen in diesem Jahr allein in den USA für solche Anzeigen ausgeben, schätzt die Investmentbank JP Morgan. Schon jetzt, vor dem offiziellen Start am 1. Juli, hätten Werbekunden iReklame für 60 Millionen Dollar gebucht, berichtet Jobs.

Kundenbindung per iAds

Wie das dann aussehen kann, zeigen Beispiele von Pixar, Nissan und der Supermarkt-Kette Target: Firmen können eigene Werbe-Apps entwickeln, etwa mit Gewinnspielen, um Kunden anzusprechen, oder interaktive Anzeigen innerhalb anderer Programme schalten. Das Ziel steht groß auf der Leinwand, in Apples eigenem Werbeclip für iAds: "Emotion und Interaktivität" - Kundenbindung durch direkte Ansprache, wo immer möglich, wie immer möglich.

Eine Sache fehlt noch, wie immer, ganz zum Schluss das Extra oben drauf: "Face Time". Das ist Apples Name für Video-Chat. Die eingebaute zweite Kamera, vorn auf dem iPhone, macht es möglich, künftig andere Gesprächspartner nicht nur zu hören, sondern sie auch vor Augen zu haben - vorausgesetzt, der oder die Andere sitzt ebenfalls vor einer Webcam oder hält ein iPhone 4 in der Hand. "Face Time" funktioniert nur per Wlan, nicht über die Mobilfunknetze von Apple-Partnern wie T-Mobile oder AT&T, zumindest fürs Erste, weil sonst die Funktürme unter der Last der Datenmengen in die Knie gehen würden.

Wenig Verblüffendes

Das war's, sagt Jobs gegen 11:40 Uhr Ortszeit. "Das ist das iPhone 4. Wir glauben, damit haben wir den größten Satz nach vorn getan seit dem Original-iPhone." Schon möglich - und doch bleibt ein Gefühl der Enttäuschung: Wo ist das Verblüffende, das Unerwartete? Fast alles, was der Apple-Chef an diesem Morgen präsentiert hat, war seit Wochen schon im Internet zu lesen, dank der bösen Jungs von Gizmodo. Und die hat es nicht mal gekümmert, dass sie draußen bleiben mussten. Sie haben trotzdem live berichtet - einfach auf die Blogs der Anderen geschaut, schnell nachgelesen bei Macworld, Engadget und Ars Technica, dann selbst ein paar Zeilen dazu geschrieben. Kein Problem, dank der vielen Kollegen im Publikum, die ihr iPhone und das Macbook dazu nutzen, die Welt im Sekundentakt mit Apple-Nachrichten zu versorgen.


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