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Ars Electronica Center: Nur Fliegen ist schöner

Das Ars Electronica Center in Linz zeigt Technik zum Anfassen: Besucher können sich ihr Computerspiel selbst zusammenbauen oder mit einem 3D-Flugsimulator durch die Lüfte schweben. Teil eins der neuen stern.de-Serie über "Das Museum der Zukunft.

Von Kathrin Warncke

Das Abenteuer kann beginnen. Eine Maschine hievt Lukas, 10, in die Höhe, vor ihm die Weiten der österreichischen Stadt Linz und der Donau. Lukas ist einer von jährlich rund 100.000 Besuchern, die das Ars Electronica Center (AEC) in Linz besichtigen. Der Flugsimulator Humphrey II, in dem Lukas hängt, ist ein Beispiel für die Werke, die im AEC ausgestellt werden. Das Zentrum zeigt Kunst mit Technologien des 21. Jahrhunderts, beispielsweise Virtuelle Realität. Hier wird auch im Spätsommer die jährliche Leistungsschau der Medienkünstler, das Ars Electronica Festival, abgehalten. Zu diesem Anlass vergibt das Museum den Prix Ars Electronica, einen hochdotierten Preis für kreative Pioniergeister. Bis zu 115.000 Euro winken den Siegern in den Kategorien Computeranimation, interaktive Kunst, Computermusik und World Wide Web.

Das Ars Electronica Center nennt sich selbst das "Museum der Zukunft". Humphrey II ist eine der Lieblingsstationen der Besucher des weltweit größten Museums für interaktive Medienkunst. Auch Lukas hat seine Freude daran: "Der Simulator gefällt mir am besten, das fühlt sich an wie echtes Fliegen."

Schwerelos wie Superman

Aus der Vogelperspektive hat Lukas die beste Sicht und kann reisen, wohin er möchte. Dafür braucht er nur die Arme seitlich und nach vorne anzuheben, wie einst Comic-Held Superman. Lukas kontrolliert durch minimale Muskelarbeit über ein pneumatisches Seilzugsystem die Darstellung des Fluges auf den Bildschirmen vor ihm. Aber daran denkt er nicht, sondern er schwebt über dem Erdboden und taucht in die Donau hinab, um Schätze zu erkunden.

Wie auf einem digitalen Spielplatz finden sich hier zahlreiche Installationen. Das Ars Electronica Center besteht insgesamt aus fünf Stockwerken. Ob ein simulierter Radausflug durch Linz im Cyberdeck oder ein Besuch in der Virtual-Reality Arena - bereits nach wenigen Minuten zeigt sich das Museum als verspielter Hightech-Palast. Selbst die Fahrt mit dem Aufzug und der Eintrag ins Gästebuch sind interaktive Kunstwerke.

Avatar zum Selbstkneten

Fachliches Vorwissen ist für die Ausstellung nicht notwendig, selbst Kinder kommen schnell mit der intuitiven Bedienung zurecht. So können sie in der virtuellen Installation "Gulliver's Welt" ihr eigenes Spiel bauen. Am "Landschaftsmaler" wird eine Welt mit Flüssen, Wiesen und Bergen erschaffen: Die Besucher berühren mit Pinseln die Oberfläche des kugelförmigen Erdball-Modells, und sofort ist die Landschaft darauf eingezeichnet. Die Spielfiguren können auch nach eigenem Wunsch geknetet werden. Ein 3D-Scanner digitalisiert die bunte Knetmasse und wandelt es so anschließend in ein virtuelles Geschöpf im Computer.

Die Installation umfasst insgesamt acht verschiedene interaktive Stationen. So können Besucher auch eigene Videos aufnehmen, die später in das Spiel eingesetzt werden. An einem zentralen Punkt werden die Landschaft, Figuren und Videos eingelesen und zu einer virtuellen Welt zusammengesetzt. Auf einer großen Leinwand können die Besucher ihr Spiel betrachten. Über eine Art Kamera können sie den Blickwinkel auf die Welt verändern und Figuren durch das Spiel laufen sehen. Mit einem echten, aber fest stehenden Tretroller lassen sich in "Gulliver's Welt" virtuelle Fahrten unternehmen.

Kritischer Blick auf Technik

Drücken, tippen und anfassen wird im Ars Electronica Center groß geschrieben. Zeitweise mutet es wie eine futuristische Spielwiese an. Seinen Reiz erhält sich das Museum durch den kritischen Blick auf die Entwicklung und Nutzung von Technologie. So wird in Sonderausstellungen beispielsweise der umstrittene Einsatz von Technologien, beispielsweise Überwachungstechnik, thematisiert.

Häufig sprechen Besucher von sich aus Themen an, die sie bewegen: "Bei den Führungen kommen immer wieder Fragen aus dem Publikum, wie zum Beispiel zu Funk-Chips, die im Preisschild integriert sind. Daraus entstehen schnell Diskussionen unter den Besuchern", so Florian Voggeneder, Infotrainer am Ars Electronica Center. Das jährliche Festival steht ebenfalls im Zeichen der Diskussion über aktuelle Technik. Das Thema für 2008, "A new cultural Economy", beleuchtete Urheberrechte und Informationsfreiheit in der digitalen Welt. Ein Konzept, das aufzugehen scheint. Im Januar 2009 wird das erweiterte Gebäude des Ars Electronica Centers an der Donau eröffnet. Mit neuen Schwerpunkten auf Themen wie Neurowissenschaften, Robotik und Biotechnologie.

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