HOME

Camcorder: Eine Karte aus dem Urlaub

DVD, Festplatte und Chipcard sollen die Kassette im Camcorder ersetzen. Doch die neuen Speicher bringen auch neue Probleme.

Band ist out: Der Kassettenrecorder ist schon erledigt, Videos werden massiv von DVD und Festplatte bedroht. Jetzt soll auch das Magnetband im Camcorder dran glauben. Derzeit bringen die Hersteller eine Reihe von Kameras auf den Markt, die neue Aufzeichnungsmedien nutzen: bespielbare Mini-DVDs, Festplatten oder Speicherkarten sollen bequemer zu benutzen sein als DV-Bänder.

Noch sind die Kassetten günstiger

Bei den Videokameras ist die Ablösung der Kassette allerdings schwieriger: Weil die Industrie den Camcordern rechtzeitig beigebracht hat, die Filme digital im DV-Format auf das Magnetband zu speichern, sind die Nachteile des Bands nicht so offensichtlich wie bei analogen Audio- und Videokassetten, wo jedes Abspielen auch eine Verschlechterung der Qualität zur Folge hat. Noch sind zudem die Kamera-Kassetten der digitalen Bandformate Mini-DV, Digital-8 oder MicroMV konkurrenzlos günstig, wenn man in "Euro pro Spielzeit" rechnet - und auch unbestritten praktisch.

Alternative 1: Mini-DVD

Doch finden zum Beispiel Sony, Hitachi und Panasonic ihre Mini-DVD noch praktischer: Die Kameras zeichnen auf eine Zwerg-DVD mit acht Zentimeter Durchmesser auf. Die, so die Hersteller, könne man dann einfach zu Hause in den DVD-Player schieben und so den Urlaubsfilm auf dem Fernsehschirm anschauen. Ganz so einfach ist die Sache aber nicht: Viele DVD-Player können nur normale Zwölf-Zentimeter-DVDs lesen und verweigern die Annahme der Mini-Disks. Andere scheitern an den Aufnahmeformaten DVD-RW oder DVD-RAM.

Alternative 2: Festplatte

Durch eine Festplatte wie im PC wollen andere Hersteller das Videoband im Camcorder ersetzen. Die erste für Endverbraucher erhältliche Videokamera mit Speicherplatte ist die Samsung ITCAM-9, die 1000 Euro kostet. Das 195 Gramm leichte Gerät bringt auf seiner 1,5-Gigabyte-Platte in der bestmöglichen Qualitätsstufe 66 Minuten Video unter. Wer mit geringerer Bildqualität vorlieb nimmt, kann die Spielzeit auf 80 oder 133 Minuten erweitern. Und wenn man die Bildauflösung auf ein Viertel der von Fernseh- und PC-Bildschirmen bekannten Detailgetreue reduziert (genannt Quarter-VGA oder kurz QVGA), lässt sich die Kapazität auf über 6,5 Stunden ausdehnen. Allerdings zeigen erste Praxistests: Schon in der bestmöglichen Qualitätseinstellung liegt die Bildqualität sichtbar unter der von normalen Mini-DV-Geräten gewohnten Darstellungsgüte. Je länger das Festplattengerät die Spielzeit ausdehnt, umso augenfälliger wird der Qualitätsunterschied.

Als Vorteil des Plattenspeichers führt Samsung an, dass sich die eigenen Aufnahmen für den Schnitt am PC deutlich schneller auf den Computer übertragen lassen, als dies bei Bandkassetten möglich ist: Während das Einlesen der eigenen Aufnahmen von einem Band in den Rechner immer in der Geschwindigkeit erfolgt, mit der der Film abläuft, lassen sich die Digitaldaten einer 66-Minuten-Aufnahme in deutlich unter 10 Minuten von der Platte im Camcorder auf ihr größeres Pendant im PC kopieren. Das ist allerdings nur einmal pro Original-Aufnahme ein Problem. Soll der Film danach auf einem Fernsehgerät präsentiert werden, muss man ihn wiederum zeitraubend auf DVD oder Band zurückkopieren.

Alternative 3: Speicherkarte

Das wohl radikalste Konzept für die Bandnachfolge stammt von Panasonic: Der neue Camcorder D-Snap SV-AV 100 (1300 Euro) zeichnet digitale Aufnahmen in einem Speicherchip auf. Panasonic hat dazu die schon von vielen Digitalkameras bekannten Speicherkarten vom Typ SD-Card gewählt. Auf die größten heute verfügbaren Kärtchen mit 512 Megabyte Kapazität passen in guter Qualität rund 20 Minuten Bild und Ton. Auch bei diesem Gerät kann der Hobbyfilmer Spielzeit gegen Bildqualität eintauschen: bei stärkerer Datenkompression passen nach Herstellerangabe "mehrere Stunden" auf die SD-Card - aber eben wieder in sichtbar schlechterer Qualität. Weil die Datenmengen nicht zuletzt auch vom aufgenommenen Motiv abhängen, schwanken die erzielbaren Spielzeiten zwischen einer und etwa vier Stunden.

Eine SD-Card mit 512 MB ist derzeit ab etwa 180 Euro erhältlich. In Kürze sollen Karten auf den Markt kommen, die ein Gigabyte speichern (voraussichtlich ab 450 Euro). Mit ihnen verdoppeln sich dann die angegebenen Spielzeiten.

Vorteil der Speicherchips: Der Verzicht auf jedwede Laufwerksmechanik macht solche Camcorder besonders unempfindlich gegen Erschütterungen oder raue Behandlung. Zudem braucht die Chipkarte viel weniger Platz als Festplatten-, DVD- oder Bandlaufwerke, was es dem Hersteller Panasonic ermöglicht, die nach eigener Aussage "dünnste Digitalkamera der Welt" zu bauen. Und auch beim SD-Card-Camcorder geht das Überspielen eigener Videos auf einen Computer zwecks PC-Nachbearbeitung deutlich schneller vonstatten als bei Bandgeräten.

Aber der Rechner müsste wohl mit

Das ist in diesem Fall allerdings auch dringend notwendig. Denn ähnlich wie bei digitalen Fotokameras kann der Hobbyfilmer aus Preisgründen wohl kaum so viele Speicherkarten in der Tasche mit sich führen wie bislang Videobänder. Also müssen die Aufnahmen noch unterwegs auf den Computer überspielt werden, damit die Karte wieder frei wird. Das bedingt natürlich auch die Mitnahme eines Rechners zumindest in jeden längeren Urlaub.

Noch wird sich die Kassette behaupten

Angesichts der Vorteile, die die Kassette immer noch in Sachen Preis und Praxis bietet, darf man daher bezweifeln, ob dem guten alten Band im Camcorder-Einsatz wirklich ein so schnelles Ableben beschieden ist. Marktbeobachter gehen jedenfalls davon aus, dass Camcorder mit konventionellem Bandlaufwerk auch im Jahr 2005 noch deutlich über 90 Prozent Marktanteil behalten werden.

Zudem bastelt die Industrie bereits an einem verbesserten Nachfolger des heutigen Mini-DV-Bandes: Unter dem Namen HDV wollen alle großen Camcorderhersteller schon bald hoch auflösendes Video auf den bewährten Mini-DV-Cassetten aufnehmen. Damit dürfte dem Mini-Videoband im Camcorder die Zukunft sicher sein - selbst wenn ihm Mini-DVD, Festplatte und Speicherchips das eine oder andere Prozent Marktanteil abjagen.

Hannes Rügheimer / print