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Digitale Karten: Die Vermesser der Welt

Damit ein Navigationsgerät weiß, wo es langgeht, braucht es digitale Karten. Videowagen der Firma Tele Atlas fotografieren und erfassen dafür Millionen Straßenkilometer. Der stern ist ein paar davon mitgefahren.

Von Dirk Liedtke

Schnieke neue Häuser mit gelbem oder weißem Putz, flotte, junge Mütter mit Designer-Buggys unter knallblauem Himmel - alles ein bisschen wie in der Vorstadt-TV-Serie "Desperate Housewives". Das weiße VW-Wohnmobil fährt langsam die Straße "Skylineblick" im Frankfurter Stadtteil Riedberg entlang. Über der Frontscheibe sind zwei Videokameras befestigt, an der rechten Seite eine weitere, an der Rückseite des Campers gleich drei. Remigiusz Rakowski, 30, sitzt am Steuer, daneben starrt Marek Orysiak, 32, konzentriert auf einen Laptop. Mit einem Plastikgriffel markiert er immer wieder Punkte auf dem berührungsempfindlichen Bildschirm.

Was machen diese Männer? Sind es GEZ-Fahnder auf der Suche nach Schwarzsehern? Verfassungsschützer, die terroristische Schläferzellen aufspüren? Oder Diebe beim Abchecken möglicher Einbruchsziele? Nein, die Männer mit dem mysteriösen Mobil sind moderne Kartografen. Mit ihrem Hightech-Wohnmobil, auf dem hinten "Road Survey" steht - übersetzt: "Straßenvermessung" -, fahren sie Straßen und Autobahnen ab und sammeln so Rohdaten für die digitalen Karten in Navigationsgeräten.

Mit Preisen ab unter 200 Euro sind tragbare Navigationsgeräte derzeit Bestseller in den Elektronikmärkten; kaum eine Oberklasse-Limousine verlässt das Werk ohne Einbau-Navi. Dass die elektronischen Pfadfinder ihre Position mithilfe der Signale des Satellitennavigationssystems GPS bestimmen, wissen inzwischen die meisten. Doch wo kommen die digitalen Straßenkarten her?

Nur zwei Anbieter dominieren weltweit das Geschäft mit digitalen Atlanten und Stadtplänen: Navteq aus den USA und Tele Atlas, ein niederländisch-belgisches Unternehmen. Egal, ob Anbieter von tragbaren Geräten wie Tomtom oder Autohersteller wie Volkswagen - sie kaufen die Straßenkarten von Tele Atlas. Und dazu weitere Informationen, etwa über Tankstellen, Hotels und Sehenswürdigkeiten. Daraus machen sie dann ihre eigene Karte - mit speziellen Farben, Symbolen und Schrifttypen.

Tele Atlas, das Unternehmen mit Sitz in der belgischen Stadt Gent, ist stolz auf die "Mobile Mapping Vans", die geheimnisvollen Videomobile wie den VW in Frankfurt. Deren Funktion: Während das Auto fährt, fotografieren die stereoskopischen Kameras an der Vorderseite dreimal pro Sekunde die Straße, messen Entfernungen und die Höhe von Objekten - etwa Brücken. Die Kamera an der rechten Seite fotografiert Verkehrsschilder und Ampeln. Drei weitere an der Rückseite zeichnen den Verlauf der Straße auf. Ein besonders genauer GPS-Empfänger kombiniert diese Informationen mit der geografischen Position des Fahrzeugs. Ein so genanntes Gyroskop erfasst zusätzlich die Neigung der Straße.

"Bei gutem Wetter können wir etwas schneller fahren", sagt Marek Orysiak. "Mehr als 100 Stundenkilometer sind aber auch auf der Autobahn nicht drin, weil wir die Schilder und Markierungslinien auf der Fahrbahn fotografieren müssen", erklärt der ehemalige Polizist aus Warschau. Der junge Vater fährt drei Wochen am Stück mit einem Kollegen durch Europa. Dann verbringt er eine freie Woche mit Frau und Sohn. "Ich mag diese Arbeit. Ich fahre gerne Auto und lerne dabei viele Länder kennen", sagt Marek. Bei schönem Wetter grillen er und Remigiusz Würstchen am Rastplatz. Auch die Nächte verbringen sie im Wohnmobil.

Nach jeder halbstündigen Tour durch ein Gebiet oder einen Straßenabschnitt überprüft eine Software automatisch, ob die Daten sauber erfasst sind. Am Ende jeden Tages kommen dann rund 110 Gigabyte zusammen. Zwei PC sind in dem Auto fest eingebaut. Die Rohdaten, Tausende von Bildern, werden auf einer Festplatte an die Firmenzentrale in Gent geschickt. Die Daten von 21 Videowagen aus ganz Europa laufen hier zusammen. Dazu kommen noch die Meldungen aus 60 Pkws, in denen manuell per Laptop Daten erfasst werden.

Mehr als nur Navigationshilfen

Die digitalen Karten sind auch für eine gar nicht mehr ferne Zukunft präzise genug: eine Zukunft, in der "Fahrerassistenzsysteme" genau wissen, wie scharf eine Kurve ist, und das Tempo drosseln. Bei Lastwagen könnten Informationen über eine Steigung direkt ins Getriebe einfließen und durch optimales computergesteuertes Schalten den Dieselverbrauch etwa an den Kasseler Bergen auf der A7 deutlich reduzieren.

Das eigentliche Auseinanderdröseln der Informationen auf Millionen von Einzelbildern übernehmen rund 600 Mitarbeiter des Unternehmenes Infotech im indischen Haiderabad und in Neu Delhi. Die sind billiger als Belgier. Die Daten aus den Video-Vans sind nicht alles, was Tele Atlas auswertet, zudem kann unmöglich jede winzige Straße abgefahren werden. Also ergänzen Satellitenbilder, Karten von Landesvermessungsämtern und Unterlagen der Deutschen Post den digitalen Atlas. Dazu kommen etwa Adressen von Tankstellen und Restaurants aus insgesamt 30.000 Quellen europaweit. All dies ergibt eine gigantische Datenbank mit sieben Millionen Kilometern Straßeninformationen für Europa und 23 Millionen Zusatzinformationen weltweit.

Eine Sisyphusarbeit ist das mühsame Sammeln und Sortieren trotzdem. Denn wenn ein Navi im Regal steht, sind die Daten längst wieder veraltet. Sie können im schlimmsten Fall schon ein Jahr auf dem Buckel haben. Nur bei Autobahnen beträgt die Genauigkeit des Kartenmaterials laut Tele Atlas fast 100 Prozent. Wenig befahrene Landstraßen werden dagegen nur alle drei Jahre überprüft. Tele Atlas setzt daher auch auf die Kunden: Schon jetzt treffen pro Jahr 200.000 Hinweise auf Kartenfehler ein.

Einen dicken Fehler hat sich auch ein Autofahrer in Frankreich geleistet. Der fuhr einen Spiegel vom geparkten Auto der beiden Vermesser ab und machte sich schnell aus dem Staub. Vor der Polizei stritt er jede Schuld ab. Was er nicht ahnte: Die Kameras hatten alles aufgezeichnet.

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