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Flugzeugbau: Tücken stecken im Detail

Die häufigen Verschiebungen der Auslieferung neuer Flugzeugtypen sind nicht unbedingt Zeichen von Schlampigkeit des Herstellers, sondern liegen in der Komplexität der Großprojekte begründet. Boeing geht beim Bau der 787 neue Wege, ebenso wie Airbus beim Militärtransporter A400M.

Verspätung beim Airbus A400-Militärtransporter, Diskussionen um Probleme bei der Boeing 787 - kaum ein neues Flugzeugprogramm startet ohne Schlagzeilen über Schwierigkeiten. Diese sind in der Regel kein Zeichen von Schlamperei, sondern eher von der Auseinandersetzung mit neuen Werkstoffen und Fertigungsverfahren. Schon auf Grund der hohen Sicherheitsstandards zählen Flugzeuge zu den anspruchsvollsten technischen Großprojekten.

"So schwierig wie Flugzeuge insgesamt schon zu bauen sind - große Flugzeuge sind am anspruchsvollsten", schreibt zum Beispiel der damalige Boeing-Marketingchef Randy Baseler 2006 in seinem Weblog zu den Verzögerungen beim Wettbewerber Airbus und dessen Flaggschiff A380.

Schweigen bei Schwierigkeiten der Konkurrenz

Die Zurückhaltung bei Krisen der Konkurrenz zeigt, wie komplex das Geschäft ist - für Airbus und Boeing. Mit der 787 macht Boeing zum Beispiel einen Technologiesprung weg vom klassischen Metallrumpf - die neuen Verbundwerkstoffe machen den Jet leichter und sparsamer. Dabei kann das Unternehmen nicht auf Bewährtes aufbauen, verlässt etablierte Konstruktionswege. "Wir beschäftigen uns noch mit Herausforderungen durch Zulieferer, Zeitpläne und das Gewicht", teilte Boeing bei Vorlage der Quartalszahlen im Juli mit.

Kurzfristige Finanzmarktdaten sind als Erfolgsindikator für Flugzeugprojekte wenig aussagekräftig: Die Programme rechnen Erfolg eher in Dekaden und nicht Quartalen. So startete zum Beispiel die Boeing 747 Ende der 60er Jahre mit diversen technischen Schwierigkeiten - ein so großes Flugzeug hatte zuvor eben noch niemand gebaut. "So riesig, wer braucht bloß so ein Flugzeug?", kam es von Kritikern. Davon ist fast 40 Jahre später nichts mehr zu hören. Mit mehr als 1500 verkauften Exemplaren ist die 747 eines der erfolgreichsten Programme von Boeing. Bei der 787 ist die Situation ungleich besser, Boeing hat jetzt schon mehr als 600 Aufträge.

Neuland mit dem Militär-Airbus

Die Entwicklung des Airbus Militärtransporters A400M ist ein weiteres Beispiel für technisches Neuland: "Das A400M-Programm ist bedeutenden Risiken hinsichtlich des Gesamtzeitplans ausgesetzt, denn Systemzulieferer stehen weiterhin vor Herausforderungen, die späte Design-Anpassungen notwendig machen können", teilte das Unternehmen Ende Juli mit. Das Projekt zählt zu den anspruchsvollsten Airbus-Programmen der vergangenen Jahrzehnte. Der Hersteller kann für die A400M zwar bei vielen Systemen auf Erfahrung aus Passagierjets aufbauen. Ansonsten ist die A400M aber neu - angepasst an den Einsatz als Militärtransporter. Ein Passagierflugzeug wie die A320 startet nicht von unbefestigen Landeplätzen und setzt auch keine Fallschirmspringer ab.

Die A400M bekommt einen der leistungsstärksten Turboprop-Antriebe weltweit - auch das macht die Konstruktion anspruchsvoll. Selbst wenn einzelne Komponenten wie Antrieb, riesige Propeller und Flugzeugzelle perfekt funktionieren, gilt dies nicht automatisch auch fürs Zusammenwirken. In Abstimmung und Anpassung liegt die technische Herausforderung. Jedes Flugzeug ist ein Kompromiss aus Anforderungen bei Aerodynamik, Sparsamkeit, Alltagstauglichkeit und natürlich Sicherheit.

Auch Lieferanten betroffen

Angesichts der internationalen Zulieferketten sind bei möglichen Verzögerungen von neuen Programmen auch zahlreiche Lieferanten betroffen. Wie sehr ein Zulieferer leidet, hängt aber nicht nur vom Bauteil ab, sondern vor allem auch vom Geschäftsmodell. So liefert zum Beispiel Rolls-Royce mit den Triebwerken eines der teuersten und kompliziertesten Teile bei Riesenjets wie der A380. Die Verzögerungen treiben das Unternehmen aber nicht gleich in eine Krise. Denn Rolls- Royce macht inzwischen nach eigenen Angaben 53 Prozent seines Umsatzes mit dem Servicegeschäft.

Heiko Stolzke/DPA / DPA