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Gerhard Güttel: Letzter Testpilot der DDR-Flugzeuglegende "152"

Beide gehören zu einem nahezu vergessenen Kapitel DDR-Geschichte. Der fast 85-jährige Gerhard Güttel steht vor dem Rumpf des legendären ersten deutschen Düsenverkehrsflugzeugs "152".

Die Maschine wurde in den 50er Jahren in der DDR entwickelt, noch bevor im Westen der erste derartige Jet abhob. Güttel ist der letzte noch lebende Testpilot.

Den mit viel DDR-Politprominenz gefeierten ersten Testflug am 4. Dezember 1958 erlebte der damals Mittdreißiger als Zaungast aus dem Dresdner Serienwerk, wo IL 14 in Lizenz gebaut wurden. Er war gerade nach Dresden gegangen, weil dort mit immensem Aufwand eine Flugzeugindustrie mit rund 7000 bis 8000 Beschäftigten aus dem Boden gestampft wurde. Der Metallflugzeugbauer hoffte, wieder in die Luft steigen zu können. Im Zweiten Weltkrieg war er Pilot.

In den Dresdner Flugzeugwerken arbeitete Gerhard Güttel als ziviler Pilot. Er absolvierte in der Sowjetunion Lehrgänge und flog Maschinen dortiger Bauart: Von Antonows über Iljuschins bis zu Militärhubschraubern. "Etwa zehn Typen", rechnet er vor.

Testpiloten gesucht - nach dem ersten Absturz

Von der Katastrophe vom 4. März 1959, als bei einem Testflug der "152" zwei Piloten und zwei Techniker ums Leben kamen, hörte Güttel mit einwöchiger Verspätung in Moskau. "Man wollte die Ausbildung nicht gefährden", erinnert er sich. Mit Übermittlung der Hiobsbotschaft kam gleich die Frage, ob er nun Testflüge mit der "152" übernehmen würde. "Ich wollte immer Flieger sein", sagt Güttel. "Das war meine Leidenschaft. Und deshalb sagte ich zu."

Er blättert in seinen Unterlagen aus jener Zeit und zeigt sein Flugbuch. Akkurat und in gestochen scharfer Schrift ist dort jede Minute eingetragen. Zum ersten Mal blieb er am 26. August 1960 mit der "152" exakt 22 Minuten in der Luft: Von 11.22 Uhr bis 11.44 Uhr. Mit Pilot Heinz Lehmann sei er ins Cockpit gestiegen. "Wir waren uns damals sicher, wieder gut zu landen", sagt Güttel.

"Wir hatten uns bei Technikern umgehört und meinten, wesentliche Ursachen für den Absturz zu kennen", sagt Güttel. An seinen ersten "152"er-Flug erinnert er sich genau. "Alles ist normal verlaufen. Alles hat gestimmt." Was blieb ihm in Erinnerung? "Das Gefühl, etwas Besonderes erlebt zu haben", kommt er ins Schwärmen. Zum zweiten und letzten Mal hob er mit der "152" am 4. September 1960 ab. "Für uns war dann Schluss, weil die letzten Fakten zu den Ursachen des Absturzes immer noch fehlten."

Fundstücke im Wald

Es war dann auch der letzte Flug der "152". Im Frühjahr 1961 verabschiedete sich die DDR-Führung von ihrem Vorhaben, ein Düsenstrahlflugzeug auf den Markt zu bringen. Die "152" wurde verschrottet. "Es sollte nichts mehr an sie erinnern", meint Güttel. Durch Zufall kam ein Rumpf in ein Waldgebiet bei Rothenburg in Sachsen. Mitte der 90er Jahre konnte er geborgen werden und steht nun restauriert in der Halle des Dresdner Flughafens. Andere Stücke werden im Dresdner Verkehrsmuseum gezeigt.

Güttel musste aus gesundheitlichen Gründen 1970 seine Flieger- Karriere beenden. Der als Flugzeugkapitän ausgezeichnete Sachse arbeitete nun als Prüfingenieur in den Flugzeugwerken. Zu seinem 80. Geburtstag nahm er noch einmal den Steuerknüppel in die Hand und drehte mit einem Fluglehrer Runden über dem Dresdner Airport.

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