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Kampf gegen Lärm: Ruhe jetzt!

Weil der Alltag ständig lauter wird, liefert die Elektrobranche inzwischen auch Stille. So filtern spezielle Kopfhörer Umgebungsgeräusche weg. Pünktlich zum internationalen Tag gegen Lärm am 16. April gibt es einige technische Helferlein im Kampf gegen den Krach.

Von Tina Klopp

Eigentlich mag Brigitte Schulte-Fortkamp keine militärischen Begriffe. "Aber Wettrüsten‘ trifft die aktuelle Entwicklung leider am besten", sagt die Professorin vom Institut für Technische Akustik an der TU Berlin zur Lage der Lärmnation. Weil sich der eine vom Nachbarn durch laute Handygespräche oder die Stereoanlage gestört fühlt, bringt er die eigene Schallanlage in Stellung - und lässt damit den nächsten aufdrehen.

Die Elektrobranche hat deutsche Haushalte bis über beide Ohren mit Mobiltelefonen und MP3-Playern ausgerüstet. Auf 25 Millionen schätzt der Branchenverband Bitkom die Zahl der Musik- und Videoplayer, die in Deutschland im Umlauf sind - Handys mit Musikfunktion nicht miteingerechnet. "Es ist heute zu leicht geworden, Lärm zu machen", sagt Christian Macke, selbstständiger Schallschutzberater aus Berlin. Auch deshalb ist der kommende Mittwoch, der internationale Tag gegen Lärm, ein wichtiges Datum.

Ausmessen

Was an einem Tag an Lärmbelastung zusammenkommt, lässt sich mit einem Geräuschdosimeter herausfinden. Mit dem Modell von Etymotic Research etwa kann man sowohl den Durchschnittswert aus einer 16-Stunden-Lärmmessung ermitteln oder eine Zwei-Minuten-Untersuchung auf eine Stunde hochrechnen. Danach weiß man dann, ob man im Großraumbüro nicht doch besser Ohrenschützer tragen sollte. Dass es diese Geräte inzwischen aus der Spezialistenmailorder auf den Massenmarkt geschafft haben, ist ein weiterer Beweis dafür, dass Lärm nicht mehr nur für Sprengmeister und Death-Metal-Gitarristen ein Thema ist.

Ausblenden

Die Hersteller von Unterhaltungselektronik sehen Lärm weniger als Problem, sondern als neuen Markt. Die jüngste Generation von MP3-Kopfhörern etwa setzt auf "Sound Isolation Technology". Der Hörknopf wird samt Plastiklamellen so tief ins Innenohr geschoben, dass er den störenden Umgebungslärm fast komplett ausblendet.

Ebenfalls recht neu sind Aktivkopfhörer wie das Modell FJ454 von Sharper Image. Die nehmen mit winzigen Mikrofonen den Umgebungslärm auf und neutralisieren ihn, indem sie entsprechenden Gegenschall ausstrahlen. Das funktioniert erstaunlich gut und sorgt für bis zu 30 Dezibel weniger Störgeräusche. Besonders zuverlässig klappt es bei tieffrequentem Elektrobrummen, Straßen- oder Flugzeuglärm.

Abwehren

Selbst Oasen der Kultiviertheit, Konzerthäuser etwa, sind nicht frei von Lärmverschmutzung. Ein "Tannhäuser" übertönt streckenweise starken Straßenlärm. Wer die lauten Passagen ertragen und die leisen nicht verpassen möchte, sollte sein Gehör durch Ohrstöpsel mit professionellen Filtern schützen: Dank einer linearen Dämmung erhalten Sie das natürliche Klangbild wie auch das Richtungshören. Unbedenkliche Klangwellen schlüpfen durch kleine Löcher im Material, schädliche Töne bleiben draußen. Zusätzlichen Tragekomfort bieten sogenannte Otoplasten, Maßanfertigungen vom Hörakustiker.

Abschalten

Wie der Onlinewohnungsmarkt Immobilienscout 24 ermittelte, leidet jeder dritte Deutsche unter Lärmbelästigung in den eigenen vier Wänden. Immerhin jeder Sechste hat deshalb schon einmal über einen Umzug nachgedacht oder ihn tatsächlich in die Tat umgesetzt. Denn der Lärm des Nachbarn hat eine psychologische Komponente: Störender als das Geräusch selbst wirkt sich häufig die unterstellte Rücksichtslosigkeit aus. Und eine Studie der University of York belegt, dass Gespräche über Mobiltelefone tatsächlich lauter geführt werden als Gespräche von Angesicht zu Angesicht. "Als besonders lästig empfindet man den demonstrativen Unfug, der da oft geredet wird", sagt Schulte-Fortkamp.

Eine radikale Möglichkeit, sich Ruhe zu verschaffen, wären Cell Phone Jammer, mobile Störsender, die alle Mobiltelefone im Umkreis von 0,5 bis 15 Metern verstummen lassen. Doch der Verkauf und Einsatz solcher Geräte ist in Deutschland verboten. Das liegt neben dem schädlichen Elektrosmog daran, dass die mobilen Störsender möglicherweise auch Notruffunktionen und Herzschrittmacher beeinflussen. In Ländern, in denen sie erlaubt sind, lassen sich die Geräte online bestellen.

Abwarten

Für den Hausgebrauch sind Ohrstopfen und Lärmschutzkopfhörer natürlich keine Dauerlösung. Deshalb tüfteln Forscher an der Bundeswehruniversität Hamburg bereits an der perfekten Lärmdämmung fürs Schlafzimmer. Die soll nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren wie der Aktivkopfhörer. Auch hier kommen kleine Mikrofone und eine Gegenschallanlage zum Einsatz. Die Krux besteht darin, das Weckerklingeln zu erhalten, dafür aber den Fernseher vom Nachbarn auszublenden - und das in jeder Ecke des Raumes. Derzeit ist eine Ruhezone von etwa einem Kubikmeter drin. "Ob in Form eines Ohrensessels, eines Ruhekissens oder in das Kopfende der Matratze verbaut - wie ein kommerzielles Produkt am Ende aussehen wird, das wissen wir selbst noch nicht", sagt Labormitarbeiter Kai Simanowski.

FTD