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Offshore-Windpark "Alpha Ventus": Weltpremiere vor dem Watt

Bundesumweltminister Norbert Röttgen hat Deutschlands ersten Offshore-Windpark "Alpha Ventus" in der Nordsee in Betrieb genommen. Zwölf riesige Windräder produzieren Strom für 50.000 Haushalte. Umweltschützer sind dennoch in Sorge.

Es ist eine Weltpremiere: So stark, so weit draußen und in so tiefem Wasser ist weltweit kein weiterer Offshore-Windpark. 45 Kilometer nördlich von Borkum und in 30 Meter tiefem Wasser steht Deutschlands erster Offshore-Windpark in der Nordsee. Am Mittag hat Bundesumweltminister Norbert Röttgen die Anlage "Alpha Ventus" eröffnet.

Im Vollbetrieb soll der Park mit seinen zwölf gigantischen Windrädern Strom für 50.000 Haushalte liefern. Es werden Räder mit je fünf Megawatt Leistung der deutschen Hersteller Multibrid und REpower eingesetzt. Jedes einzelne Windrad steht auf einem 700 Tonnen schweren Fundament in rund 30 Metern Tiefe. Darauf bilden drei Stahlröhren, mehr als 100 Tonnen schwer und durch über 500 Schrauben miteinander verbunden, den je nach Hersteller 148 (Multibrid) oder 155 Meter (REpower) hohen Turm, auf dessen Spitze der Rotor sitzt. Die Propellergondel, in der sich der Motor und das Getriebe des Rotors befinden, ist so groß wie ein Haus und wiegt 200 Tonnen. Jedes der drei Propellerblätter hat eine Länge von 56 Metern.

"Alpha Ventus" ist ein Testprojekt, mit dem grundlegende Erfahrungen in Bau und Betrieb von Windrädern auf hoher See gesammelt werden sollen. Betreiber sind die Energieriesen E.ON und Vattenfall sowie die Stromgesellschaft EWE aus Niedersachsen.

Für das Gemeinschaftsunternehmen von EWE, Eon und Vattenfall war "Alpha Ventus" ein Sprung ins kalte Wasser: Bis zu 350 Spezialisten waren manchmal zeitgleich an der Baustelle, unterstützt von bis zu 25 Schiffen. 2008 mussten die Techniker oft an Land bleiben: Hohe Wellen und zu viel Wind verzögerten den Baustart. Die Stahlpreise stiegen und die Kosten kletterten von 190 auf 250 Millionen Euro.

Ob sich das Testfeld auch langfristig rechnet, ist die zentrale Frage für das Konsortium. Neben neuen Erkenntnissen über den bisherigen Bau- und späteren Wartungsaufwand sollen sich die zwölf Anlagen durch Erträge rechnen, die durch die Subventionen nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz fließen.

Kritik von Umweltschützern

Kritik gab es anfangs nach Schäden im Watt bei der Verlegung des tonnenschweren Seekabels. Es endet auf einem auf Stelzen gebauten Umspannwerk im Windpark, wo auch ein Hubschrauber landen kann.

Naturschützer wie der regionale Wattenrat in Ostfriesland sehen zudem Gefahren für Schweinswale und Zugvögel. Ein Untersuchungsbericht von der benachbarten Forschungsplattform Fino 1 zeigt eine hohe Gefährdung beim Vogelzug in der Nacht. Ornithologen hatten bereits während des Baus zum Schutz der Tiere und der Anlagen ein Frühwarnsystem in Kombination mit einem Beleuchtungs- und Abschaltkonzept vorgeschlagen. Denn bei schlechtem Wetter fliegen die Vögel niedrig und werden mangels anderer Rastplätze auf See durch beleuchtete Objekte angezogen. Die Beleuchtung wiederum ist aus Gründen der Schiffs- und Flugsicherheit vorgeschrieben.

Skeptiker befürchten aber auch Gefahren für die Schifffahrt, wenn sich weitere Windparks in der dicht befahrenen Deutschen Bucht drängeln.

Die Zukunft ist off-shore

Nach Angaben des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie wurden inklusive Alpha Ventus bislang 25 deutsche Offshore-Projekte mit insgesamt mehr als 1.650 Rädern genehmigt. 22 Windparks sollen in der Nordsee entstehen, drei in der Ostsee. Mehr als 60 Vorhaben sind in Planung. Da Windräder an Land immer mehr Widerstand bei den Bürgern hervorrufen, gelten Windparks auf See als die Zukunft der Stromerzeugung.

DPA/AP/san / AP / DPA