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Radio Frequency Identification: Der gläserne Kunde

Funkende Etiketten sollen die Warenwelt bequemer machen. Doch Datenschützer warnen vor der Überwachung durch die "Schnüffelchips".

Ein seltsames Häuflein Demonstranten belagerte vor zwei Wochen den Extra-Supermarkt im Städtchen Rheinberg bei Duisburg. "No Future Store" stand auf einer riesigen Rasierklinge aus Pappe, "Stopp RFID" und "Orwell 1984 - Metro 2004" auf Transparenten. "Was haben die gegen Rasierklingen?", fragte eine ältere Dame irritiert. Ziel der Demo waren aber nicht teure Wegwerf-Messerchen, sondern deren neuartiges Preisschild. Und das hat es in sich.

Im Extra-Markt Rheinberg probt der Metro-Konzern unter dem Namen "Future Store" das Einkaufen der Zukunft. Auf Philadelphia-Frischkäse, Pantene-Shampoo und in der Verpackung von Gillette-Rasierklingen kleben funkende Etiketten. Die nur wenige Millimeter großen Chips mit dem komplizierten Namen RFID ("Radio Frequency Identification") können wesentlich mehr als der heute gebräuchliche Strichcode. Hersteller und Händler aller Art versetzt das in helle Begeisterung - Datenschützer treibt es auf die Straße.

Klein und günstig

Seriennummern, aber auch weitere Daten wie die Mindesthaltbarkeit von Lebensmitteln lassen sich auf den RFID-Chips speichern - und per Funk aus der Ferne abfragen. Bis zu einem Meter weit funktioniert das: Sendet ein Lesegerät ein Funksignal aus, schickt der Chip per Antenne die in ihm gespeicherten Daten zurück. Dazu braucht der Chip nicht einmal eine eigene Batterie: Die Energie der empfangenen Funkstrahlen wird für die Antwortsendung benutzt. Dadurch sollen die RFID-Chips so klein und preiswert werden, dass man sie auf Preisschilder drucken, in Pullover einnähen oder sogar in Lackfarben mischen kann.

Nimmt etwa im Rheinberger Extra-Markt ein Kunde eine Packung Philadelphia, registriert dies der Abfragesender im intelligenten Regal. Droht eine Sorte auszugehen, schlägt das System Alarm im Lager - und das Regal wird aufgefüllt. Die Kasse soll künftig ohne Kassierer auskommen, weil ein Lesegerät beim Vorbeischieben des Einkaufswagens alle darin enthaltenen RFID-Chips ortet und die entsprechenden Warenpreise addiert.

Wissen, wer was kauft?

So weit, so praktisch. Datenschützer allerdings drehen die RFID-Vision ins Erschreckende: Jedes gekaufte Produkt ließe sich über den Funkchip mit dem Käufer verknüpfen - auch außerhalb des Geschäfts. Wann immer ein Kunde mit der im Laden gekauften Winterjacke an einem Lesegerät vorbeiginge, könnte der Chip in der Jacke abgefragt werden - und anhand der Seriennummer wüsste ein Computersystem sofort: Die Jacke hat doch neulich der Herr Meyer in Rheinberg bezahlt. Zwar will die Metro AG mit einem "De-Activator" die Funketiketten gleich nach der Kasse löschen - doch noch gelingt das nicht restlos.

Proteste gegen Kundenüberwachung mit ersten Erfolgen

Vielen Datenschützern geht schon die Verbindung von Produkt- und Kundendaten an der automatischen Kasse zu weit. Die hatte Metro sogar auf die Spitze getrieben: Ohne die Besitzer darüber zu informieren, wurden Kundenkarten mit einem Funkchip versehen. Theoretisch lässt sich so ein Kunde schon beim Betreten des Ladens identifizieren. Seine Bewegungen innerhalb des Geschäfts könnten auch verfolgt werden - und natürlich seine Einkäufe. Noch vor der Demo in Rheinberg ging der mächtige Metro-Konzern vor den Datenaktivisten von "Foebud" in die Knie - die Karten werden ausgetauscht. Der Bielefelder Verein steht an der Spitze der Stopp-RFID-Bewegung.

Schlechte Vorbilder im Ausland

Geheime Tests im Ausland haben den Argwohn von Verbraucherschützern verstärkt. Junge Frauen, die in einem Wal-Mart-Einkaufszentrum in Oklahoma Lipfinity-Lippenstift auswählten, wurden dabei heimlich von Marketing-Leuten des Konsumgüter-Giganten Procter & Gamble beobachtet - über eine Kamera, die ein Funkchip in der Lippenstiftverpackung aktivierte, wenn die Kundinnen sie aus dem Bereich des Regal-Lesegeräts nahmen. In einem englischen Tesco-Supermarkt wurden Kunden automatisch fotografiert, sobald sie eine Packung Gillette-Rasierklingen mit Chip in die Hand nahmen. Weil die Diebstahlsrate bei den Klingen so hoch ist, wurde jeder zum Verdächtigen gemacht: Der Kunde könnte ja ein Dieb sein, also wird er vorsichtshalber fotografiert.

Die Befürchtungen der Foebud-Aktivisten gehen über den gläsernen Käufer hinaus: "Bald werden die Geräte zum Auslesen der Chips unsichtbar in Wände, Türschwellen, Tanksäulen und Treppengeländer integriert sein." Peter Schaar, Bundesbeauftragter für den Datenschutz, fügt hinzu: "Das Hauptproblem sehe ich darin, dass der Einzelne überall lokalisierbar und identifizierbar wird."

Natürlich auch Vorteile

Die Vorteile der funkenden Etiketten sind durch die Geheimnistuerei von Metro & Co. derzeit in den Hintergrund getreten. Leere Regale soll es nicht mehr geben, die Lieferkette soll besser organisiert werden - das könnte die Preise drücken. Landet ein schwarzer Pulli zusammen mit den weißen Handtüchern in einer "intelligenten" Waschmaschine mit RFID-Lesegerät, könnte sie dank eines eingenähten Chips wegen Verfärbungsgefahr Alarm schlagen. Ein Mikrowellenherd würde die Tiefkühl-Lasagne an ihrem Chip erkennen und automatisch das passende Kochprogramm starten.

Unter uns sind die Chips schon heute. Viele Büroarbeiter schließen mit einer Funkkarte den Eingang zum Firmengebäude auf und bezahlen drahtlos ihr Mittagessen in der Kantine. In London können U-Bahn-Passagiere mit einer RFID-Monatskarte Drehkreuze und Türen öffnen. Zehntausende amerikanische Zuchtrinder tragen einen Chip im Ohr. Pendler in New York zahlen ihre Brücken- oder Tunnel-Maut per Funk. Und in der Stadtbücherei Stuttgart wurden gerade 300 000 Bücher mit RFID-Chips ausgestattet, um Ausleihe und Rückgabe zu vereinfachen.

Die Diskussion muss beginnen

Bis jeder Joghurtbecher mit einem intelligenten Etikett ausgestattet ist, könnten noch 10 bis 15 Jahre vergehen, sagt die Metro. Doch ab November sollen immerhin rund 100 Lieferanten ihre Paletten und Transportverpackungen für rund 250 Märkte von Metro mit RFID-Etiketten versehen. Umso wichtiger, dass die Diskussion über Nutzen und Gefahren von RFID beginnt: In den USA verlangen die ersten Politiker eine Kennzeichnung aller Produkte, die mit Funk-Etiketten bestückt sind. Auch der Datenschutzbeauftragte Peter Schaar fordert, dass "die Chips beim Verlassen des Geschäfts deaktiviert werden. Ehe das nicht realisiert ist, sehe ich derzeit auch keine Rechtsgrundlage".

Besonders misstrauische Konsumenten könnten sich in Zukunft vor dem Einkauf mit speziellen Geräten bewaffnen: Eine US-Firma hat kürzlich ein "Blocker"-Etikett vorgestellt. An einer Einkaufstasche angebracht, würde es alle Gegenstände mit Funkchip quasi unsichtbar machen - eine elektronische Tarnkappe für mündige Verbraucher.

Dirk Liedtke / print