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Satellitennavigationsystem "Galileo": "Ein Schritt für die Unabhängigkeit Europas"

Kommt Galileo, die europäische Antwort auf das Satellitennavigationssystem GPS, oder kommt es nicht? Für 2009 war es angekündigt, jetzt heißt es 2013. Antworten auf einige offene Fragen gibt EU-Verkehrskommissar Jaques Barrot im Interview mit stern.de.

Herr Barrot, seit 20 Jahren verlassen wir uns in Europa auf das amerikanische GPS. Warum soll das ab 2013 anders werden?

Ein Leben in Europa wird mit Galileo einfach besser und vor allem sicherer sein. Das System ist genauer und leistungsfähiger. Wir werden ständig mit absoluter Sicherheit ein Signal zur Verfügung haben. Mit GPS ist es jederzeit durch eine amerikanische Entscheidung möglich, dass die Signale aus dem All für Europa unterbrochen werden. Hier entscheiden jedoch Sekunden über Leben oder Tod. Ab 2013 ist das nicht mehr möglich. Ein großer Schritt für die strategische Unabhängigkeit Europas. Ein weiterer ganz entscheidender Vorteil wird sein, dass Galileo viel präziser bei der Ortung von Verkehrsunfällen ist. Mit Galileo können wir mit einer Genauigkeit von einem Meter den Unfallort erkennen. Das kann bei Verkehrsunfällen auf freien Straßen oder Brücken lebensrettend sein. Ebenso wird es die Kontrolle der Luftfahrt erleichtern. Was heutzutage auch einen ganz besonders wichtigen Aspekt darstellt, bei dem wir unbedingt unabhängig sein müssen.

Bisher werden die Navigationsgeräte in unseren Autos mit Daten von GPS "gefüttert". Müssen die in fünf Jahren durch neue Geräte ersetzt werden?

Aber nein. Es gab eine lange Diskussion, ob GPS und Galileo kompatibel sein werden. Wir haben jedoch alle Probleme behoben. Es wurden Abkommen unterschrieben. Hier wurden die Kompatibilität und Interoperabilität der Systeme garantiert. Die Satelliten werden sich ergänzen. Wir werden dank Galileo und der neuen Kommunikationstechnologie die Transportwege viel besser organisieren können. Der Verkehr innerorts und in den Städten wird davon profitieren. Das war ein besonderer Knackpunkt in den letzten Jahren. Das neue Satellitensystem wird es möglich machen, Stausituationen innerhalb von Sekunden zu orten. Die Routenplanung wird einen völlig neuen Stellenwert im Verkehr bekommen.

GPS war für die Nutzer der Navigationsgeräte kostenlos. Soll sich das mit Galileo ändern?

Das ist Propaganda, die gegen Galileo gerichtet ist. GPS-Gebühren werden ebenfalls in den Kaufpreis der Empfangsgeräte eingerechnet. Galileo wird nicht teurer werden. Es ist mir sehr wichtig, dass das diese Befürchtung endgültig aus dem Weg geräumt wird.

Galileo ist um vieles teuerer geworden als geplant. Wann ist endgültig das Limit ereicht?

3,4 Milliarden Euro sind jetzt festgelegt. Wir müssen in dieser Finanzplanung bleiben.

Deutschland ist mit zirka 25 Prozent beteiligt und damit der größte Geldgeber für das Projekt. Wird die deutsche Wirtschaft langfristig davon profitieren?

Deutschland hat eine umfangreiche Raumfahrtindustrie und wird somit auch mit an erster Stelle wirtschaftlich von Galileo profitieren. Bayern wird ein Galileo-Kontrollzentrum bekommen, und auch für die Konstruktion von Galileo sind viele Firmen in Deutschland ansässig. Wir dürfen nicht stehen bleiben und auf die Forschungsergebnisse der anderen Länder warten. Technische Innovationen sind eine der wichtigsten Säulen der Wirtschaft, ohne die wir weltwirtschaftlich nicht weiter mithalten können. Es heißt jetzt für Europa und vor allem für Deutschland zu entscheiden, ob wir bei den großen technologischen Entwicklungen eine führende Stellung beibehalten wollen oder nicht.

Angeblich soll anders als bei GPS bei Galileo der An-und Ausschaltknopf nicht in militärischer Hand liegen. Sie sprachen jedoch von der Unabhängigkeit, die Europa erreichen will, wäre da nicht auch die militärische Nutzung ein wichtiger Aspekt?

Diese Frage ist nicht entschieden. Heute ist es so, dass Galileo für rein zivile Zwecke bestimmt ist. Mehr kann ich dazu noch nicht sagen.

Die USA standen und stehen dem Galileo-Programm skeptisch gegenüber, vor allem weil eine militärische Nutzung ohne Kontrolle durch die USA möglich wäre.

Darüber wird man noch reden müssen.

Interview: Patrizia Perni

Wie funktioniert eigentlich Satellitennavigation?