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Skischuh-Schuster: Pistentreter maßgeschneidert

Sie zwicken, kneifen und drücken - und können einem den ganzen Pistenspaß verderben: Skischuhe, die einfach nicht richtig passen wollen. Sven Renz aus München verspricht in so einem Fall Erlösung: Der Skischuh-Schuster bietet maßgeschneiderte Pistentreter an.

Von Christian Ewers

Sie können eine echte Folter sein. Sperren einem die Füße in einen Plastikknast. Schnüren das Blut ab. Lassen Zehenspitzen blau gefrieren. Sie versauen einem den ganzen Winterurlaub, auch wenn pausenlos die Sonne scheint und Pulverschnee vom Himmel rieselt: Skischuhe, die nicht richtig passen. In München gibt es einen Skischuh-Schuster, der Erlösung verspricht. Sven Renz, Ehemann der ehemaligen Weltcupfahrerin Martina Ertl-Renz, sagt: "Unser Computer ist ein Genie. Er findet raus, welcher Schuh zu welchem Fuß passt. Wir haben schon vielen Verzweifelten geholfen."

Klingt gut. Zu gut?

stern.de machte die Probe auf's Exempel. Mittwochmorgen in München, Ohlmüllerstr. 7. Schon kurz nach Ladenöffnung bin ich umgeben von einem Dutzend Menschen, die auf neongelb-grün-schwarzen Strümpfen über den Teppich huschen. Auch ich ziehe diese knielangen Dinger mit dem Netzmuster an, die mir Sven Renz in die Hand gedrückt hat. Für das Auge des Betrachters sind sie eine Zumutung (man sieht ein bisschen aus wie ein schlechter Karnevals-Batman). Für das Auge des Computers sind reine Mathematik. Denn der Scanner hinten in der Ladenecke kann Socken lesen - ein elektronisches Auge umfährt meine Füße und Waden, rechnet ein bisschen und malt dann ein 3-D-Bild von meinem Senk-Spreiz-Fuß auf den Monitor. "So, das war's schon", sagt Renz, "und jetzt wollen wir mal ein paar Modelle anprobieren."

"Schlüpfen Sie mal rein"

Es wird die angenehmste Skischuh-Anprobe meines Lebens. Ich muss nämlich nichts machen. Kein Kampf mit Schuhschnallen, kein Ruckeln an widerspenstigen Kunstoffzungen. Macht alles Kollege "Light Beam", der schlaue Skischuh-Rechner. Virtuell gleicht er die Form meines Fußes mit den Leistenformen von zig verschiedenen Schuhen ab. Geht alles ganz schnell, und das Ergebnis, das auf dem Bildschirm aufleuchtet, ist auch eindeutig: Light Beam meint, nur "Falcon", Firma Salomon, Größe 26, werde meine Füße sanft betten können. Und Sven Renz, dessen Team schon mehr als 1000 Skischuh-Anpassungen gemacht hat, meint das auch. Aus dem Lager holt Renz knallrote Treter, die mir auf dem ersten Blick doch sehr schmal und klein erscheinen. "Ach, das täuscht", sagt Renz, "schlüpfen Sie mal rein".

Schlüpfen? Es ist ein Krampf - eng, verdammt eng sind diese Treter, ich komme kaum rein, und als ich endlich die letzte Schnalle geschlossen habe, auch noch das: meine Zehen stoßen an sie Schuhspitze, ich muss sie richtig krümmen, um überhaupt aufrecht stehen zu können. "Nee, sorry, geht überhaupt nicht. Mindestens zwei Nummern zu klein", sage ich. Renz, der auf diesen Satz offenbar schon gewartet hat, sagt: "Abwarten. Gehen Sie mal in die Hocke."

Lange Unterhosen sind in Skischuhen tabu

Ein Wunder geschieht. Der Schuh scheint sich auf magische Weise zu weiten - kein Zehenkontakt mit der Schuhspitze, kein Knastgefühl mehr. Super. "Fehler Nummer eins", sagt Renz mir einem souveränen Lächeln, "Schuhe nie im Stehen, sondern immer in der Abfahrtsstellung testen. Das ist ein Riesenunterschied!" Fehler Nummer zwei, erfahre ich an diesem Morgen, habe ich leider auch jahrelang begangen: Lange Unterhosen sind in Skischuhen tabu. Renz rät: "Alles was Druckstellen verursachen kann, jede Naht und jede Falte, möglichst vermeiden."

Trotz ultradünner Kunstfaser-Spezialsocken der Marke "Falke", die bislang nur als Hersteller von schnieken, kniehohen Wollstrümpfen kannte, spüre ich noch eine Druckstelle. Am Knöchel rechts, das fühlt sich gar nicht gut an. Und die Fersen haben viel zu viel Luft. Toller Computer! Renz weiß Abhilfe. Ganz klar, eine Einlage muss her. Ich stelle mich auf eine Art Luftmatratze, das ist ein Apparat, der per Vakuumverfahren, das Profil meiner Fußsohle ermittelt. Die paar Minuten, die ich auf der Luftmatratze stillhalten muss, sollen sich lohnen. Bei der nächsten Anprobe mit der Einlage, die Renz noch beschliffen hat, fühlt sich alles schon um Klassen besser an. Die Fersen sind fixiert, und die Druckstellen am Knöchel verschwunden. Was so eine maßgeschneiderte Sohle bewirken kann!

Viele Kunden sich echte Härtefälle

Nach zwei Stunden bin ich entlassen aus der Schuhklinik. Ich bin ein Express-Patient - die Leute um mich herum brauchen zum Teil wesentlich länger, manche den ganzen Vormittag. Viele von Renz' Kunden sind echte Härtefälle. Skifahrer, die schon Skischuhe regalweise durchprobiert haben und doch nicht glücklich geworden sind. Sie kommen aus ganz Deutschland, an diesem morgen sind Kunden aus Köln, Hamburg und Salzburg da. Es gibt Termine und Wartelisten, wie beim Arzt. Vielen Verzweifelten kann Renz den Spaß am Skifahren zurückgeben. Nach dem Praxistest auf der Piste sind nur fünf Prozent der Kunden unzufrieden mit ihrem Schuh; den meisten kann Renz mit kleinen Nachjustierungen helfen.

In den nächsten Jahren will Renz expandieren. Den Kundenansturm kann er schon jetzt kaum mehr bewältigen; bis zu einem Monat muss man auf eine Audienz beim Meister warten. Renz plant, Scan-Stationen in ganz Deutschland aufzubauen und die Schuhe in München zu fertigen. Auch in große Wintersportorte möchte er exportieren. Schlecht dürften seine Chancen nicht stehen auf einen Durchbruch. Denn die Schuhe, die Renz nach Plänen seines Kollegen Light Beam zusammenbastelt, sind Extraklasse. Reintreten und wohlfühlen - das wird es wohl bei Skischuhen nie geben, aber die manuell angepassten "Falcon" sind das Beste, was ich jemals auf der Piste an den Füßen hatte. Strammer Halt, gute Kraftübertragung auf die Ski - und keine blau gefrorenen Zehen.

Nur eine Schwäche haben die Treter aus dem Hause Renz. Sie sind nur bedingt Après-Ski-tauglich. Beim Stehen an der Bar schmerzen die Zehen doch ziemlich. Es sei denn, man geht in die Knie und trinkt sein Bier in der Abfahrtshaltung.