Technikgeschichte Seit 100 Jahren Tauchen für Deutschland


Schlicht "U1" hieß das erste U-Boot, das vor 100 Jahren in Dienst der Deutschen Marine gestellt wurde. Seitdem hat sich die deutsche U-Boot-Flotte zur modernsten der Welt entwickelt. Nur an Menschen, die in der Tiefe arbeiten können, mangelt es.

Das Leben unter Wasser ist vor allem eines: eng. Die 24 Crewmitglieder von U 15 teilen sich eine Toilette mit Dusche. Es ist ein kleiner dunkler Eisenverschlag mit Gitterrost-Boden - an Bord eines U-Boots wird kein Quadratmeter verschwendet. "Der Raum wird auch noch als Schacht für Signalmunition benutzt", sagt Kapitänleutnant Michael Wiedemann. Er ist einer von rund 350 aktiven U-Bootfahrern der Bundeswehr. Seit 100 Jahren schickt die Deutsche Marine Soldaten in die Tiefe: Am 14. Dezember 1906 stellte das Kaiserreich das erste Tauchboot "U1" in Dienst. Heute verfügt das U-Boot-Geschwader im Ostseestützpunkt Eckernförde über die modernste nicht-nukleare Unterseetechnik der Welt - sie ist ein Exportschlager.

Großbritannien und Frankreich hatten um 1900 schon einige Jahre vor dem Deutschen Reich erste militärische U-Boote angeschafft. "Es gab sehr spät ein maritimes Bewusstsein im deutschen Staatengefüge", erläutert der Vize-Kommandeur des U-Boot-Geschwaders, Lars Thomas.

Als taktische Waffe erlangten Tauchboote ohnehin erst zwischen 1939 und 1945 eine große Bedeutung. Damals ging es vor allem um das Abschneiden von Handelswegen und den Angriff auf Kriegsschiffe an der Oberfläche. Doch die Marine zahlte einen hohen Preis: Fast 30.000 der rund 41.000 deutschen U-Boot-Soldaten im Zweiten Weltkrieg starben im Einsatz. Lothar Buchheims Schilderungen über diese Zeit im Bestseller und Kinohit "Das Boot" prägen bis heute die Vorstellung der meisten Bundesbürger vom Alltag in einem Unterseeboot. Sie verbinden mit einem "KaLeu" das gegerbte Gesicht des Schauspielers Jürgen Prochnow.

Härteste Auswahlverfahren

U 15-Kommandant Michael Wiedemann sieht völlig anders aus. Der smarte Offizier mit silberner Designerbrille ist erst 34 Jahre alt. Er zählt damit aber wegen des besonderen Aufbaus der Marinelaufbahn zu den ältesten der aktiven deutschen U-Bootfahrer: "Die Mannschaft ist im Schnitt 28 Jahre alt und damit oft jünger als ihr Boot." In der Regel dürfen nur Unteroffiziere in der Tiefe dienen. Die Marine hatte die Ausbildungsanforderungen drastisch verschärft, nachdem 1966 beim Untergang von "U-Hai" vor Helgoland 19 Soldaten gestorben waren. Seither werden U-Boot-Fahrer erst einzeln, dann im Team geprüft.

Hier geht es nicht nur darum, 40 Ventile gleichzeitig im Auge zu behalten. "Menschen mit großem Sendungsbewusstsein können wir nicht gebrauchen", sagt KaLeu Wiedemann. "Wir haben eher den ruhigen, in sich gekehrten Typ an Bord." Wochen, vielleicht Monate mit dem Team auf engstem Raum eingesperrt zu sein, das verlangt Menschen sehr viel Belastungsfähigkeit und enorme soziale Kompetenz ab, ergänzt Vize-Kommandeur Thomas. Die sind bei der Videospiel- und Einzelkind- Generation immer seltener zu finden. "Früher gab es Großfamilien, deren Kinder es gewohnt waren, sich wenig Raum zu teilen. Die Jugend wird heute ganz anders sozialisiert." Die Marine ist da unbarmherzig, sagt Thomas: "In manchen Lehrgängen liegt die Abbrecherquote bei 50 Prozent." Unter den wenigen erfolgreichen Absolventen sind auch schon eine Hand voll Frauen. Die strenge Auswahl zahlt sich aus: Der "U-Hai"-Untergang blieb der einzige Verlust der bundesdeutschen Marine.

Keine Angst in flachen Gewässern

Doch die deutschen U-Boote glänzen auch mit besonderen taktischen Fähigkeiten. Die Nato baut in Kiel ihr Exzellenz-Zentrum für Einsätze in flachen Gewässern auf. "US-Einheiten wird es unwohl, wenn sie in 200 Meter tiefem Wasser operieren müssen. Wir tauchen schon bei 13 bis 14 Metern", schildert der Vize-Kommandeur. Denn Jahrzehnte lang war es die wichtigste Bestimmung der Bundeswehr-U-Boote, Schleswig-Holsteins Ostseeküste vor einer Invasion des Warschauer Paktes zu schützen. Mit diesen Fertigkeiten für Küstennähe passen sie perfekt in die Zeit: "U-Boote sind heute Mittel der verdeckten Aufklärung", schildert Thomas. Waffenhändler auf See werden unbemerkt beschattet und gemeldet. Torpedo-Abschüsse sind im Anti-Terror-Kampf weniger gefragt, obwohl deutsche Technik als weltweit führend gilt. Die Trefferwahrscheinlichkeit liegt laut KaLeu Wiedemann bei 98 Prozent.

Auch eine andere Innovation war eine Notgeburt: Die Eckernförder durften wegen Auflagen der Alliierten keine nuklearen Technologien verfolgen. Sie setzten schließlich auf Brennstoffzellen. Heute gilt die neue Baureihe 212 als modernste U-Boot-Technik der Welt und ist viel umweltschonender als US-Boote mit Nuklearantrieb. Viele der 40 U-Boot-Nationen weltweit wissen das zu schätzen. Italien, Portugal, Griechenland und Südkorea haben Brennstoffzellen-Technik "made in Germany" gekauft, Israel ist interessiert. Deutschland selbst hat bislang vier der Hi-Tech-Boote. Bis 2010 sollen es sechs werden. Zwei Jahre später werden die alten Boote der 209-Klasse eingemottet sein.

Bis heute seien sich viele Bundesbürger der Bedeutung der Marine und speziell der U-Boote nicht bewusst, bedauert Thomas. "Es fällt schwer, der Bevölkerung zu erklären, wie wichtig die Sicherung von Seewegen ist." Die Weltwirtschaft hänge von funktionierenden Schifffahrtswegen wie der Straße von Hormus ab. Dass U-Boote aus dem Blickwinkel der Normalbürger im Verborgenen operieren, ist allerdings nicht neu. Schon zu den Zeiten der ersten Einsätze bewies die Öffentlichkeit eine gewisse Ignoranz. Die "Kieler Zeitung" vom 15. Dezember 1906 notiert nur einen knappen Satz: "Das erste deutsche Unterseeboot 'U1' hat gestern in Eckernförde in Dienst gestellt."

Christof Bock/DPA DPA

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