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Zweiter Weltkrieg V2-Rakete: Hitlers unheimliche Vergeltungswaffe wird in England ausgegraben

Unterlagen und Raketen wurden nach dem Krieg in die USA gebracht. 
Unterlagen und Raketen wurden nach dem Krieg in die USA gebracht. 
© Commons
Die V2 erreichte fast den Weltraum, bevor sie mit ihrem tödlichen Sprengkopf wieder zur Erde stürzte. In Südostengland wurde eine Rakete gefunden, die das Ziel London nicht erreichte.

Die V2-Rakete – auch Aggregat 4 genannt – zählt zu den unheimlichsten Waffen des Dritten Reiches. Sie war die erste ballistische Rakete der Militärgeschichte. Die Rakete trug einen Gefechtskopf von einer Tonne und wurde von mobilen Abschussrampen aus gestartet. Einmal in der Luft konnte sie nicht mehr aufgehalten werden. Mit über fünffacher Schallgeschwindigkeit stürzte sie auf ihr Ziel. Die Opfer waren ahnungslos, der Tod der sie ereilte, war schneller als der Schall.

Nun werden die Überreste so einer V2-Rakete auf einem Feld in Südostengland ausgegraben. Die Raketen wurden zuerst von Frankreich und dann von Holland aus auf London abgeschossen. Diese stürzte ab und erreichte ihr Ziel nicht. Technische Defekte waren bei der Rakete an der Tagesordnung. Ausgegraben wird das Relikt des Krieges von den Brüdern Colin und Sean Welch. Sie sind darauf spezialisiert, Fundstätten der sogenannten "Vergeltungswaffen" ausfindig zu machen.

Meist finden sie Orte, an denen einen Flugbombe vom Typ V1 eingeschlagen ist. Die V1 könnte man als Vorläufer der Marschflugkörper bezeichnen. Sie wurde von Katapulten aus abgeschossen. Näherten sich die mit einem einfachen brummenden Impulsstrahltriebwerk ausgerüsteten Raketen, waren sie so langsam, dass sie von schnellen Jägern abgeschossen wurden.

Explosion im Ackerboden

Von der V2 in Südostengland blieben mehr als 800 Kilogramm Metall übrig, darunter große Teil der Brennkammer. Sie ist in der Nacht am 14. Februar 1945 gegen Mitternacht eingeschlagen. Fast bis zum Ende des Krieges feuerten die Nazis diese Raketen ab. Die Wucht des Aufschlags trieb die Waffe tief in den Ackerboden. "Obwohl sich die Rakete mit mehrfacher Schallgeschwindigkeit fortbewegt, geschah die Detonation nicht im Überschallbereich", so Colin Welch zu "Live Science". "Die Rakete drang mindestens 1,5 Meter tief in den Boden ein, bevor sie richtig detonierte."

Mit den V-Waffen wollte Hitler 1943 auf den alliierten Bombenkrieg über Deutschland reagieren. Für das Raketenprogramm wurde die letzten Ressourcen des Reiches zusammengezogen. Unter der Leitung der SS entstanden die Produktionsanlagen. Die erste V1 traf London am 13. Juni 1944 und die erste V2 am 7. September 1944.

Fehlplanung der Nazis

Obwohl die Waffen technische Wunderwerke waren, zeigte die Strategie doch, dass der Krieg verloren war. Es war nicht mehr dran zu denken, die Luftüberlegenheit zurückzugewinnen und eigene Bombergruppen nach Britannien zu schicken. Die schnellen Raketen nutzen nur eine Lücke in der Verteidigung, waren aber wenig effizient. Die langsamen und einfach gebauten V1 konnten leicht abgeschossen werden, wenn sie erst einmal vom Radar erfasst wurden. Die V2 ließ sich zwar nicht bekämpfen, aber sie brachte nur eine Tonne Sprengstoff ins Ziel. Ein einziger Bomber vom Typ B-24 Liberator transportierte 3,6 Tonnen Sprengstoff zum Ziel. Und der Bomber konnte mehrmals verwendet werden, die aufwendige Rakete war eine Einwegwaffe.

Zudem konnte sie nicht während des Fluges gesteuert werden. Eine Justierung im Endanflug fand nicht statt. Die Zielgenauigkeit war entsprechend schlecht. Die V2 war in der Lage einen Großraum wie London zu treffen, solange es keine Probleme mit der Technik gab. Aber man konnte nicht einmal riesige Gebäude wie das Parlament oder einen Bahnhof gezielt angreifen.

Doch die Waffe verbreitete Angst in der Bevölkerung. Die V2-Raketenangriffe auf London töteten etwa 9000 Zivilisten und Militärangehörige, zusammen mit der V1 sind es bis zu 30.000 Opfer. Produziert wurde die V2 von Zwangsarbeitern der SS – in den unterirdischen Montagehallen haben mehr Menschen den Tod gefunden als in London.

Leiden und Tod der Zwangsarbeiter

Für das Dritte Reich war die Waffe ein Fehlschlag. Sie verschlang ungeheure Ressourcen und hatte letztlich nur psychologische Wirkung. Rüstungsminister Speer sagte in der Haft, es sei sein größter Fehler gewesen, dem Programm zuzustimmen.

Heute nimmt man an, dass die Raketenbauer um Wernher von Braun durchaus von den Unzulänglichkeiten der Rakete als Waffe gewusst hatten. Die Probleme aber verschwiegen hatten, um ihren Traum einer leistungsfähigen Rakete finanzieren zu können. Für die Forscher und Raketenenthusiasten ging das Spiel auf. Wernher von Braun bot sofort nach dem Krieg seine Expertise den West-Alliierten an. Nie wurde er für die Opfer zur Verantwortung gezogen, die in den Fabrikanlagen für sein Projekt sterben mussten.

Im Kalten Krieg gelang es Russen wie Amerikanern, die Ungenauigkeit der Rakete zu verringern und die Reichweite zu steigern. Von der heutigen Zielgenauigkeit von weniger als einem Meter waren diese Waffen weit entfernt, doch ausgerüstet mit Atomsprengköpfen sollte die Stärke der Explosion dieses Manko ausgegleichen. Wernher von Braun wurde später zum amerikanischen Nationalhelden. 1960 wurde er zum Direktor des Marshall Space Flight Center der NASA ernannt, seine Raketen brachten die Amerikaner zum Mond.

Rakete in der Literatur

Thomas Pytchons Roman "Die Enden der Parabel" spielt auf die Flugbahn der Rakete an. 1974 sollte das Großwerk den Pulitzerpreis erhalten, doch das Vergabekomitee wollte die Juryentscheidung wegen der angeblichen Obszönität des Romans nicht mittragen, in diesem Jahr wurde der Preis nicht vergeben. 2020 erschien "V2" des Bestsellerautors Robert Harris. Ironischerweise nimmt sein Werk darauf Bezug, dass die Parabelbahn der V2 eben nicht so makellos war.

Der Roman schildert eine Episode am Ende des Krieges. Da die Alliierten die V2 nicht im Flug abfangen konnten, wollten sie die mobilen Anschlussstationen und die dazugehörigen Mannschaften ausschalten. Dazu wurde die Flugbahn der Rakete angepeilt und aus den Daten der Flugbahn die Startstelle bestimmt, die dann von Jagdbombern angegriffen wurde.

Wäre die Parabelbahn, die die Raketen bis an den Rand des Weltraums trug, bevor sie zurückstürzte, makellos gewesen, hatte das Verfahren Erfolg gehabt. Doch die Anstrengungen waren vergebens. Von Brauns Rakete flog nie perfekt, sie rüttelte und schüttelte sich auf ihrer Bahn. Darum konnte sie die Ziele nicht exakt treffen und umgekehrt konnte man auch den Startpunkt nicht exakt bestimmen.

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