Zivilluftfahrt Ein paar Cent zwischen Leben und Tod


Das Flugzeug gilt als das sicherste Verkehrsmittel überhaupt. Doch wenn etwas passiert, gibt es für die Flugreisenden kaum Überlebenschancen. Die Absturzursachen sind häufig erschreckend banal.

Schmierfett für wenige Cent hätte den 88 Menschen an Bord von Alaska-Airlines-Flug 261 einen schrecklichen Tod ersparen können. Fast zwölf Minuten dauerte der Absturz. Mehrmals konnten die Piloten die Passagiermaschine abfangen, bevor sie sich auf den Rücken legte und senkrecht in den Pazifik stürzte. Das Wartungspersonal hatte den Mechanismus zum Verstellen der Steuerruder ungenügend geschmiert. Er blockierte und besiegelte damit das Schicksal von Passagieren und Besatzung, fand eine Untersuchungskommission später heraus.

"Abstürze werden häufig durch solche banalen Dinge ausgelöst, die dann auch noch von den Beteiligten meist unterschätzt werden," sagt Jan-Arwed Richter. Der auf Flugunfälle spezialisierte Luftfahrtexperte aus Hamburg hat zusammen mit seinem Kollegen Christian Wolf 20 spektakuläre Abstürze analysiert und wie Kurzkrimis aufbereitet. "Feuer an Bord" heißt das 150-seitige Buch aus dem Geramond-Verlag. Infografiken und Fotos begleiten die kurzweiligen Texte, erklären Wetterphänomene und technische Zusammenhänge.

Gut gehütete Geheimnisse

"Wir haben uns auf die bisher in der Öffentlichkeit wenig bekannten Fälle konzentriert", so Richter. Etwa die erfolgreiche Notwasserung einer der letzten großen Propeller-Maschinen der Pan Am oder der Absturz einer vollbesetzten Passagiermaschine der DDR-Fluglinie Interflug 1970, dessen Ursache bis zuletzt ein gut gehütetes Geheimnis des SED-Staates war. Oder die Notlandung einer brasiliansichen Boeing. Die geglückte Bauchlandung erlebten die meisten der Passagiere nicht. Sie waren zuvor an giftigen Dämpfen aus der in Brand geratenen Wandverkleidung erstickt.

Durchgehalten haben die Autoren ihr Vorhaben nicht. Wie ein Bruch wirken die Schilderungen der Entführungen jener Flugzeuge am 11. September 2001 in den USA, die dann in das World Trade Center und das US-Verteidigungsministerium gesteuert worden sind.

Unfallstatistik inklusive

Dabei haben die beiden Hamburger Material genug. Seit 15 Jahren betreiben sie den Informationsdienst JADEC für Flugunfälle. Ihre Datenbank listet alle Flugzeugunglücke weltweit auf, vom Totalverlust mit hunderten Toten bis zum Blechschaden. Die morbide Sammlung ist frei über das Internet zugänglich (www.jacdec.de). Säuberlich sortiert nach Fluglinien, Flugzeugmustern und Ländern. Flugängstliche können leicht die Unfallstatistik ihrer Urlaubs-Airline herausfinden, einschließlich Zahl der Opfer, den genauen Flugzeugtypen und den Unfallberichten der Untersuchungsbehörden.

Einmal im Jahr wird ausgewertet. Richter und Wolf fassen ihre Daten zu einem Sicherheitsbericht der Zivilluftfahrt zusammen. Die jüngste Ausgabe sollte selbst ausgeprägte Menschen mit Flugangst beruhigen. "Das zurückliegende Jahr war mit rund 500 Toten das sicherste in der zivilen Verkehrsluftfahrt," sagt Richter. Im Straßenverkehr hätten im gleichen Zeitraum rund 6000 Menschen ihr Leben verloren - allein in Deutschland.

Henry Lübberstedt

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