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WhatsApp, TikTok, Instagram Kriminologe: Dieser Kettenbrief kann für Kinder gefährlich werden – das können Eltern tun

WhatsApp Gefahr Kind
Smartphones eröffnen Kindern einen digitalen Raum, der viele Gefahren bergen kann, warnt Cyberkriminologe Thomas-Rüdiger Gabriel
© Hanna Matikainen / Picture Alliance
Der Cyberkrimologe Thomas-Gabriel Rüdiger warnte unter der Woche vor einer für Kinder gefährlichen Challenge auf WhatsApp, TikTok und Instagram. Der stern fragte, worum es sich dabei handelt und was Eltern tun können. 

Ein "Gruselgoofy" namens "Jonathan Galindo" – davor warnte Thomas-Gabriel Rüdiger unter der Woche öffentlich auf seiner LinkedIn-Seite. Der Cyberkriminologe ist am Institut für Polizeiwissenschaft an der Hochschule der Polizei des Landes Brandenburg tätig. Er setzt sich dort vor allem mit den digitalen Risiken für Kinder auseinander, wie er mitteilt, aber auch mit der Frage, wie Kriminalität in einem globalen digitalen Raum entsteht und wahrgenommen wird. Seine Doktorarbeit hat er über das Phänomen Cybergrooming – der onlinebasierten Anbahnung des sexuellen Kindesmissbrauchs – verfasst. 

Laut Rüdiger schreibt besagter "Jonathan Galindo" bei WhatsApp, TikTok und Instagram vermehrt Kinder an und bitte um Kontaktannahme. Sobald die jungen User annehmen, gebe es einen Link zu einer Datei mit Aufgaben, die, so schreibt Rüdiger, "im schlimmsten Fall mit dem Tod der Kinder enden könnten". Ähnlich wie bei der vor einigen Jahren kursierenden "Blue Whale Challenge", werden die Aufgaben nach harmlosem Anfang immer gefährlicher. Rüdiger appelliert, die Phänomene nicht als harmlosen Hoax abzutun, sondern ernstzunehmen. Dem stern beantwortete er dazu einige Fragen:   

Challenges und Kettenbriefe: Drei Fragen an den Cyberkriminologen

Worum geht es bei "Jonathan Galindo" und was macht diesen Kettenbrief so gefährlich?

Die "Galindo Challenge" ist eine klassische Ausprägung von Grusel-Challenges beziehungsweise Kettenbriefen mit entsprechenden Inhalten. Das ist seit Jahren ein bekanntes digitales Phänomen in unterschiedlichsten Ausprägungen und Erscheinungsformen. Ein Eckpfeiler ist dabei, dass die Nachrichten Grusel- beziehungsweise Horrorelemente beinhalten – wie gruselige Figuren, man denke an Momo oder jetzt den "Galindo", oder Stimmen – und die angeschriebene Person die Nachricht, das Video oder was auch immer an möglichst viele Personen weiterleiten sollte, da sonst ihm oder seiner Familie etwas passieren wird. Diese Form der Nachrichten werden dann meist durch Pseudofakten unterstützt unter dem Motto: "Du glaubst es nicht, Ben (11) hat es auch nicht geglaubt, dann ist das passiert."

Galindo Screenshot
Mit diesem Screenshot warnte Rüdiger auf LinkedIn: Elemente sind das Bild mit der "Goofy"-Maskerade und der Name "Jonathan Galindo" in diversen Schreibweisen
© Screenshot linkedin.com/in/tgruediger/

Die Challenges, wie die bekannte "Blue Whale Challenge", basieren auf einem leicht anderen Modus Operandi: hier beinhalten die Anfragen nicht per se von Anfang an Horrorelemente. Vielmehr soll der Angeschriebene eine Liste mit unterschiedlichen Aufgaben lösen, die am Ende meist tatsächlich gefährliche Aufgaben beinhalten können. "Galindo" kombiniert in einer Ausprägung hierbei die gruselige Figur mit den Aufgaben von der "Blue Whale Challenge". Das Grundproblem sehe ich dabei weniger darin, dass Kinder tatsächlich diese Aufgaben erfüllen, als vielmehr, dass Kinder durch den Kontakt verstört und verängstigt werden. Wenn ein Kind beispielhaft abends weint, weil es Angst hat, dass doch etwas passieren könnte. Erwachsene denken meist, das erkennt man doch, dass das Unsinn ist. Aus Sicht von Kindern, die nicht vorbereitet sind, ist das aber etwas ganz anderes.

Thomas-Gabriel Rüdiger
Der Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger
© privat

Was raten Sie Eltern, die ihre Kinder schützen möchten?

Ihnen muss bewusst sein, wenn Sie ihrem Kind ein Smartphone in die Hände drücken, dann eröffnen Sie damit ein Tor zu einem globalen digitalen Raum ohne physische Grenzen, in dem die Kinder auf unbekannte Erwachsene und ihre Verhaltensweisen weltweit treffen.

Hieraus entstehen so viele Risiken, dass man Kinder niemals alleine und unvorbereitet einfach ein Smartphone in die Hände drücken darf. Mein Ratschlag an Eltern ist, sich selbst mit dem digitalen Raum und seinen Risiken vertraut zu machen, um dann offen und ohne Angst zu schüren mit ihrem Kind darüber sprechen, was passieren kann. Und dass sich das Kind immer an die Eltern wenden kann, ohne dass es Angst haben muss, dass ihm das Handy weggenommen wird.

Welche Reaktion wünschen Sie sich von den Betreibern der Plattformen, in diesem Fall WhatsApp, Instagram und TikTok?

Ich war tatsächlich ein wenig überrascht, aber TikTok hat im Nachgang der Pressemeldungen mit mir Kontakt aufgenommen und die Hashtags und Konten proaktiv bei sich selbst gesperrt. Da, muss ich sagen, hatte ich nicht mit gerechnet, ich zeige ja schon ein paar Jahre die Risiken für Kinder im Netz auf, das war das erste Mal, dass ich das in der Form erlebt habe.

Ähnliches wünsche ich mir eigentlich auch von den übrigen Betreibern. Aber man muss eines realisieren: "Galindo" steht nur stellvertretend für einen digitalen Raum, in dem der Schutz von Kindern nur eine untergeordnete Rolle spielt, und für eine Vielzahl an unterschiedlichsten Risiken von Sexualtätern bis Extremisten, mit denen Kinder konfrontiert werden können.

Ich wünschte mir hier eine echte und ernsthafte Debatte, wie auch Kinder in diesem Raum geschützt werden können, deren Eltern diese Medienkompetenz nicht vermitteln wollen oder können. Warum gibt es beispielhaft in Deutschland ab der Grundschule noch immer nicht flächendeckend und verpflichtend Medienkompetenzunterricht?


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