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Altersarmut: Wenn nur 300 Euro zum Leben bleiben

Immer mehr deutsche Rentner knapsen mit jedem Cent. Auch Martha H., Christa Maier und Eleonore Kalaja aus München gehören zu den Altersarmen. Für stern.de haben die drei ihre Haushaltsbücher geöffnet.

Von Brigitte Zander

Armut versteckt sich oft in solchen tristen Wohnmaschinen wie im Münchner Arbeiterviertel Moosach: acht Stockwerke, 54 Parteien, rundherum etwas Abstandsgrün. Dann der nächste graue Mietshausklotz.

Genau hier, im sechsten Stock hinter einer hellgrünen Tür, wohnt Martha H. (Name von der Redaktion geändert). Eine kleine freundlich lächelnde 82-Jährige öffnet. Die Grauhaarige steht leicht krumm, auf ihren Stock gestützt, ganz adrett im grünen Pullover, grauer Wollhose und Pantoffeln. Sie schnauft etwas, weil sie gerade noch am Atemgerät inhaliert hat, das ihr Asthma lindern soll. Mehrfach täglich sitzt Frau H., die Schläuche in der Nase, auf der Sofakante, schaut über die kahle Balkonbrüstung auf die nahe Durchgangsstraße, oder liest aus ihrem zerfledderten Gebetbuch, und atmet. Ja, fromm sei sie schon: "Das ist so mein Halt".

Seit 38 Jahren wohnt Martha H. in diesem genossenschaftlichen Sozialwohnungs-Hochhaus. Zuerst mit Mann und den jüngsten drei ihrer fünf Kinder. Da haben die vier Zimmerchen auf 73 Quadratmetern "auch prima gepasst". Aber ihr Mann ist seit 24 Jahren tot, die Kinder haben längst Kinder und wohnen verstreut im Umkreis von 300 Kilometern. Eigentlich ist sie nun zu groß. Aus Sparsamkeit heizt sie nur den Wohnraum und das Bad, das so winzig ist, dass selbst ein jugendlich-sportlicher Mensch nur unter Verrenkungen in die Wanne steigen könnte.

Umzug würde nichts bringen

Doch sie hängt an der Wohnung, aus emotionaler Treue und finanziellen Gründen: Umziehen lohnt angesichts ihres günstigen alten Sozialtarifs nicht. "Schon eine kleinere Wohnung im Haus kostet für Neumieter nur 40 Euro weniger, und einen Umzug halten meine Möbel nicht aus." Zum Beispiel der Kleiderschrank, ein glänzend poliertes Nachkriegsmodell, auf dessen Kante ein Dutzend geschenkter Äpfel liegen. Und außerdem fordert der Vermieter heutzutage drei Monatsmieten als Kaution. Das wären ja 1500 Euro, rechnet Martha Hansen entsetzt vor. "Ja, wo sollt ich die hernehmen?" Ein Sparbuch hat sie nie besessen.

Martha stammt aus kleinen Verhältnissen. Geboren im niederbayerischen Vilshofen, als Einzelkind. Der Vater starb früh, die Mutter schlug sich durch. Ausbildung? "Volksschule halt", sagt Martha ergeben. Ihr Schicksal war vorgegeben. Sie heiratete einen geflüchteten Ungar, der als Kaminkehrer schuftete, aber "allweil krank" war. Er hinterließ ihr eine kärgliche Witwenrente von 386,20 Euro. Abzüglich des AOK-Beitrags von 28 und der Pflegeversicherung von 6,57 Euro bleiben davon 349,89 Euro.

Putzen für 2,50 Mark die Stunde

Dazu kommt noch ihre eigene Rente von mickrigen 164,48 Euro. Der finanzielle Lohn für Kindererziehung und Putzen. So "richtig gearbeitet", auf Lohnzettel, habe sie kaum. Nur einmal war sie offiziell angemeldet bei einer Putzfirma, sonst hat sie oft nebenher geputzt, anfangs für 2,50, später gab's neun Mark. Auf die Hand. "Wir haben's eben gleich gebraucht." Sparen fürs Alter, Rürup-Riester-Vorsorgeplanung? Solche Gedanken mussten sich die H.s nie machen. Es ging ums Überleben.

Sie breitet die Dokumente ihrer Existenz auf dem Wohnzimmer-Tisch aus. 364,38 Euro Rente insgesamt. Die angekündigte, umstrittene Erhöhung von 1,1 Prozent würde ihr genau 3,78 Euro mehr bescheren. Zusammen mit einem Lastenausgleich für Flüchtlinge von 83 Euro kommt sie heute gerade mal auf 597,37 Euro. "Nicht so dolle", weiß sie. Schon die Wohnung kostet 553 Euro warm. Im vergangenen Jahr war noch eine Nachzahlung von 431 Euro fällig. Vom gesetzlich definierten Existenzminimum, 345 Euro, kann die Moosacher Rentnerin nur träumen.

Zu stolz für Sozialhilfe

Für solche Fälle hat der deutsche Sozialstaat die 345-Euro-Grundsicherung (früher Sozialhilfe) eingeführt. Die Stadt München stockt ihren bedürftigen Senioren ab 65 Jahren die Alterseinkünfte künftig sogar auf 371 Euro auf, weil in der bayerischen Metropole fast alles teurer ist als anderswo. Außerdem übernimmt sie die "ortsübliche Miete". Für einen Alleinstehenden maximal 429,50 Kaltmiete plus Heizkosten. 9400 arme Alte haben diese Staatsstütze beantragt. Martha H. nicht.

Nein, zum Sozialamt will sie auf keinen Fall gehen, sagt sie. "Das will ich nicht. Und meine beiden Söhne Peter und Heinz auch nicht". In diesem Augenblick wirkt die sonst so bescheidene Frau energisch und streng. "Peter und Heinz zahlen, was ich brauch'; das Telefon, den Strom, Taschengeld zum Leben", sagt sie.

Wenigstens ein Wohngeld von 103 Euro hat die Caritas für sie durchgedrückt, und zuletzt 300 Euro von der Nachzahlung übernommen. Seit kurzem bekommt sie wegen ihres schweren Asthmas und der kaputten Füße auch Pflegestufe eins: 204 Euro. Damit finanziert die Rentnerin viel: zusätzliche Medikamente wie Abführmittel, Hustentabletten und Tees, die die Kasse nicht übernimmt. Auch Creme, Seife, Putzmittel. Mal einen Blumenstrauß für die nette Nachbarin aus dem Parterre, die für sie einkauft - umsonst. Und sie zahlt der allein erziehenden Enkelin, "die es nötig hat", und bei Oma putzt, einen Obolus.

Ihre Wohnung verlässt Martha H. nur selten, immer mit ihrem Rollwagerl, "mal um den Block und bis zur Caritas an der nächsten Ecke bei der Kirch'." Auf jeden Fall jeden Mittwoch, denn dann breitet die örtliche "Tafel" ihre kostenlosen Lebensmittelspenden für die Bedürftigen in Moosach aus. Seit Jahren lindern Ehrenamtliche mit dieser "Tafel", die nach dem Motto "Verteilen statt vernichten" Lebensmittel sammelt, die schlimmste Not. "Ja, wenn i die ned hätt'! Davon leb i", sagt Martha. Behinderte wie sie dürfen vor dem großen Ansturm der 200 Berechtigten kommen, und sich eine Tüte packen lassen, "die sie mir sogar bis vor die Tür tragen". Mit all den feinen Sachen drin: Noch fast frisches Gemüse, Brot von gestern, Kartoffeln, sogar Obst, weiche Bananen, Milch. Manchmal einer, manchmal sogar vier Joghurts, "wie sie's halt kriegen von den Geschäften". Die Tüte "langt eine Woche".

Freude auf ein Paar Würstchen

Oft schneidet ihr die Verteilerin an der Tafel noch eine Scheibe von der langen Wurst ab; sogar mal ein Stück Fleisch. Gestern hat sie ein Paar Wiener bekommen, die heute mit geschenkten Bohnen "ein ganz feines Essen werden". Ihr hutzeliges Gesicht strahlt in Vorfreude auf diesen bescheidenen Genuss, der offensichtlich glücklicher macht als die Berge von Entenleber, Austern und Trüffelpastete, die diamantenbehängte, übersättigte Münchner Wohlstandsbürger auf ihren Glamourpartys verkosten.

In München, der teuersten Stadt Deutschlands, öffnet sich die Schere zwischen bitterer Armut und sinnloser Verschwendung immer weiter. Im Jahr 2005 verfügten die unteren 20 Prozent auf der Einkommensskala nur über acht Prozent des verfügbaren Pro-Kopf-Einkommens, das obere Fünftel aber über 36 Prozent.

Das "Prachtstück" im Kleiderschrank

Menschen wie Martha H., die am Existenzminimum dahinkrebsen, erfahren mangels eines Zeitungsabos kaum etwas von dem verschwenderischen Schickeria-Gehabe. Aber Martha H. ist sowieso kein Typ für Neiddebatten und Jammerlieder. Im Gegenteil: Sie ist dankbar. Vor allem für die beiden Söhne Peter und Heinz. Für die hilfreiche Nachbarin. Und für die örtliche Caritas, die nicht nur die "Tafel" organisiert, sondern auch einmal im Monat alle Senioren zum Tee mit Kuchen einlädt. Gastgeberischer Höhepunkt ist Weihnachten. "Da gab's ein gutes, riesiges Essen mit Limo und Nachspeis", schwärmt die Rentnerin. Nicht zu vergessen: die Kleidertruhe. Aus dem Fundus von Secondhand-Klamotten bekommen Leute mit Berechtigungsschein wie Frau H. das Nötigste: Mal einen Pullover, eine neue Hose, ein paar Schuhe. "Ja, dieser grüne Pullover ist auch daher. Schön nicht?" Zufrieden streichen ihre rauen Finger über die Knopfleiste. Und vor drei Jahren bekam sie einen wunderbaren Trachtenmantel, das einzige "Prachtstück" im Kleiderschrank.

Zu ihrem 80. Geburtstag verhalf ihr die Caritas sogar zu einem gespendeten Urlaub im portugiesischen Pilgerort Fatima. Um genau zu sein: zum ersten Urlaub ihres Lebens, und dann auch noch im Flugzeug! Fast andächtig kramt Martha ein Prospekt des Pilgerhotels heraus, in dem sie damals mit einer Begleiterin wohnte. "Oh, war das schön".

Christa Maier: An die Wohnung gefesselt

Etwas mehr Geld im Monat hat die Frührentnerin Christa Maier, 63, zur Verfügung. Aber ihre Lebensumstände sind trauriger. Sie wohnt im Münchner Westend, einem anderem ärmlichen Stadtviertel hinterm Bahnhof, mit bescheidenen Läden, Dönerbuden, Handwerksbetrieben im Hinterhof. Viele Bewohner haben einen Migrationshintergrund, wie es so schön heißt. Christa Maier kennt das Milieu nicht mehr.

Die krankhaft übergewichtige Gehbehinderte kann ihre Wohnung nur zu Notfällen verlassen. Wenn Arthrose in den Hüftgelenken und den Knien sitzt, wenn die kaputten Füße und Schultern schmerzen, dann stellen die 65 Holzstufen zum dritten Stock ihres Mietshauses ein unüberwindbares Hindernis zur Freiheit dar. Sie erinnert sich mit Schaudern an den einzigen "Ausgang", Anfang dieses Jahres: einen dringenden Orthopäden-Besuch mit Röntgenuntersuchung. "Eine Hand an der Krücke, die andere Hand am Geländer, der Taxifahrer hat von hinten geschoben und mir das Rollwagerl mit Klappsitz nachgetragen, damit ich auf jedem Absatz rasten konnte.

Ein Morgenmantel reicht ihr

Um nicht ganz einzurosten, übt sie mit einer Krankengymnastin einmal wöchentlich Treppensteigen: zwei Stufen runter, zwei rauf. Danach ist sie "total erschöpft". Mit ihrem Rollwagen quält sie sich alleine durch die 53-Quadratmeter-Wohnung. Als die ledige Christa Maier 1976 mit ihrer Mutter in das Haus zog, dachte sie noch nicht an ein Behindertenschicksal mit Pflegestufe eins.

Sie ist eine gepflegte, massige Frau mit großer, eckiger Brille im breiten Gesicht, darüber die grauweißen Haare sorgfältig aufgetürmt. Sie sei schon immer "stabil beieinand" gewesen, sagt sie. Eine geerbte Veranlagung. "Wenn ich nur die Speisekarte lese, nehm' ich schon zu". Und bei Wunderdiäten kaum ab. Modisch trägt sie nur noch ihren bequemen Einheitslook: einen Morgenmantel im verhüllenden Cape-Schnitt mit einem praktischen Reißverschluss vorn. Dazu Pantoffeln. "Zum Anziehen brauche ich nichts mehr".

Nach 41 Jahren schuften bleiben 311 Euro

Das war im Berufsleben anders. Fräulein Maier hat das Hotel- und Gastgewerbe von der Pieke auf gelernt. Als 14-jähriges Lehr- und Zimmermädchen, als Rezeptionistin, dann als Frühstücksbedienung für 1236 netto; ab 1989 als Kellnerin bei Siemens, wo sie für 1936 Mark Gehalt schwere Tabletts zwischen Küche und Gästekasino hin und her schleppte. All das 43 Jahre lang, bis 2001. Weil die Gelenkschmerzen immer schlimmer wurden, hatte sie schon ihren Altersteilzeitvertrag bis 2004 unterschrieben. Doch solange konnte die Kellnerin dann doch nicht mehr durchhalten.

Bei einem großen Vorstands-Essen musste die Bedienung ungewöhnlich lange vor der Tür stehend warten. "Da ging nix mehr mit mir". Sie brach zusammen. Das war das Ende ihrer Casino-Ära. Siemens bot einen Auflösungsvertrag und eine Abfindung an. "Davon hab ich den alten Teppich in der Wohnung erneuert." Nach einer monatelangen Antragstortur war die Erwerbsunfähigkeitsrente mit 55 durchgekämpft: 788 Euro. Zusammen mit den 72 Euro Betriebsrente kommt Frau Maier auf 860 Euro. Nach dem Abzug der Warmmiete von 592 Euro bleiben monatlich noch 268 Euro zum Leben.

Ohne gute Seelen klappt es nicht

Im Gegensatz zu verschämten Alten wie Martha H. beantragte Christa Maier die ihr zustehende soziale Unterstützung. Eine zusätzliche Grundsicherung von 132 Euro stockt ihr verfügbares Einkommen auf 400 Euro auf. Davon gehen monatlich 36 Euro für Strom ab, rund 40 Euro fürs Telefon, ihrer einzigen Kontakthilfe nach draußen. Die Hausratversicherung kostet 8,80, der VdK-Mitgliedsbeitrag 5 Euro. Bleiben 311 Euro für Nahrungs-, Pflege-, Putzmittel und Sonderausgaben. Wenig für eine Eingeschlossene, die selbst bei der Fußpflege kostenpflichtige Profi-Hilfe braucht.

Von Radio- und TV-Gebühr sowie Medikamentenzuzahlung sind Altersarme befreit. Dennoch braucht es Überlebens-Management mit "einigen guten Seelen", um als Behinderte ein Auskommen zu haben. Eine "dieser guten Seelen" spielt kostenlos Friseur. Die einzige Nachbarin, die Frau Maier trotz des ständigen Mieterwechsels im Haus noch aus alter Zeit kennt, fragt vor jeder Einkaufstour: "Brauchen Sie was?" und nimmt nicht mehr als ein Dankeschön fürs Mitbringen. Für die wöchentliche Großlieferung an Lebensmitteln verteilt das Sozialreferat Taxigutscheine. 78 Stück zu 2,50 Euro. Sie telefoniert einem bekannten Taxifahrer ihre Einkaufsliste für Aldi, Rossmann oder HIT durch. Tengelmann nie, der habe "Preise wie eine Hofapotheke". Die Tüten schleppt der Fahrer dann direkt in die Wohnung.

Eifrig studiert sie alle kostenlosen Anzeigenblättchen, um die "Knüller der Woche" herauszufinden: Wo gibt es Äpfel im Zwei-Kilo-Beutel für 1,49, die Flasche Orangensaft für 49 Cent, die 325 Gramm-Packung Miracoli für 1.79, den Leberkäs' für 69 Cent pro 100 Gramm, oder Zahncremetuben zu 99 Cent? Und wann hat Lidl wieder das günstige Klopapier?

Einmal "nix Tiefgefrorenes"

Früher war Christa Maier eine gute Köchin. Ihr Schweinsbraten mit Kartoffelknödeln galt im Bekanntenkreis als "Superklasse". Zur Unbeweglichkeit verdammt kann sie heute den Elektroherd nicht mal mehr bedienen. Sie begnügt sich mit Fischdosen, "dazu ess' ich ein Stück Brot". Manchmal kocht sie auch Nudeln mit Ketchup, oder wärmt eine Pizza im Minibackofen auf, ein Sonderangebot bei Aldi zu 24 Euro. Alle paar Wochen kommt eine Cousine und bringt "was warmes Vorgekochtes" mit.

Ihr Wunschtraum: Einmal "nix Tiefgefrorenes, sondern einen feinen guten Fisch oder ein schönes frisches Steak von einem ordentlichen Metzger, "einem, wo i weiß, der hat a gut's Fleisch".

Große Unterschiede

Nach der letzten bundesweiten Einkommens-Untersuchung des Statistischen Bundesamtes von 2003 haben allein lebende Rentner durchschnittlich 1476 Euro netto aus verschiedenen Geldquellen. Allein aus der gesetzlichen Rentenversicherung bezog ein Ein-Personen-Haushalt im Osten 2003 durchschnittlich 978 Euro, im Westen 796 Euro. Das klingt nach viel. Aber: die Inflation und die steigenden Preise senken die Kaufkraft. Und: Durchschnittszahlen verhüllen die drasti-schen Unterschiede zwischen Frauen und Männern, zwischen Ost und West, zwischen Ruhestands-Rentnern aus Niedriglohngruppen und wohlhabenden Pensionärs-Senioren mit Zusatzrenten aus Betrieb und Versicherungen, sowie Einkommen aus Geldvermögen oder Immobilienbesitz.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat berechnet, dass Ende 2006 schon 2,5 Prozent der über 65-Jährigen auf die gesetzliche Grundsicherung (die frühere Sozialhilfe) angewiesen war. Im Endeffekt vegetieren manche mit 347-Euro-Minimum dahin, während andere mit satten Altersbezügen samt Vermögenseinnahmen über monatlich 4000 Euro und mehr verfügen. Das sind jene umworbenen "Silver-Ager", die in Kreuzfahrten, Anti-Aging-Kuren, Golfclubs und ähnlichen Vergnügungen der Generation 50 plus investieren können.

Eleonore Kalaja: Den Enkeln etwas zuschieben

Die Münchner Rentnerin Eleonore Kalaja, 68, gehört - statistisch gesehen - zur gehobenen Unterschicht. Sie ist seit elf Jahren Witwe, lebt mit ihrer Perserkatze in der alten, 63 Quadratmeter großen Miet-Wohnung, und kommt mit ihrer eigenen Rente (212 Euro) und den Hinterbliebenenbezügen ihres Mannes (820 Euro) auf ein monatliches Budget von 1032 Euro.

Trotz ihrer 50-prozentigen Behinderung wirkt die dunkelhaarige Mutter von vier Kindern jugendlich und unternehmungslustig. Neben der Kindererziehung hat die gelernte Bürokraft immer wieder halbtags gearbeitet. Auch jetzt verdient sie als Mittagsbetreuerin an einer Grundschule - alle zwei Wochen 15 Stunden - noch 286 Euro im Monat hinzu. "Man möchte den Kindern und Enkeln doch zu den Geburtstagen und bei Besuchen gern etwas zuschieben".

Die zwei Euro Eintritt sitzen drin

Von den insgesamt 1222 Euro gehen ab: Miete 603 Euro, Strom 23, Fahrkarte 37, Telefon 35, Radio 25, und 10 Euro Eintrittsgeld beim Arzt im Quartal; die Zuzahlung zu Medikamenten macht 60 Euro im Jahr aus. Außerdem legt sie konsequent monatlich 75 Euro beiseite für zwei Wochen Urlaub im Jahr. Übrig bleiben rund 400 Euro fürs Essen, Katzenfutter, Friseur, Kleidung, mal ein Theaterbesuch auf Behindertenausweis zum halben Preis, und fürs Tanz-Hobby.

Einmal im Monat lädt das Altenzentrum in ihrem Stadtteil Obergiesing zum Seniorentanz. "Immer lustig, auch wenn 20 Frauen auf drei Männer kommen". Das gesellschaftliche Highlight ihres Lebens aber ist der Seniorentanz im Hofbräuhaus in München, immer dienstags von 15 bis 18 Uhr mit einem Alleinunterhalter. "Da kann man auch als Single gut hin gehen", findet die Witwe. Und die zwei Euro Eintritt sind im Budget drin. Notfalls könne man bei Wasser und Kaffee sitzen bleiben. Und wenn manche Senioren ihren Keks von zuhause mitbringen, moniert das keiner. "Für wenig Geld ein phantastischer Nachmittag", schwärmt Eleonore Kalaja. "Man kommt raus. Und hat einen Antrieb, sich fesch zu machen."

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