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Ausbildung: 9 aus 24 - die Hauptschullotterie

Auch 2004 bleiben viele Jugendliche ohne Lehrstelle, in Deutschland findet jeder dritte Bewerber keine. Dank Warteschleifen und Rechentricks verschwinden dennoch fast alle aus der Statistik.

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Zuerst die gute Nachricht: Würden sich jedes Jahr nur diejenigen Schüler um einen Ausbildungsplatz bewerben, die gerade ihren Schulabschluss gemacht haben, gäbe es in Deutschland kein Lehrstellenproblem.

Und nun die schlechte Nachricht: Die Zahl der Ausbildungsplätze reicht von Jahr zu Jahr weniger aus, weil immer mehr Schüler, die in den Vorjahren nicht untergekommen sind, sich erneut bewerben - zusätzlich zu den aktuellen Schulabgängern. 1998 waren es noch 38 Prozent aller Lehrstellenbewerber, die ihre Schulzeit schon mindestens ein Jahr zuvor beendet hatten. Im Jahr 2004 ist der Anteil der Jugendlichen aus früheren Jahren auf 46 Prozent geklettert - ein Höchststand.

Allmählich wird es zur Normalität, dass vor allem Haupt- und Realschüler in dem Jahr, in dem sie ihren Abschluss machen, keine Lehrstelle finden, sondern eine Warteschleife drehen müssen. Ein Missstand, an dem auch der Ausbildungspakt, den die Wirtschaftsverbände mit Minister Wolfgang Clement geschlossen haben, nichts ändert.

Was der Verschiebebahnhof

für die Schüler bedeutet, wird an der ehemaligen Klasse 9 d der Werner-von-Siemens-Schule in Schwerin deutlich, einer ganz normalen Hauptschulklasse in einer mittelgroßen Stadt in Ostdeutschland. Im vergangenen Jahr berichtete der stern über die erfolglose Lehrstellensuche der 9 d. Von den 24 Schülern hatten damals lediglich vier eine richtige Lehrstelle gefunden, einer davon im Westen, zusätzlich waren zwei Schülerinnen an der Berufsfachschule für Kinderpflege untergekommen. Die restlichen 18 Schüler - also 75 Prozent der Klasse - mussten Warteschleifen drehen: Sie belegten an der Hauptschule ein weiteres, zehntes Schuljahr, absolvierten Praktika oder so genannte berufsvorbereitende Kurse. Politisch feiner Nebeneffekt: Sie fielen aus Clements Statistik über Jugendliche ohne Lehrstelle.

Ein Jahr später sieht die Situation für die ehemalige 9 d kaum besser aus: Zwei weitere Schüler sind inzwischen in den Westen gezogen, weil sie dort Lehrstellen fanden. Marcel Brüggemann, 17, lernt jetzt Lackierer in München, Alexander Kroke, 17, macht bei der Lufthansa in Hamburg eine Ausbildung zum Fluggerätemechaniker. Mehr als ein Jahr nach Schulende haben also sechs von 24 Schülern eine betriebliche Lehrstelle, zwei Schülerinnen besuchen eine Schule für Kinderpflege, eine lernt außerdem Hauswirtschafterin.

Der größte Teil der Klasse, nämlich elf Schüler, bekam nur einen "außerbetrieblichen Ausbildungsplatz": Das sind staatlich finanzierte Lehrstellen, die in Ausbildungszentren angeboten werden, die meistens Industrie- und Handelskammern (IHK) oder Handwerkskammern vor Ort betreiben. Diese Ausbildungsplätze hätte man den Schülern genauso gut auch schon im vorigen Jahr anbieten können, ohne sie noch ein zehntes Jahr in der Hauptschule zu halten. Doch damals mussten andere versorgt werden - mutmaßlich Schulabgänger aus Vorjahren.

Der Alltag dieser Schüler mutet mitunter grotesk an. Drei von ihnen, Louisa Liebknecht, Christopher Blank und Stefanie Schuldt, lernen zum Beispiel Verkäufer bei der IHK. Sie "arbeiten" in einem Übungsraum, in dem Waschmittel, Nudeln und Saft im Regal stehen, und "verkaufen" ihren Mitschülerinnen die Waren. Manchmal üben sie auch, Waren in Geschenkpapier einzupacken oder anhand von Fotos Käsesorten zu unterscheiden. Es sind alles Trockenübungen. Die Lehre dauert zwei Jahre, echte Kunden bekommen sie in diesem Ausbildungszentrum nur während ihrer Praktika zu sehen. Wer wie Cindy Zelck bei der IHK Kauffrau für Bürokommunikation lernt, telefoniert in einem Übungsraum mit anderen Mädchen, und wer wie Michael Hinkeldey dort eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann macht, simuliert Warenbestellungen von Firmen, die nicht existieren.

Im Vergleich zu Lehrlingen in Betrieben haben es außerbetrieblich ausgebildete Jugendliche schwerer, einen Job zu finden. Man nimmt an, dass sie das Arbeitsleben nicht wirklich kennen gelernt haben, weil sie sich nie mit zickigen Kunden oder einem cholerischen Chef herumschlagen mussten, außer vielleicht in Praktika. Dennoch ist eine außerbetriebliche Lehrstelle für ostdeutsche Jugendliche immer noch die zweitbeste Wahl - neben echten Lehrstellen.

Für IHK, Handwerkskammern und private Bildungsanbieter sind diese künstlichen Ausbildungsplätze mittlerweile zu einem guten Geschäft geworden. Allein in diesem Jahr werden bundesweit mindestens 56 000 Jugendliche eine solche Lehrstelle erhalten - der Staat finanziert das Lehrlingsgehalt plus die Ausgaben der Ausbildungszentren.

Doch selbst diese 56 000 Plätze reichen bei weitem nicht, um alle Jugendlichen zu versorgen, die keinen richtigen Ausbildungsplatz gefunden haben. Denn deren Zahl ist dieses Jahr noch höher als im vergangenen - und darin liegt Sprengstoff für Rot-Grün.

Mitte Juni schlossen die Spitzenverbände der Wirtschaft mit der Bundesregierung den so genannten Ausbildungspakt. Die Arbeitgeber versprachen, jährlich 30 000 neue Ausbildungsstellen zu schaffen, und Wolfgang Clement beschwichtigte die SPD-Linke, die sich vehement für eine Ausbildungsplatzabgabe stark machte, mit der gebetsmühlenhaft vorgetragenen Zusicherung, dass jeder Jugendliche ein Angebot bekomme.

Gemessen am Anspruch ist der Pakt gescheitert. Anfang Oktober verkündeten Kammern und Handwerksverbände zwar stolz, dass es in diesem Jahr 36 300 neue Lehrstellen gebe. Sie verschwiegen aber, dass gleichzeitig Zehntausende alte entfielen. Unterm Strich sind so nur 10 800 Lehrstellen zusätzlich zum Vorjahr übrig geblieben. In gewohnt schnarrendem Ton musste denn auch Clement zugeben, dass angesichts höherer Bewerberzahlen eine Lücke von 30 000 Lehrstellen klafft. Dennoch sei er zuversichtlich, dass man sie schließen könne usw. usw.

Sollte ihm das doch noch gelingen, verdankt er das speziellen Rechenkünsten: Denn die meisten Jugendlichen ohne Lehrstelle waren Anfang Oktober statistisch bereits aussortiert (siehe Grafik). So ließen sich mehr als 45 000 Bewerber überzeugen, weiter eine allgemeinbildende Schule zu besuchen. Allein von den 24 Schülern in Schwerin hat ein Drittel ein solches zusätzliches zehntes Hauptschuljahr gemacht. Mehr als 46 000 Jugendliche werden dieses Jahr bundesweit in "berufsvorbereitende" Kurse gesteckt oder machen ein Berufsgrundschuljahr. 77 000 weitere Jugendliche ohne Berufsausbildung jobben mittlerweile irgendwo, um nicht auf der Straße zu stehen.

44 600 Jugendliche

blieben am 30. September dennoch übrig, die überhaupt nichts hatten. Von dieser Zahl zieht Wirtschaftsminister Clement dann die bundesweit gemeldeten 13 400 offenen Lehrstellen ab, um zu seiner Lehrstellenlücke von rund 30 000 zu kommen. Dabei kann das Ministerium mit den Rechenkünsten durchaus zufrieden sein: Nahezu alle Zeitungen, Radio- und Fernsehstationen verbreiten seither immer wieder die Zahl.

Doch auch diese 30 000 Jugendlichen sollen jetzt möglichst schnell unsichtbar werden. Für sie hat das Wirtschaftsministerium eine neue Maßnahme parat: die so genannte Einstiegsqualifizierung. Das sind sechs- bis zwölfmonatige Praktika in Betrieben, bei denen der Staat den Praktikanten ein Gehalt von bis zu 192 Euro im Monat bezahlt. Arbeitgeber, die diese Praktikanten einstellen, bekommen die Sozialversicherungsbeiträge erstattet. Kein Wunder, dass sich die Arbeitgeberverbände großzügig bereit erklärt haben, in den kommenden Wochen 25000 solcher "Einstiegsqualifizierungen" zu schaffen.

Einstieg heißt das Praktikum deshalb, weil die Zeit angerechnet werden kann, falls ein Betrieb den so getesteten Jugendlichen als Azubi übernimmt. Fachleute der Bundesagentur für Arbeit wissen natürlich auch, dass dies "politisch motivierte Maßnahmen" sind, um die Statistik besser aussehen zu lassen: "Aber einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul."

Markus Grill / print

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