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Fotoprojekt "Unveiled": Coming-out in Ecuador – bei den katholischen Eltern

Ihre Familie in Ecuador ist streng gläubig, doch Paola Paredes möchte ihren Eltern und Schwestern trotzdem die Wahrheit sagen: Sie ist lesbisch. Für ihr Coming-out hat die Fotografin ihre Kamera aufgebaut. Sie erlebt eine Überraschung.

Von Susanne Baller

Paola Paredes hat ihr Coming-out sorgfältig geplant und am Esstisch der Eltern ihre Kamera aufgebaut. Alle fünf Sekunden macht es "Klick". Doch die Anspannung ist so groß, dass niemand das Geräusch wirklich wahrnimmt.

Paola Paredes hat ihr Coming-out sorgfältig geplant und am Esstisch der Eltern ihre Kamera aufgebaut. Alle fünf Sekunden macht es "Klick". Doch die Anspannung ist so groß, dass niemand das Geräusch wirklich wahrnimmt.

Wie so viele Lesben und Schwule auf der ganzen Welt, hatte auch Paola Paredes Angst vor den Konsequenzen, wenn sie sich vor ihren Eltern outen würde. Sie war bereits einige Male kurz davor gewesen, hatte im entscheidenden Moment jedoch immer Panik gekriegt und das Gespräch in andere Bahnen gelenkt.

"Ich erinnere mich an eine Predigt bei einer Sonntagsandacht, wo das Thema Homosexualität war", berichtet die Fotografin auf ihrer Website "Unveiled", "auch wenn der Pfarrer es vermied, das Wort zu benutzen. Die schrecklichen Konsequenzen einer Verbindung, die nicht aus Mann und Frau bestand, wurden sehr plastisch geschildert. Die Worte des Pastors klangen so lange in mir nach wie keine Predigt jemals zuvor. Obwohl ich damals noch nicht verstand warum, schien jedes seiner Worte direkt an mich gerichtet zu sein." Die christliche Ethik des Priesters legte den Grundstein dafür, was Paredes als "richtig" und was als "unmoralisch, schmutzig und unverzeihlich" empfand.

Das katholische Elternhaus

Ihre Eltern hatten die christliche Morallehre nie hinterfragt. Gott war in ihrem Haus stets präsent. "Er war der gütige Wohltäter und der strenge Richter. ER war es, dem wir für jede Mahlzeit dankten, auch wenn meine Mutter für die Zubereitung lange in der Küche gestanden hatte und mein Vater Schichtdienste übernahm, um sie bezahlen zu können", beschreibt Paredes den selbstverständlichen Glauben ihrer Eltern.

Irgendwann einmal hatte die Mutter erzählt, dass der Vater sich nach zwei Töchtern einen Sohn gewünscht hätte, als dann Paola auf die Welt kam. Das Mädchen glaubte, es sei eine Enttäuschung. Mit sechs Jahren, es war ein heißer Tag und die ganze Familie saß am Mittagstisch, stand sie stolz auf und erklärte ihrem Vater, sie sei ein Junge, er könne aufhören, sich einen Sohn zu wünschen. Sie war glücklich, weil sie glaubte, ihn glücklich zu machen. Doch statt der erwarteten Reaktion, freudestrahlendes Lächeln und weit geöffnete Arme, guckte er irritiert, dann wütend und sagte: "Nein, du bist ein kleines Mädchen." Die Erkenntnis, dass sie, auch wenn sie sich das Gegenteil wünschte, immer ein Mädchen bleiben würde, traf Paredes hart. "Während andere Kindheitserinnerungen verblasst oder ganz verschwunden sind, weiß ich das noch ganz genau", erzählt die Fotografin.

Das erste Outing ging schief

Auf einer Reise in die USA, Paredes war 18 oder 19, outete sie sich gegenüber dem ersten Familienmitglied, der Schwester Naty, die zwei Jahre älter und sehr liberal ist. Doch Naty reagierte derart entsetzt, dass die beiden den Rest der Reise nicht mehr miteinander sprachen. Zurück in Ecuador erhielt sie nach einigen Wochen eine E-Mail von Naty, in der sie sich für ihr Verhalten entschuldigte. Die Schwester hatte eine Weile gebraucht, um sich darüber klar zu werden, was das für sie selbst und den Rest der Familie bedeutete. Um es akzeptieren zu können, was sie nun tat.

Zu der gemeinsamen älteren Schwester, Vero, ging Paredes als Kind immer, wenn sie in Schwierigkeiten steckte. Sie löste jedes Problem. Doch es dauerte eine Weile, bis Paredes auch ihr erzählen konnte, dass sie lesbisch ist, sie hatte Angst vor ihrer Reaktion. Dann geschah es ganz nebenbei, sie saßen draußen, aßen und Paredes sagte, sie müsse ihr etwas sagen, es habe mit ihrer Sexualität zu tun. "Hast du dich nie gefragt, warum ich keinen Freund habe?" Vero sah sie an und sagte: "Oh, okay. Hab' ich mir gedacht." Ihr sei es egal, aber sie mache sich Sorgen wegen der Eltern, sagte sie noch. Paredes solle sich darauf einstellen, dass diese nicht positiv reagieren würden.

Mit den Schwestern zu den Eltern

Die Fotografin beschloss, das ihre beiden Schwestern anwesend sein müssten, wenn sie ihr Coming-out bei den Eltern hätte. Und so entstand die Fotoserie, die Paredes noch einmal als Timelapse veröffentlichte. 

Die Erinnerungen der in London und Ecuador lebenden Fotografin an diese emotional aufwühlende Zeit sind sehr ausführlich und wahrlich lesenswert. Sie hat sie mit allen Fotos auf ihrer Website niedergeschrieben.

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