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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: "Ich kann mich zwischen meinem Ehemann und meinem Geliebten nicht entscheiden"

Barbara ist verheiratet, hat aber auch einen Geliebten. Der trägt sie auf Händen. Doch sie fühlt sich ihrem Mann verpflichtet, vor allem finanziell. Für welchen Mann soll sie sich entscheiden?

Ehemann oder Geliebter?

Ehemann oder Geliebter?

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Ich bin eigentlich glücklich verheiratet und habe seit einem Jahr einen Geliebten. Was als harmlose Affäre mit Wissen meines Mannes begann, hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einer Beziehung entwickelt, in der ich vieles finde, was ich in meiner Ehe vermisse. Mein Geliebter ist deutlich jünger als ich (12 Jahre), aber für sein Alter ein sehr reifer Mensch. Er ist unglaublich fürsorglich, er würde mir die Sterne vom Himmel holen, für ihn bin ich die ganz große Liebe. Er ist leidenschaftlich, steckt voller Ideen, ist unglaublich vielseitig interessiert. Mit ihm fühle ich mich lebendig – aber wir haben darüber hinaus auch ein tiefes Vertrauens- und intellektuell anspruchsvolles Verhältnis. Er hat sich von seiner Frau getrennt, das stand schon vor Beginn unserer Beziehung im Raum. Mein Mann und mein Geliebter kennen sich und mögen sich auf ihre Art auch, eine enge Freundschaft ist es verständlicherweise nicht.

Ich bin seit zehn Jahren mit meinem Mann zusammen, wir kennen uns schon sehr viel länger, seit sieben Jahren sind wir verheiratet. Mein Mann ist zehn Jahre älter als ich und hat noch einige Jahre bis zur Rente.  Er hat drei Kinder und finanzielle Verpflichtungen. Ich habe die Zahlungen für das Haus und den Kindesunterhalten übernommen, weil er sonst insolvent gewesen wäre. Wir kamen zusammen, nachdem ich mich aus einer glücklosen Ehe, die geprägt war von Alkoholmissbrauch, Lügen und Betrügen durch meinen Ex-Mann gelöst hatte. Mein Mann war damals eine Wohltat für mich – ruhig, rational. Er ist ein Mensch, der über sich selber sagt, er habe autistische Züge. Er liebt mich ganz bestimmt, ist aber weder in Worten noch Taten übermäßig fürsorglich. Ich bin voll berufstätig und habe oft lange, stressige Tage, dazu kommt noch Zeit für unseren Betrieb. Wir haben häufig Streit, weil er im Haushalt nur das Allernötigste tut – es ist alles unordentlich und dreckig, und er wirft mir dann vor, er könne wegen meiner Unordnung nicht aufräumen. Ich bin auch diejenige, die einkauft und kocht. Wir führen sonst eine ruhige, unaufgeregte Ehe.

Ich bin mir sicher, dass er die Zweitbeziehung toleriert, weil er weiß, dass ich mich gegen ihn entscheiden würde, wenn er mich vor die Wahl stellt. Wer mich aber jetzt vor die Wahl stellt, ist mein Geliebter, der ganz und nicht nur ein bisschen mit mir leben möchte. Dass ich mich trenne, stand eigentlich von Anfang an nicht zur Debatte. Ich finde, ich kann meinen Mann nicht verlassen. Er ist komplett wirtschaftlich von mir abhängig und stünde dann vor dem Nichts. Ich kann ihn doch nach so langer Zeit nicht einfach verlassen – und das Unternehmen, das wir zusammen aufgebaut haben, kann auch keiner von uns alleine weiterführen. Ich habe doch Verantwortung übernommen! Auf der anderen Seite frage ich mich, wie lange wir das überhaupt noch weiterführen können, mein Mann wird älter und weniger belastbar. Es ist auch unfair, ihm vorzuhalten, dass er älter, ruhiger, "langweiliger" ist, das wusste ich ja von Anfang an.

Und: Ich habe keine Beziehung gehabt, die länger als zehn Jahre gehalten hat. Vielleicht liegt es einfach an mir, vielleicht bin ich nicht fähig, mich ganz an einen Menschen zu binden, vielleicht suche ich mir in zehn Jahren den nächsten Partner? Mir ist auch völlig klar, dass mein Geliebter nicht perfekt ist, es gibt Punkte, die uns gegenseitig aneinander stören, aber ich glaube, dass wir damit leben könnten.

Sie sehen, ich bin hin- und hergerissen. Haben Sie einen Rat für mich? Bei meinem Mann bleiben und die andere Beziehung beenden – ein bisschen unglücklich, aber wenigstens sicher? Oder doch noch einmal ganz von vorne anfangen (und meinen Mann zutiefst unglücklich machen) – wenn nicht jetzt, wann dann?

Herzliche Grüße,

Barbara Z.


Liebe Barbara Z.,

Beim Lesen Ihrer Zeilen kam es mir so vor, als wenn Sie nicht nur hin- und hergerissen sind, sondern wenig Zugang zu Ihren eigenen Gefühlen haben. Sie nehmen sich nicht wirklich wahr, sind jedoch sehr sensibel dafür, was die Anderen von Ihnen wollen.

Ihr Mann möchte von Ihnen versorgt werden. Er kommt alleine nicht wirklich klar. Anscheinend kann er sich wenig um Sie kümmern. Sein Interesse ist es, Sie als Versorgerin nicht zu verlieren.

Sie scheinen auf seine Wünsche sehr stark anzuspringen. Warum ist das so? Haben Sie in Ihrer Kindheit Erfahrungen gemacht, die Sie in die Rolle der Starken, Vernünftigen gebracht haben? Das geschieht oft, wenn die Eltern Ihre Rolle nicht ausfüllen, weil sie psychisch krank sind oder eine Suchterkrankung haben. In solchen Familien begegnet man dann 11-jährigen Kindern, die für die ganze Familie kochen, putzen und einkaufen und ihren Eltern mit Rat und Tat zur Seite stehen. Oder Kindern, die sich den Kopf darüber zerbrechen, wie sie genügend Geld verdienen, um die Familie über Wasser zu halten.

Was war Ihr persönlicher Grund dafür, sich wieder (nach Ihrem problembelasteten ersten Mann) einen Mann zu suchen, der in großen finanziellen Schwierigkeiten steckt? Und diesem Mann klaglos die finanziellen Verpflichtungen (auch die für seine Kinder!) abzunehmen?

Ist es für Sie wichtig, gebraucht zu werden? Können Sie sich eine Beziehung nur schwer vorstellen, in der jeder seine eigene Last trägt und man einander nicht in einem existenzerhaltenden Sinn braucht?

In der Beantwortung dieser Frage liegt für mich auch der Knackpunkt Ihrer Fragestellung. Sie schreiben nichts von Ihren Gefühlen für Ihren Mann. Ihr Grund, mit ihm zusammen zu bleiben, ist Ihr Verantwortungsgefühl ihm gegenüber. Theoretisch gibt es zahlreiche Möglichkeiten, Ihren Mann auch nach einer Trennung weiter zu unterstützen und mit ihm das Unternehmen zu führen. Sie müssten ihn nicht fallen lassen, auch wenn Sie einen anderen Partner hätten. Es gibt viele Paare, die nach einer Trennung noch gemeinsame Konten haben und z.B. in einer Arztpraxis als Partner arbeiten.

Über Ihre Gefühle zu Ihrem Freund schreiben Sie auch wenig. Auf den ersten Blick könnte man Sie zu so einer lebendigen und gefühlvollen Beziehung beglückwünschen. Sie haben in ihm einen Mann gefunden, der Sie liebt, auf Händen trägt und bei dem Sie viele wertvolle Dinge finden. Aber was bremst Sie in Ihrem Wunsch, mit diesem Mann ganz zusammen zu sein? Meine Vermutung ist, dass Sie sich nicht in dem Maß gebraucht fühlen, in dem Sie es gewohnt sind. Dieser Mann braucht Sie nicht, weil er nicht bis zum Hals in Schwierigkeiten steckt. Er liebt Sie und begegnet Ihnen auf Augenhöhe. Vielleicht dürfen Sie bei ihm auch mal die Schwächere sein oder etwas von ihm annehmen.

Ich nehme an, dass tief verwurzelte Prägungen aus Ihrer Kindheit Ihnen signalisieren, dass Liebe so, wie es mit Ihrem Freund ist, nicht funktionieren kann. Sie fühlen sich immer wieder zu Partnern hingezogen, die ohne Sie nicht (über)leben können.

Wie wäre es, wenn Sie sich mit Hilfe einer systematischen Therapie oder einer tiefenpsychologischen Psychotherapie mit Ihrer Kindheit beschäftigen und versuchen, diese alten Muster zu erkennen und zu hinterfragen? Ich befürchte, dass Sie sonst bei Ihrer Partnerwahl immer wieder Ihre eigenen Bedürfnisse hinten anstellen und damit zu kurz kommen.

Nur wenn Sie sich innerlich geändert haben, können Sie sich auf neue Beziehungsmuster einlassen. Und ich bin ziemlich sicher, dass Sie damit auf Dauer glücklicher und erfüllter werden.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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