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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Der Vater meiner 12-jährigen Patentochter ist ihr gegenüber übergriffig

Viele Eltern haben eine sehr enge und zärtliche Bindung zu den Kindern - manchmal auch eine zu enge. Aber wann wird das Verhalten problematisch? Marie macht sich Sorgen um ihre Patentochter. Zurecht?

Zärtlichkeit zwischen Kindern und Eltern ist normal - aber nur bis zu einem gewissen Grad (Symbolbild)

Zärtlichkeit zwischen Kindern und Eltern ist normal - aber nur bis zu einem gewissen Grad (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Mein Patenkind (Lea) ist 12 und leider sehen wir uns nicht so häufig, weil sie am anderen Ende von Deutschland lebt. Ich mache mir aber Sorgen um sie. Ihre Eltern haben sich vor zwei Jahren getrennt, die Mutter ist psychisch krank (sie hat seit Jahren eine Psychose). Das Problem geht noch weiter: Ihr Vater und ich kannten uns aus dem Studium, haben aber kaum noch Kontakt miteinander. Er benimmt sich Lea gegenüber sehr merkwürdig, und ich weiß nicht, was ich machen soll.

Vor einem Jahr waren wir unterwegs und haben Eis gegessen. Lea hat gekleckert und hat sich beklagt, dass sie klebrige Hände hat. Ihr Vater hat die Hände genommen und jeden Finger einzeln genüsslich abgeschleckt. Ich war so schockiert, dass ich nicht wusste, was ich sagen soll. Lea hat nichts dazu gesagt, es schien für sie normal zu sein. Ihr Vater gibt ihr zur Begrüßung und zum Abschied auch immer einen Kuss auf den Mund, das hat er schon gemacht, als sie klein war. Ich finde das widerlich.

Irgendwann hat Lea mir gegenüber mal geäußert, dass sie froh ist, bei mir ein eigenes Bett zu haben. Bei ihrem Vater schlafe sie oft in seinem Bett, und er liege nackt neben ihr und schwitze so stark. Ich habe gefragt, ob er sie auch anfässt, aber sie hat das verneint. Ich habe dann aber mehr  darauf geachtet und sie gefragt, ob sie die Badezimmertür (dort ist auch die Toilette drin) abschließt, wenn sie zu Haus ist. Sie meinte, dass es keinen Schlüssel gibt. Ich habe ihr gesagt, dass sie bei mir auf jeden Fall abschließen darf und soll, damit sie ungestört sein kann.

Sie konnte damit nicht so richtig was anfangen und hat bei ihrem Besuch bei mir nicht abgeschlossen. Ich habe immer extra geklopft, wenn ich ins Bad wollte, und wenn sie drinnen war, habe ich gesagt: Nimm dir Zeit, ich gehe ins Bad, wenn du fertig bist.

Mir lässt das ganze aber keine Ruhe. Ich frage mich, ob noch mehr zwischen Lea und ihrem Vater läuft, ich finde das wirklich eklig. Ich kann die Mutter nicht fragen, sie ist zu labil. Ich habe bisher mit ihrem Vater nicht darüber gesprochen, weil ich denke, dass er alles abstreiten würde und dann die Chance vertan ist, ihn richtig zu befragen. Ich will Lea auch nicht noch öfter befragen, weil ich sie nicht bedrängen will.

Was kann ich machen?

Viele Grüße, Marie K.

Liebe Marie K.,

Ich kann nachempfinden, dass Sie sich Sorgen um Lea machen. Man liest und hört recht viel von Kindesmissbrauch, und in diesem Fall gibt es auf jeden Fall Verdachtsmomente. Leas Vater überschreitet einige körperliche Grenzen bei ihr, indem er es zulässt, dass er nackt neben ihr im Bett liegt (oder sie neben ihm) und indem er ihr die Hände ableckt.

Da liegen zwei Fragen nahe: 

Wie kann man herausfinden, welche Vorstellungen Leas Vater von einer gesunden, angemessenen Intimsphäre und von körperlichen Grenzen hat? Wie kann man auf ihn einwirken, wenn er - wie es scheint - aus irgendwelchen Gründen ungesunde Vorstellungen hat? Lea ist kein kleines Mädchen mehr, sie kommt bald in die Pubertät, und gerade dann sollte es für Kinder erlaubt und erwünscht sein, Schamgrenzen aufzuzeigen - und für Erwachsene selbstverständlich, diese zu respektieren. Zum Beispiel: Badezimmertür bzw. Zimmertür abschließen, sich nicht nackt zeigen, Eltern nicht nackt oder leicht bekleidet sehen wollen, Kuss auf den Mund nicht wollen.

Für Leas psychische und sexuelle Entwicklung kann es schädlich sein, wenn sie nicht lernt oder lernen darf, Grenzen zu ziehen, ihre Intimsphäre zu schützen und zu allem, was sie nicht möchte, nein zu sagen. Das Problem ist jedoch, dass die Mutter nicht in der Lage ist, Lea diese Grenzen zu vermitteln und ihr Vater diese Grenzen anscheinend nicht kennt. 

Würde er die Grenzen kennen, würde er nicht vor Ihnen und in der Öffentlichkeit übergriffiges Verhalten an den Tag legen.

2. Die zweite Frage ist: Spiegeln die Übergriffe, die Sie bemerkt haben, in etwa das, was zwischen Vater und Tochter passiert, oder gibt es noch einen Dunkelbereich? Im Klartext stellt sich die Frage, ob Lea von ihrem Vater sexuell oder emotional missbraucht wird. Ein erschreckender Gedanke!

Wie Sie selbst überlegen, gibt es hohe Risiken, wenn Sie dieses Thema offensiv angehen. Es könnte passieren, dass Leas Vater unberechtigt beschuldigt wird, seine Tochter zu missbrauchen, dass er stigmatisiert wird und dass ihm der Kontakt zu seiner Tochter untersagt wird. Es ist zu erwarten, dass Lea in ihrer Entwicklung und ihren Bindungen noch weiter verunsichert wird, wenn ihr Vater zu Unrecht beschuldigt wird. Leider hat sie keine verlässliche Bezugsperson, der sie vertrauen kann. Ihr Vater scheint ihr noch am nächsten zu stehen, und wenn sie ihn verliert, äußerlich oder innerlich, ist das ein schmerzhafter Verlust für sie.

Genau so riskant ist es, wenn Sie Ihren Gefühlen nicht nachgehen und die Probleme unter den Teppich kehren. Dann könnte der eventuelle Missbrauch unerkannt fortgesetzt werden und Lea auf Dauer massiv schaden. Eine wirkliche Zwickmühle, in der Sie sich befinden!

Insofern finde ich es sehr besonnen von Ihnen, dass Sie vorsichtig und feinfühlig vorgehen wollen. Wie wäre es, wenn Sie sich zunächst einmal anonym Rat einholen, ohne preiszugeben, um welche Familie es geht? Sie könnten zum Beispiel ein Beratungsgespräch beim Jugendamt oder beim Kinderschutzbund oder einer Beratungsstelle für sexuell missbrauchte Kinder und Jugendliche in Anspruch nehmen und die Situation so schildern, wie Sie das hier getan haben. Lassen Sie sich das weitere Vorgehen und Ihren Handlungsspielraum erklären. Ein Problem ist hier sicherlich, dass Lea und ihr Vater nicht in Ihrer Stadt leben.

Dennoch ist die Frage, ob und wie Sie 

A) offen mit Lea sprechen und sie weiter befragen

B) offen mit Leas Vater über Ihre Beobachtungen und Ihr Befremden sprechen 

C) die beiden dazu motivieren, vor Ort eine Beratungsstelle aufzusuchen

D) wenn nichts hilft, einen Experten für Kinderschutz einzuschalten

Ich bin sicher, dass einige Gespräche mit Experten für Kinderschutz Ihnen dabei helfen werden, eine gute Lösung zu finden. Risiken gehen Sie dabei nicht ein, wenn die Beratung anonym ist. Aber es wird Ihnen bestimmt helfen, Ihren Gefühlen nachzugehen und eine verantwortungsvolle Lösung zu finden.

Herzliche Grüße, Julia Peirano

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