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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Ghosting: Sie verschwand von einem Tag auf den anderen

Mehr als ein Jahr waren Philipp und seine Freundin ein Paar. Glücklich. Doch plötzlich war sie wie ein Geist verschwunden, ohne jede Erklärung. Wie soll man damit umgehen?

Getty Images

Sehr geehrte Frau Dr. Peirano,

Jetzt bin ich völlig unerwartet das Opfer vom sogenannten "Ghosting" geworden. Ich habe seit Frühling 2017 eine Liebschaft mit einer Dänin. Es war ziemlich kompliziert, weil ich in Süddeutschland wohne und sie in Dänemark, außerdem war sie noch mit ihrem Ex-Mann im Trennungsprozess. Viel Streit, viel Hin und Her, auch das Kind wurde in den Streit verwickelt. Es war sehr anstrengend für sie. Dazu kamen ihr Job (Sozialarbeiterin) und ihre etwas anstrengende kleine Tochter. Meine Freundin war oft erledigt, kraftlos und depressiv, meldete sich dann seltener. Manchmal sagte Sie unsere heiß ersehnten Treffen kurzfristig ab. Ich war verletzt. Wir sahen uns recht selten, alle paar Monate, haben aber telefoniert und viel gechattet. Sehr intensive und offene Gespräche. Leidenschaftlicher Sex.

Nach dem, was sie sagte, war ich ihr absoluter Traummann. Das glaube ich ihr auch.

Wir sind (oder muss ich sagen: waren?) beide sehr heftig ineinander verliebt. Ich habe allerdings auch öfter darunter gelitten, dass sie sich entzog und mir nicht sagte, was los war. Vor vier Wochen hat sie sich dann aus heiterem Himmel überhaupt nicht mehr gemeldet. Eigentlich wollten wir uns am Wochenende darauf sehen… Es gab keinen Streit, nichts Verletzendes zwischen uns. Doch plötzlich war sie wie verschwunden.

Natürlich schrieb ich ihr und sagte, dass ich mir Sorgen machte. Dann schrieb ich verärgert und bat sie um einen Erklärung. Nichts. Keine Antwort. Ich rief unter falschem Namen bei ihrer Arbeit an und fragte nach ihr. Sie arbeitete. Also lebt sie und ist gesund. Ich weiß nicht, ob ich wütend sein soll oder Verständnis haben soll, weil es ihr so schlecht geht.

Ich bin jetzt völlig durcheinander, traurig, wütend, ratlos. Ich schlafe schlecht, träume von schrecklichen Dingen und wache früh auf. Meine Gedanken kreisen nur um sie und um uns. Ich weiß, dass es nicht an mir liegt. Es ist nichts vorgefallen. Sie hat starke Gefühle für mich. Aber warum tut sie mir das an, dass sie nicht redet? Wie soll ich mich verhalten? Ich kann das doch nicht einfach abhaken nach 1,5 Jahren! Zudem kommt noch dazu, dass wir in drei Wochen ein gemeinsames Wochenende in London gebucht haben, mit Hotel und allem drum und dran. Mein Geburtstagsgeschenk an sie. Soll ich alleine fahren? Sie daran erinnern? Ich komme mir so dumm vor, dass ICH jetzt hinter ihr herlaufen muss, um etwas zu klären, was eigentlich längst geklärt und abgemacht war.

Ich weiß auch nicht, ob es nur eine Pause ist - Doch warum sagt sie nichts? - oder das Ende.

Die ganze Geschichte zermürbt mich und schlägt mir im wahrsten Sinne des Wortes auf den Magen, ich habe Herzrasen, bin nervös und gleichzeitig todmüde.

Wie kann ich am besten damit umgehen?

Viele Grüße, 

Philipp B.


Lieber Philipp B.,

Es ist für Menschen (und übrigens auch für Tiere) unerträglich, wenn jemand, der ihnen nahe steht, plötzlich verschwindet. Instinktiv sucht man pausenlos nach dem verschwundenen Menschen oder sucht nach einer Erklärung für das Verschwinden. Man stellt sich Katastrophen vor, die passiert sein können (tot, krank, hilfsbedürftig, verunglückt…) und das versetzt einen natürlich in einen Alarmzustand. Ich habe in einem Film mal eine Bärenmutter gesehen, die ihr Junges suchte. Sie lief aufgeregt und sichtlich beunruhigt durch die Gegend, bis sie zum Glück ihr Kind fand.

Es ist also eine tief verankerte, biologische Reaktion auf einen unerklärlichen Verlust. Man kann sich nicht dagegen wehren, dass man unter starkem Stress steht, nicht schlafen kann, aufgeregt und nervös ist. Weil die Reaktion so tief verankert ist und nicht über den Kopf geht, hilft es nicht viel, dass Sie wissen, dass Ihre Freundin lebt und sogar arbeiten kann. Für Sie ist sie verschwunden. Und sie hat Ihnen keine Erklärung hinterlassen, um mit der plötzlichen Trennung umzugehen. Das ist heftig.

Schauen wir uns mal die Situation Ihrer Freundin an. Vielleicht hilft das, die Situation besser einzuordnen. Ihre Freundin kämpft anscheinend an mindestens drei verschiedenen Fronten: Tochter, Ex-Mann, Job. Sie hat in Ihnen zwar Ihren "Traum"- Partner gefunden, aber Sie können ihr im Alltag nicht helfen. Sie sind nicht da, und anscheinend ist eine gemeinsame Zukunft mehr ein Traum als ein Plan.  Es hört sich so an, als wenn Ihre Freundin innerlich noch nicht wirklich frei ist für eine neue Partnerschaft. Die starken Gefühle für Sie lösen in ihr deshalb auch Verwirrung und Stress aus. Während Sie klar im Kopf sind und die Beziehung mit ihr genießen konnten, ist Ihre Freundin in letzter Zeit sehr durcheinander gewesen, denn die Beziehung mit Ihnen hat ihr schmerzhaft vor Augen geführt, wie das Leben sein könnte. Durch ihren eigenen Stress und ihre kleinen Zusammenbrüche hat sie möglicherweise das Gefühl, Ihnen nicht zu genügen. Sie weiß nicht, wohin die Beziehung mit Ihnen führt, das macht ihr Angst. 

Sie ist derzeit wahrscheinlich mit den anderen Fronten (Kind, Ex-Mann, Arbeit) so überfordert, dass sie ein Thema zur Seite schieben muss, und das sind Sie. Sie legt erst einmal eine Pause ein, wahrscheinlich ohne zu wissen, wie lange sie diese Pause braucht und ob es eine Pause oder sogar das Ende bedeutet. 

Anscheinend ist sie jemand, der seine Gefühle mit sich selbst abmacht und schwer darüber sprechen kann, was in ihr vorgeht. Sie verdrängt Schwierigkeiten, anstatt sie zu lösen, daher rührt wahrscheinlich auch die Lebenskrise, in der sie sich befindet. 

Sie hat bestimmt nicht die Absicht, Sie zu verletzen. Dennoch verletzt es Sie natürlich, ignoriert und wie Luft behandelt zu werden. Sich so zu verhalten zeigt, ein großes Maß an Egozentrik: Sie denkt nicht daran, wie ihr Verhalten auf Sie wirkt. Und es zeigt auch, dass sie sich letztlich nicht vertrauensvoll eingelassen hat. Denn Vertrauen würde bedeuten, dass Sie mit Ihnen redet und sagt: "Ich kann nicht mehr. Ich brauche eine Pause." Ihre Freundin hat das Vertrauen zwischen Ihnen beiden auf einer fundamentalen Ebene zerstört. Eigentlich geht es in einer Beziehung um Kontakt: Ich sehe dich, ich verstehe dich, ich gehe auf dich ein, du kannst dich auf mich verlassen. Ihre Freundin signalisiert Ihnen: "Ich behandle dich wie Luft, deine Gefühle interessieren mich nicht, ich lasse dich am ausgestreckten Arm verhungern."  Fragen Sie sich selbst, ob Sie das jemals wieder vergessen können, selbst wenn sie eines Tages zu Ihnen zurück kehrt.

Zum Glück wissen Sie, dass Sie nichts falsch gemacht haben und dass die Gefühle Ihrer Freundin für Sie eher zu stark als zu schwach waren. Das hilft bestimmt Ihrem Selbstwertgefühl.

Sie fragen, wie Sie sich jetzt verhalten sollen. Das konkrete Thema zuerst: Am Besten überlegen Sie sich, wie SIE das Wochenende in London nutzen wollen. Alleine? Mit Freunden? Zu Hause bleiben? Rechnen Sie nicht mit Ihrer Freundin.

Verordnen Sie sich selbst eine Zeit der Funkstille, um zur Ruhe zu kommen und Distanz zu gewinnen. Schauen Sie nicht in sozialen Netzwerken, was sie macht. Schreiben Sie ihr nicht mehr. Es ist eindeutig an ihr, sich zu melden. Verarbeiten Sie die Trennung: Sie haben jetzt die harte Aufgabe, alles aufzuräumen und zu klären. Nur für sich alleine, ohne Ihre Freundin. Nehmen Sie sich alle Zeit der Welt für Ihre Gefühle. Gehen Sie spazieren, trauern Sie, wüten Sie, reden Sie in Gedanken mit ihr.  Wichtig ist, dass Sie sich klar machen, dass Sie nicht hilflos abwarten müssen, ob Ihre Freundin zurück kommt. Sie können jederzeit selbst gehen. Vielleicht bekommen Sie eines Tages noch eine Erklärung, vielleicht nicht. Vielleicht hilft Ihnen meine Darstellung, dass Sie sich die Erklärung selbst geben können.

Wenn Sie Ihre Gefühle durchlebt haben, werden Sie eines Tages mit dieser Geschichte abschließen können. Ihre Freundin hingegen wird die Trennung und ihr "Ghosting" länger quälen. Sie wird es bereuen, es hinterfragen und sich schämen, dass Sie sich Ihnen gegenüber so verhalten und Sie damit verloren hat. 

Alles Gute für Sie! Herzliche Grüße, Julia Peirano

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