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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Ich habe meine Ehe zu lange schleifen lassen – ist sie noch zu retten?

In jede Beziehung zieht irgendwann der Alltag ein - vor allem, wenn man gemeinsame Kinder hat. Was aber, wenn in der Routine dann die Zweisamkeit verloren geht. In Franks Ehe ist genau das passiert. Kann er die Liebe noch retten?

Eine Frau schaut frustriert, während sich der Mann mit dem Smartphone beschäftigt

Wenn man eine Ehe schleifen lässt, geht die Liebe eventuell verloren (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Peirano, 

ich schreibe Ihnen, weil ich verzweifelt bin bzw. Angst um unsere 5-köpfige Familie habe. Meine Frau und ich hatten vor drei Wochen einen heftigen Streit. Diesem Streit folgten einige Gespräche, in denen sich herauskristallisiert hat, dass wir uns wohl ziemlich weit voneinander entfernt haben.

Wahrscheinlich bzw. offensichtlich habe ich es mir zu einfach gemacht – sie hat eigentlich alles organisiert und geplant, ich habe mich im Haushalt eingebracht und gelegentlich mit um die Kinder gekümmert. Ich habe dieses System mit der Zeit als selbstverständlich angenommen. Es lief ja alles. 

Das war – ich hatte die letzten Wochen sehr viel Zeit zum Rekapitulieren – einfach nur egoistisch, zumal ich meiner Frau nie die Wertschätzung und den Dank entgegengebracht habe, den sie aufgrund dieses Familien-Managements verdient hätte. Zudem habe ich mich nicht (mehr) sonderlich für sie und ihre Probleme interessiert bzw. ihr dieses Gefühl gegeben, sodass sie sich andere Gesprächspartner gesucht hat. 

Aktuell versuche ich, die angesprochenen Punkte anzugehen. Das klappt – in meinen Augen – erstaunlich gut, auch wenn ich wohl alles auf einmal machen will. Unsere Kinder (7 Jahre + zweimal 3 Jahre) sind vernarrt in mich und ich ärgere mich wahnsinnig, was für ein Idiot ich eigentlich war. 

Sie aber fühlt sich wegen meines "Aktionismus" eingeengt bzw. nimmt mir mein Verhalten nicht wirklich ab. Sie glaubt, ich mache das nur, weil ich Angst habe. Ich will ihr aber zeigen, dass ich (wieder) für sie und die Kinder da bin – jetzt und in der Zukunft.

Sie selbst sagt, dass sie mich nicht rausschmeißen wird – das Haus gehört zu 50 Prozent ihr und zu 50 Prozent ihren Eltern, die mit im Haus (separat) wohnen – weil ich nichts gemacht habe. Sie sagt aber auch, dass ihr die Erfahrung des letzten Jahres – wo es besonders schlimm wurde – gezeigt hat, dass sie auch gut ohne mich klar kommt, sie mich eigentlich nicht braucht. 

Sie sagt aber auch, dass sie nicht weiß, wie es weitergehen soll. Aktuell möchte sie schauen, wie sich das tägliche Miteinander gestaltet, um dann – irgendwann – mal eine finale Entscheidung zu treffen. Dies würde auch eine von mir angesprochene Paartherapie betreffen. Aktuell blockt sie dieses Thema mit dem Hinweis "was soll die mir denn sagen, ich habe nichts falsch gemacht?" ab. 

Was meinen Sie? Wie kann ich sie überzeugen, dass mein aktuelles Verhalten keine Panik ist, sondern mein Beitrag, unsere Ehe zu retten? Glauben Sie, dass das überhaupt möglich ist? Ich liebe meine Frau noch immer. Ich merke es daran, wie oft ich an sie denken muss. 

Herzlichen Dank,

Frank B.

Lieber Frank B.,

Es hört sich so an, als wenn Sie in einer Zwickmühle sitzen. Was auch immer Sie machen, führt erst einmal nicht zu einer Besserung. Eine Kollegin von mir hat solche Situationen auch mal als "rechte Scheiße, linke Scheiße"- Situation benannt.

Wenn Sie sich weiterhin so verhalten wie im letzten Jahr und kaum Interesse an Ihrer Frau und den Kindern zeigen, ist Ihre Frau weiterhin verletzt und zeigt Ihnen die kalte Schulter. Das hilft also nichts zur Verbesserung der Lage.

Wenn Sie aber das Verhalten zeigen, dass Ihre Frau sich eigentlich von Ihnen wünscht, nämlich sich aktiv und interessiert in die Familie einzubringen, dann bringt Ihnen das jetzt auch nicht, weil Ihre Frau Ihnen die plötzliche Kehrtwende um 180 Grad nicht glauben kann. Dennoch ist es zweifelsohne der bessere Weg, weiterhin Interesse und Engagement zu zeigen.

Mir kommt es jedoch so vor, als wenn Ihre Frau erst einmal das Vertrauen in Sie verloren hat. Das erlebe ich übrigens bei vielen Partnerinnen und Partnern, die lange vergeblich um Zuneigung oder Mithilfe oder Suchtfreiheit gekämpft haben und es dann, oft nach einer Trennungsdrohung, plötzlich bekommen. Sie finden es nach der langen Durststrecke sehr schwer, daran zu glauben, dass sich etwas nachhaltig geändert hat und der Partner nun eingesehen hat, dass er etwas geben muss.

Und oft ist es so, dass der Partner, der so lange enttäuscht war und in der Beziehung ein Minusgeschäft gemacht hat (wie in Ihrem Fall Ihre Frau), dann, wenn er endlich aufhören kann zu kämpfen, eine Beziehungsbilanz zieht. Meistens merkt er oder sie dann, dass die eigenen Gefühle durch die vergeblichen Kämpfe nicht mehr spürbar sind. Das ist tragisch, aber nicht hoffnungslos.

Ihre Frau kommt mir sehr desillusioniert und ausgebrannt vor mit ihrer nüchternen Bilanz, dass sie ohne Sie sehr gut klar käme. Was mir an der ganzen Geschichte fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit Ihren eigenen Motiven. Warum eigentlich haben Sie die Beziehung und die Familie über einen langen Zeitraum schleifen lassen? Die Erklärung, dass Ihre Hilfe wohl nicht nötig gewesen sei, da alles lief, halte ich eine zu oberflächliche Betrachtung. Insbesondere da Sie 3-jährige (und vor einigen Jahren noch jüngere Zwillinge) haben, wird Ihre Frau vermutlich wie alle Zwillingsmütter am Rad gedreht haben.

Was ist innerlich in Ihnen vorgegangen, dass Sie Ihre Verantwortung für die Familie nicht wahrgenommen haben? Womit haben Sie sich statt dessen beschäftigt? Wie ist es Ihnen in der Zeit gegangen - haben auch Sie sich einsam gefühlt? Es wäre sehr wichtig, dass Sie Ihren eigenen Motiven auf den Grund gehen. Das kann sehr schmerzhaft sein, ist aber ein sehr wichtiger Schritt zu einer Verhaltensänderung und Persönlichkeitsentwicklung.

Ich denke, dass es bei emotionaler Entfremdung sehr wichtig ist, sich wieder füreinander zu öffnen und mitzubekommen, was in sich selbst und im Partner wirklich vorgeht. Oft geschieht das in einer Paartherapie – und deshalb denke ich schon, dass eine Paartherapie sehr wichtig wäre, wenn Sie sehen wollen, ob Ihre Beziehung zu retten ist. 

In der Paartherapie von Paaren in einer Krise geschieht oft folgendes: Ein Partner erzählt etwas Trauriges (z.B. dass er sich alleine oder vernachlässigt gefühlt hat) und der andere Partner reagiert nicht einfühlsam darauf. Vielleicht rechtfertigt er sich, während der Partner weint, oder er guckt teilnahmslos aus dem Fenster, oder versucht, die Aufmerksamkeit des Therapeuten auf sich und seine Verletzungen zu ziehen. 

Das sind deutliche Zeichen, dass die Beziehung gefährdet ist. Die Therapeutin wird dann auf die Traurigkeit des einen Partners hinweisen und versuchen, das Paar wieder in Kontakt zu bringen. Bei vielen Paaren gelingt das, wenn sie über eine gewisse Zeit den Raum hatten, ihre Verletzungen zeigen zu können und vom Partner Verständnis und Mitgefühl bekommen haben. Dann können die Wunden abheilen. 

In Ihrer Beziehung geht es sicher auch darum, die Anteile an der Krise zu klären – wie gesagt wäre es wichtig, dass Sie bei sich tiefer gucken. Eine tiefempfundene Entschuldigung kann da sehr helfen. Aber möglicherweise hat auch Ihre Frau einen Anteil, z.B. indem Sie Ihnen signalisiert hat, dass Sie auch ohne Sie klar kommt. 

Dennoch geht es in Paartherapien um weit mehr als die Verarbeitung von Verletzungen. Es werden auch Absprachen erarbeitet und getroffen, wie ein Paar die Aufgaben in der Kinderbetreuung, im Haushalt und im finanziellen Bereich aufteilt. Es geht darum, wie man Wünsche äußert (viele Menschen stehen sich da im Wege, indem sie Wünsche nicht formulieren oder sie fordernd oder vorwurfsvoll vortragen, so dass der Partner keine Lust hat, sie zu erfüllen.) Es geht darum, Lob und Anerkennung zu zeigen und sich zu überlegen, welche Form der Anerkennung beim Partner am besten ankommt.

Und es geht grundsätzlich darum, wieder mehr zusammen zu lachen, zärtlich zueinander zu sein, schöne Dinge zu unternehmen und entspannt miteinander zu reden.

Es wäre bestimmt ein erster positiver Schritt, wenn Sie gemeinsam zu einer Paartherapie gehen. Bei skeptischen Partnern hilft es oft, erst einmal nur eine einzige Stunde zum Schnuppern zu vereinbaren und dann weiterzusehen. 

Ich hoffe sehr, dass es Ihnen gelingt, die Verhärtungen wieder aufzuweichen und gemeinsam eine positive Perspektive zu entwickeln.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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