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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: In Beziehungen bin ich ein anderer Mensch - ist das normal?

Im Alltag ist Sonja offen, selbstbewusst und sagt, was sie denkt. In Beziehungen wird sie plötzlich zum unsicheren Mäuschen. Wie schafft sie es, ihre beiden völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten zusammenzubringen?

Eine blonde Frau schaut nachdenklich, im Hintergrund schläft ein unbekleideter Mann

Die Beziehungspersönlichkeit unterscheidet sich oft von der Alltagspersönlichkeit

Getty Images

Liebe Frau Peirano, 

manchmal habe ich das Gefühl, dass ich zwei Persönlichkeiten habe. Ich bin eine selbstbewusste 31-jährige Frau, die gerne ihre Meinung sagt und dabei manchmal wenig Rücksicht auf andere nimmt. Mir ist es oft wichtiger, meine Meinung zu vertreten, als anderen zu gefallen. 

In der Liebe ist es aber komplett anders - und ich verstehe nicht warum. Ich habe Verlustängste, die sich aber meist erst später in einer Beziehung entwickeln (je größer die Liebe, desto mehr Angst). Auch wenn ich jemanden kennenlerne, habe ich schnell Angst, zurückgewiesen zu werden. Ich ertrage es dann kaum, auf Nachrichten oder Antworten (z.B. bei Whatsapp) zu warten. Vor allem dann, wenn ich den Mann mag und mir auch mehr vorstellen könnte. 

Ich zweifle viel, ob die Person mich auch mag, will immer sofort wissen, woran ich bin, aber irgendwie auch nicht, denn es könnte ja sein, dass der Mann nicht so fühlt. Ich verbiege mich vollkommen, halte mich mit meiner Meinung oft zurück und lasse mir viel gefallen, um ja nicht diesem Mann zu missfallen. 

Warum? Außerhalb der "Liebe" bin ich nicht so, und später in einer Beziehung auch nicht. Sobald die Person sich komisch verhält, sich nicht meldet oder gefühlt kein Interesse zeigt, werde ich nahezu panisch und ängstlich, halte dieses Gefühl dann kaum noch aus. Was kann ich dagegen tun? Was sollte ich tun, wie könnte ich mein Verhalten ändern? 

Viele Grüße,
Sonja T.


Liebe Sonja T.,

Sie haben da eine sehr interessante Beobachtung gemacht, wenn Sie sagen, dass Sie sich im Alltag ganz anders verhalten als in Liebesbeziehungen. 

Ich habe mich intensiv mit den Unterschieden zwischen der Alltagspersönlichkeit und der Beziehungspersönlichkeit beschäftigt.

Wir Menschen unterscheiden uns in unserer Persönlichkeit voneinander, und meistens fallen diese Unterschied schon auf den ersten Blick auf. Zum Beispiel weiß man recht schnell, ob der Verkäufer im Laden freundlich und zuvorkommend ist, ob die Klassenlehrerin der Tochter konsequent und zuverlässig das durchführt, was sie angekündigt hat und ob die Chefin schnell aus der Haut fährt, wenn etwas nicht nach ihren Vorstellungen läuft.

Wissenschaftler haben diese Unterschiede in verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen erfasst und Modelle entwickeln, mit denen man z.B. durch Fragebögen oder Fremdeinschätzung einen Menschen recht gut beschreiben kann.

Ein Klassiker dieser Modelle, das Big Five-Modell, erfasst zum Beispiel die Merkmale 

  1. Extraversion (also in welchem Maße jemand im Kontakt mit anderen Menschen gesellig und unbefangen ist)
  2. Verträglichkeit (also wie freundlich, charmant und umgänglich jemand ist)
  3. Gewissenhaftigkeit (in welchem Maße jemand korrekt und zuverlässig ist und Regeln befolgt)
  4. Offenheit für Erfahrungen (inwieweit jemand aufgeschlossen ist, z.B. andere Kulturen kennen zu lernen, unbekanntes Essen zu probieren oder seinen Horizont zu erweitern) und
  5. Neurotizismus, das besagt, wie stabil oder labil dieser Mensch auf Reize, Probleme, Veränderungen und Konflikte reagiert.

Wie gesagt, die Alltagspersönlichkeit von Freunden, Kollegen und anderen Menschen in unserem Umfeld können wir oft schnell erkennen und gut beschreiben. Das Problem ist, dass die Alltagspersönlichkeit nicht unbedingt etwas darüber aussagen muss, wie wir uns in Liebesbeziehungen verhalten. Eine Bekannte von mir ist immer sehr höflich und verständnisvoll. Nur ihr Partner (und übrigens auch ihr Ex-Partner) kann ihr nichts recht machen. Er schneidet die Möhren falsch, setzt das Babymützchen 2 cm zu weit nach hinten, hat den falschen Tisch im Restaurant reserviert usw. Sie beklagt sich den ganzen Tag und verdirbt das Klima durch Diskussionen.

Es gibt auch krassere Beispiele, die man kaum glauben kann. Immer wieder kommen uns zum Beispiel Geschichten zu Ohren, in denen nach außen respektable und verantwortungsbewusste Familienväter Sex mit minderjährigen Prostituierten hatten. Obwohl sie eine Tochter zu Hause haben, um die sie sich liebevoll kümmern. 

Und oft höre ich, dass Menschen, die im Alltag selbstbewusst und zum Teil sogar dominant auftreten, sich in ihren Beziehungen unsicher fühlen und sich unterordnen.

Die Unterschiede zwischen der Beziehungspersönlichkeit und der Alltagspersönlichkeit haben damit zu tun, dass wir in Liebesbeziehungen Verhaltensweisen zeigen und Gefühle erleben, die wir in unserer Kindheit in sehr engen Beziehungen erlebt haben. Das Elternhaus ist sozusagen die Schule der Liebe. Wenn mein Vater ständig beruflich unterwegs war und dann, wenn er mal nach Hause kam, mich als kleines Mädchen um 21 Uhr aus dem Schlaf gerissen hat und wollte, dass ich auf Knopfdruck die niedliche, kluge Tochter spiele, dann ist es gut möglich, dass ich das in Liebesbeziehungen wiederhole. Ich suche mir unbewusst Männer, die nicht verfügbar sind, und versuche, die perfekte Partnerin zu sein, wenn er nach Hause kommt.

Wenn meine Mutter mich unterschwellig oder offen abgelehnt und kritisiert hat, habe ich später in Liebesbeziehungen Angst, verletzt zu werden. Ich fühle mich minderwertig, irgendwie "nicht richtig" und irgendwie Zu-ig. Das heißt: zu laut, zu emotional, zu schüchtern, zu dumm, zu was auch immer. Meistens liegt der Ursprung darin, dass eine nahestehende Person die eigenen Gefühle nicht verstanden und wertgeschätzt hat, sondern signalisierte, dass man falsch fühlt. ("Stell dich nicht so an." "Bist du immer noch nicht drüber hinweg? Wird langsam mal Zeit." "Wenn du mal nachdenken würdest, würdest du nicht…" "Deine Schwester hatte überhaupt keine Probleme in der Schule…"). Auch wenn Elternteile sich von einem Kind abwenden (durch psychische oder körperliche Krankheit, Tod, Überforderung, Beschäftigung mit einem problematischen Geschwisterkind, Trennung der Eltern), entstehen tiefliegende Verunsicherungen im Bindungsverhalten.

Ich denke, dass es sich für Sie lohnen würde, in Ihrer Kindheit nachzuschauen, welche Bindungserfahrungen Sie gemacht haben. War Ihre Mutter (Ihr Vater) liebevoll und zuverlässig für Sie da? Konnten Sie ihr/ihm vertrauen? Oder wurden Sie verletzt - und wenn ja, durch was?

Wie sind Ihre Eltern mit Ihren Gefühlen umgegangen? Welche Sätze haben Sie häufig gehört?

Wenn Sie in Ihrer Kindheit verunsichert worden sind, haben Sie die Wurzeln für ein unsicheres Bindungsverhalten erkannt. Sie scheinen sich einerseits Nähe zu wünschen und andererseits Angst davor zu haben, abgelehnt zu werden oder nicht zu genügen. Dadurch entsteht schnell ein Teufelskreis, denn je mehr Sie klammern, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Mann sich von Ihnen entfernt. Das kann daran liegen, dass Sie sich unbewusst und aufgrund Ihrer Bindungsängste Männer suchen, die sich nicht richtig einlassen können. Oder Sie verhalten sich angespannt und vielleicht sogar widersprüchlich, z.B. wenn Sie enttäuscht sind, dass der Mann sich zu spät gemeldet hat und Sie nicht wissen, ob Sie Ihren Ärger überspielen und cool tun sollen oder ob Sie ihm etwas sagen sollten. Eines ist sicher: Der Mann wird  Ihre Unsicherheit und Anspannung spüren und sich entweder schuldig oder eingeengt fühlen. Und wenn er sich entzieht, werden Sie noch unsicherer…

Ich würde Ihnen deshalb raten, sich mit den Bindungen in Ihrer Kindheit und Beziehungsverletzungen zu beschäftigen. Vielleicht können Sie erst einmal dazu einige Ratgeber lesen und dann entscheiden, ob Sie eine Therapie machen wollen?

Empfehlenswert wäre "Der geheime Code der Liebe" von mir und Sandra Konrad. In dem Buch geht es um die Beziehungspersönlichkeit, wie sie entsteht und wie sie sich zeigt. Und es geht darum, wer zu wem passt. Ebenso können Sie das Buch "Jein. Bindungsängste erkennen und bewältigen" von Stefanie Stahl lesen sowie den Nachfolger: "Vom Jein zum Ja! Bindungsangst verstehen und lösen." Wenn Ihnen die Bücher gefallen, könnten Sie ebenfalls von Stefanie Stahl das Buch: "Jeder ist beziehungsfähig. Der goldene Weg zwischen Freiheit und Nähe" lesen.

Ich hoffe, dass die Beschäftigung mit Ihrer eigenen Kindheit und Bindungsangst Ihnen hilft, entspannter zu werden und sich selbst besser anzunehmen. Die Selbstliebe und Selbstfürsorge ist sehr wichtig, um bei der Partnersuche und in Beziehungen gelassener und glücklicher zu sein.

Herzliche Grüße, Julia Peirano

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