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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein neuer Freund und ich kuscheln und küssen uns, aber Sex will er keinen

Kuscheln gehört zur Beziehung dazu - aber nicht nur (Symbolbild)
Kuscheln gehört zur Beziehung dazu - aber nicht nur (Symbolbild)
© Willie B. Thomas / Getty Images
Susan und ihr neuer Freund verstehen sich sehr gut. sehen sich oft und sind sehr zärtlich miteinander. Nur wenn aus der mehr werden soll, blockt er ab. Wie kann sie mit ihm darüber sprechen, woran das liegt?

Liebe Frau Peirano,

ich (32), habe nach langer Zeit des Single-Seins einen Mann (Philipp) kennen gelernt, mit dem ich mich super verstehe. Wir können uns gut unterhalten, finden uns körperlich anziehend und haben einen ähnlichen Hintergrund (kommen beide aus Bayern vom Land und leben in Berlin).

Wir kennen uns jetzt seit drei Monaten und verbringen viel Zeit miteinander, auch ganze Wochenenden. Jeden Tag sind wir in Kontakt und chatten, und wir sehen uns fast jeden zweiten Tag und übernachten auch beieinander.

Doch es gibt etwas, das mich wirklich irritiert: Wir haben bisher noch nicht miteinander geschlafen, nur gekuschelt und uns viel geküsst. Ich habe das Gefühl, dass er mich doch nicht so körperlich anziehen findet, wie er es sagt, denn er hat meistens keine richtige Erektion. Das verunsichert mich sehr. Ich habe ihm schon signalisiert, dass ich gerne mit ihm schlafen würde.

Er hatte vorher auf jeden Fall schon Freundinnen und kürzere Affären, und bisher macht er auch nicht den Eindruck, dass er sexuell gehemmt ist. Er läuft nackt vor mir herum und ist beim Küssen und Vorspiel einfühlsam. Nur nach dem Vorspiel gibt es kein Nachspiel, sondern er fragt dann irgendwann: "wollen wir schlafen?" Oder "wollen wir einen Film gucken?"

Ich bin wirklich verunsichert und traue mich nicht, es anzusprechen. Ich würde gerne wissen, woran es liegt, dass er nicht mir mir schlafen will.

Für eine Erklärung aus Ihrer Sicht, woran es liegt, dass er nicht mit mir schlafen will, oder für einen Rat wäre ich sehr dankbar!

Viele Grüße,

Susan T.

Liebe Susan T.,

Sie werden es wahrscheinlich nicht gerne hören, aber es gibt nicht nur ein Problem, sondern zwei Probleme mit Philipp.

Erstens: Er schläft nicht mit Ihnen, obwohl Sie es gerne möchten und es keinen verständlichen Grund gibt, der dagegen spricht. Zweitens: Er redet nicht mit Ihnen darüber, warum er nicht mit Ihnen schläft, sondern er tut so, als wäre nichts. 

Das zweite Problem halte ich für das eigentliche Problem, denn es löst bei Ihnen Selbstzweifel und Unsicherheit aus, mit denen Sie alleine bleiben. Partnerschaftlicher wäre es auf jeden Fall, wenn Philipp sich ein Herz fassen und mit Ihnen darüber sprechen würde, was ihn sexuell hemmt. Es ist sicher nicht einfach, am Beginn einer Beziehung über solch intime Themen zu sprechen, aber gleichzeitig ist es auch vertrauensbildend, miteinander zu sprechen und Probleme zu lösen, anstatt sie tot zu schweigen.

Die Situation lässt von außen eine Vermutung zu: Philipp schläft nicht mit Ihnen, weil er Probleme hat, eine Erektion zu bekommen. Es macht den Eindruck, als wenn er sich sehr dafür schämt und hofft, dass das Problem von alleine verschwindet. Doch eine Erektion zu bekommen, ist auch eine Kopfsache. Und je mehr ein Mann sich unter Druck setzt, desto weniger klappt es. Und wenn er mit Ihnen nicht darüber spricht, sondern sich dazu zwingt, endlich zu funktionieren, klappt es natürlich um so weniger. 

Nebenbei gesagt wäre das Problem wahrscheinlich gut lösbar. Für viele Männer mit Erektionsproblemen ist es hilfreich, zum Urologen zu gehen und den Ursachen auf den Grund zu gehen. Es können körperliche Probleme dahinter stecken (z.B. hormonelles Ungleichgewicht, aber auch Gefäßverengungen, Krankheiten der Leber und Niere uvm.). Wenn das Problem seelische Ursachen hat (Stress, Leistungsdruck, Schlafstörungen etc.), dann kann es helfen, (vorübergehend oder für einige Zeit) spezielle Medikamente einzunehmen, die Erektionen erzeugen. Dadurch kann der Teufelskreis durchbrochen werden, weil in vielen Fällen nach Tabletteneinnahme Sex möglich ist. Dadurch entsteht das Gefühl: "klappt doch" und der Mann kann sich entspannen, was nach einiger Zeit auch zu natürlichen Erektionen ohne Tabletten führen kann. Es wäre sinnvoll, wenn Philipp sich zumindest ärztlich beraten ließe.

Durch sein Verleugnen bringt er Sie in eine quälende Situation: Wenn Sie sich trauen, das Thema einfach anzusprechen und zu benennen, überschreiten Sie eine Grenze, die er Ihnen nonverbal gesetzt hat (wir reden nicht über meine Erektionsprobleme). Wenn Sie zusätzlich noch zeigen, wie traurig und enttäuscht Sie sind und wie gerne Sie mit ihm schlafen wollen, erhöhen Sie den Druck in seinem Kopf noch und riskieren, dass es für ihn noch schwieriger wird.

J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Mein neuer Freund und ich kuscheln und küssen uns, aber Sex will er keinen

Auf der anderen Seite ist es für Ihre Stimmung nicht gut, das Thema weiter zu umgehen. Deshalb schlage ich Ihnen vor, mit Philipp ein Gespräch über die Themen "offene Kommunikation, sich anvertrauen, Probleme gemeinsam lösen" zu führen, ohne direkt auf das Thema Sexualität einzugehen. Sie können ja sagen, dass Sie sich für eine Partnerschaft wünschen, dass man sich traut, Dinge anzusprechen, die einen verunsichern. Sie können ihn ja fragen, wie er das sieht. Sie können vielleicht indirekt noch eine Geschichte von Bekannten (die zur Not auch erfunden sein dürfen) einfließen, die gar nicht offen miteinander reden und ihre Gefühle voreinander verschweigen. Und die sich vielleicht deswegen auch getrennt haben…  Oder sie erzählen von einem Paar, das sehr offen miteinander ist…  Oft hilft indirekte Kommunikation ganz gut, um Dinge anzusprechen, die direkt nicht zu klären sind.

Wahrscheinlich wird ihm durch das Gespräch schon deutlich, was in Ihrer frischen Beziehung verschwiegen wird. Und indirekt bieten Sie ihm an: Du kannst mit mir über alles reden.

Noch eine Frage: Neigen Sie eigentlich dazu, oft die Verantwortung und die Schuld bei sich selbst zu suchen, auch wenn Sie damit nichts zu tun haben? Es klingt so, weil Sie sich fragen, ob er Sie nicht anziehend findet, anstatt zu erkennen, dass Philipp hier problematische Themen hat.

Ich hoffe sehr, dass Sie miteinander ins Gespräch kommen.

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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