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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Mein Partner ist pornosüchtig und betrügt mich - ich drehe durch

Pornosucht belastet das Leben - und die Partnerschaft (Symbolbild)
Pornosucht belastet das Leben - und die Partnerschaft (Symbolbild)
© Marcos Calvo / Getty Images
Stundenlang schließt sich Alexandras Freund Peter ein, um sich zu Pornos selbst zu befriedigen. Ihre Partnerschaft leidet darunter. Gibt es noch Hoffnung?

Sehr geehrte Frau Dr. Peirano,

mein Freund (Peter) hat eine Sexsucht. Er sitzt, wenn ich nicht da bin, stundenlang vorm PC um sich selbst zu befriedigen. Er hat kaum Lust auf normalen Sex mit mir. Er hat mich auch schon betrogen, wodurch ich auf die ganze Misere draufgekommen bin.

Er gab mir ein Trackertool, damit ich sehe, wo er ist. Und damit startete bei mir eine Kontrollspirale, die alles andere als normal ist. Ich sehe das alles und trotzdem kann ich nicht loslassen.

Er hat vor kurzem eine Therapie begonnen, wahrscheinlich weil ich ihn gedrängt habe. Es hat sich noch nichts verändert, und ihm geht es ja gut mit dem Dopamin-Ausstoß.

Meine Frage ist: Kann er überhaupt aus so einer Sucht aussteigen? Er ist 59 und macht es seit Jahrzehnten. Mir kommt es so vor, als wenn er irgendwie nicht die volle Einsicht hat.

Und dass er dann wirklich fremd geht ist die ständige Sense über meinem Kopf. Ich lebe nur mehr unter Spannung und Angst. Jetzt muss er für fünf Tage nach Spanien beruflich und ich erlebe Alpträume. Ich kann mir denken, was dort passiert.

Er sagt, da werde nichts passieren, aber durch diese Sucht ist er auch ein notorischer Lügner und ich glaube ihm nichts mehr. Ich weiss nicht, was mich festhält, ich fühle mich schon lange nicht mehr begehrt und glücklich bin ich auch nicht. Dennoch habe ich Angst, loszulassen…

Können Sie mir bitte sagen, ob es irgendeine Chance auf Heilung dieser Sucht gibt oder ist es ein verzweifeltes Hoffen meinerseits?

Ich danke Ihnen.

Liebe Grüße

Alexandra T.

Liebe Alexandra T.,

als ich Ihre Zeilen gelesen habe, wurde mir die leidvolle Situation, in der Sie stecken, ganz deutlich. Sie erzählen nichts über sich und Ihr eigenes Leben, sondern in den wenigen Zeilen wird ganz deutlich, wie sehr Sie um Ihren Partner und dessen Sucht kreisen. Spannung, Angst, Alpräume, Verlustangst, Verzweiflung, Enttäuschung, Kontrolle - das bringt es wahrscheinlich auf den Punkt.

Ich kenne Ihren Partner nicht, und bezeichnenderweise ist er auch nicht derjenige, der mir schreibt, um herauszufinden, wie seine Chancen auf eine Heilung stehen. Insofern kann ich Ihnen natürlich nur ein paar allgemeine Erfahrungen mitteilen. Sucht ist ein sehr hartnäckiges Störungsbild. Suchtkranke brauchen oft sehr lange, um zu erkennen und zu akzeptieren, dass Sie ein Problem haben. Wenn die Sucht sehr viele Nachteile hat (wie z.B. bei einer Alkoholsucht gesundheitliche Probleme, Führerscheinentzug, möglicherweise Verlust des Arbeitsplatzes), dann wird es irgendwann unbequem für den Betroffenen, und wenn er oder sie mit dem Rücken zur Wand steht, kann (aber muss nicht) eine Krankheitseinsicht entstehen.

Das wird bei Ihrem Partner wahrscheinlich nicht der Fall sein. Er kann sich einreden, dass sein Bedürfnis nach intensivem Pornokonsum normal ist, dass er sexuelle Abwechslung braucht und möglicherweise kann er das mit einem starken (und in seinen Augen männlichen) Sexualtrieb erklären.

Sie schreiben, dass Ihr Partner seit Jahrzehnten sexsüchtig ist. Eine Sucht entsteht, wenn jemand starke unangenehme Gefühle hat (wie Langeweile, Einsamkeit, Unsicherheit, Schuldgefühle) und nicht in der Lage ist, sich mit diesen Gefühlen auf eine gesunde Art auseinander zu setzen.

Therapeut*innen sprechen von Dirty Pain, wenn jemand zum Suchtmittel greift, anstatt sich mit seinen Gefühlen auseinander zu setzen.

Clean Pain würde hingegen bedeuten, dass man seine Gefühle wahrnimmt und darüber spricht oder Tagebuch schreibt, sich auch mal ausweint, oder sich auf ein Ziel konzentriert (z.B. für einen Halbmarathon trainieren; seine Wohnung renovieren), sich ab und zu bewusst ablenkt (z.B. eine Serie guckt, Karten spielt) und gesunde Selbstfürsorge betreibt (auf seine Bedürfnisse hört, einen ausgewogenen Tagesablauf hat, Urlaub macht usw.).

Es ist sehr komplex, mit seinen Gefühlen angemessen umzugehen und erfordert viel Aufmerksamkeit und Mühe. Immer wieder muss man überlegen: "Was mache ich jetzt mit meiner Wut? Suche ich ein Gespräch und bringt das was? Oder gehe ich lieber joggen und schüttele dabei die Wut ab?"

Oder: "Welche Menschen tun mir gut, und welche nutzen mich aus?"

Oder: "Was gibt meinem Leben wirklich einen Sinn?"

Wer über Jahrzehnte zum Suchtmittel greift, anstatt seinen Clean-Pain-Werkzeugkasten zu verfeinern, wird extrem heftige unangenehme Gefühle empfinden, wenn man ihm das Suchtmittel wegnimmt. Und er oder sie wird alles tun, damit das niemals geschieht. Wenn man die Ursachen wie eine problematische Lebensgeschichte und den nicht gefüllten Clean-Pain-Werkzeugkasten nicht bearbeitet, kann der Entzug des Suchtmittels sogar einen psychischen Zusammenbruch auslösen. Oder jemand vermeidet das und greift einfach zu einem anderen Suchtmittel.

Ein Patient von mir wollte sein Alkoholproblem in den Griff kriegen - was (zu meiner Freude) auch gut klappte - und gestand mir dann (zu meinem Erschrecken), dass er stattdessen seit Monaten Kokain nahm.

Eine Patientin hörte auf, zwanghaft zu essen und zu erbrechen, aber entwickelte einen Putzzwang.

Aus meiner Sicht betrifft alles, was ich geschrieben habe, nicht nur Ihren Partner, sondern auch Sie. Das ist wahrscheinlich nicht das, was Sie sich erhofft haben. Aber ich habe den Eindruck, dass Peter um seinen Pornokonsum kreist und nach Sexgelegenheiten sucht - und dass Sie in genau dem gleichen Maße um Peter kreisen und sich überlegen, wie Sie ihn "wieder hinkriegen" können. Die Sucht, unter der Sie vermutlich leiden, heißt Co-Abhängigkeit.

Kann es sein, dass Sie in Ihrer Lebensgeschichte versucht haben, einen wichtigen Menschen (Mutter/Vater/Großeltern/Schwester/Bruder) vor einer Sucht zu bewahren oder drehte sich in Ihrer Familie alles um die Sucht eines Angehörigen? Es wäre sehr wichtig, dass Sie sich mit Ihrer Rolle in Ihrer Ursprungsfamilie auseinander setzen. Kann es sein, dass auch Ihr Clean-Pain-Werkzeugskasten nicht richtig gefüllt ist und Sie oft nicht wissen, was Sie mit sich und Ihrem Leben anfangen sollen?

Ich würde Ihnen empfehlen, sich mal in das Thema einzulesen:

Eine professionelle Begleitung (Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Therapie und/oder eine Selbsthilfegruppe) kann ich Ihnen wärmstens empfehlen, damit Sie Unterstützung haben und verstehen, was mit Ihnen los ist.

Ein erster Schritt wäre es, immer dann, wenn Sie etwas über Peter sagen oder denken, den Gedanken umzudrehen und auf sich zu beziehen.

Statt: "Mit wem wird Peter in Spanien wohl Sex haben?" Können Sie sich fragen: "Will ich einen Partner, dem ich nicht vertrauen kann?" Oder: "Was will ich mit der Zeit anfangen, in der Peter im Urlaub ist?"

Statt "Wird er es schaffen, sich aus seiner Sexsucht zu befreien?" wäre der Gedanke "Werde ich es schaffen, mich aus meiner Co-Abhängigkeit von Peter zu befreien?"

Statt: "Wieso sitzt er stundenlang am Computer und guckt Pornos?" hieße es "Warum grübele ich stundenlang darüber nach oder kontrolliere, was Peter macht? Und was wäre, wenn ich es nicht mehr machen würde? Was würde ich dann mit meiner Zeit/meinem Leben anfangen?"

Ich hoffe, dass Sie hier ein paar Ansätze haben, um sich mit sich zu beschäftigen und hoffentlich in Ihrem Denken und Handeln freier zu werden. Das wird wahrscheinlich auch viel Zeit und Mühe brauchen, aber denken Sie immer daran, dass das Problem schon lange besteht. Und Veränderungen kommen nicht von heute auf morgen.

Herzliche Grüße

Julia Peirano

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