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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine beste Freundin betrügt ihren Mann, sich selbst und mich

Eigentlich freute sich Diana auf den Mädelstrip mit Freundin Christine. Doch die nutzt ihn nur als Ausrede, um Zeit mit ihrem Lover zu verbringen. Diana erkennt ihre Freundin kaum wieder - und auch Christines Ehemann und die Kinder tun ihr leid.

Fremdgehen betrifft nicht nur die beteiligten Personen (Symbolbild)

Fremdgehen betrifft nicht nur die beteiligten Personen (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

ich (Lehrerin, 49) mache mir große Sorgen um meine Christine, meine beste Freundin (Zahnärztin, 47). Wir haben uns vor 6 Jahren bei einer internationalen Tanzveranstaltung kennengelernt und waren gleich auf einer Wellenlänge. Sie wohnt in Brüssel, ich in München. Wir haben uns dann zwei- bis dreimal im Jahr verabredet, unsere Familien gegenseitig besucht oder uns auf Tanzfestivals (überwiegend Salsa) getroffen und uns ein schönes Freundinnen-Wochenende gemacht.

Meistens haben wir die jeweilige Stadt besichtigt, waren schön essen, haben uns über Gott und die Welt ausgetauscht, uns mit den Freunden unterhalten, die wir dort kennen gelernt haben. Es war sehr lebendig und international. Und wir haben immer viel gelacht. An unseren Wochenenden gab es Sonntags morgens das Ritual, dass wir uns nach dem Frühstück gegenseitig die durchtanzten Füße und Beine massiert haben. Wir hatten keine Geheimnisse voreinander. Beste Freundinnen halt, und sowas findet man selten.

Vor einem halben Jahr hat sie mir erzählt, dass es in ihrer Ehe kriselt. Sie liebt ihren Mann nicht mehr, sehnt sich nach Liebe und gutem Sex, hat aber Angst, ihre Familie zu zerstören. Sie hat zwei Kinder (12 und 14). Allerdings war ich immer schon überrascht, dass sie bei ihren Kindern hauptsächlich auf die schulischen und sportlichen Leistungen geachtet hat und wenig persönlich oder liebevoll mit ihnen war. Auch mit ihrem Mann hatte sie irgendwie keinen richtigen Draht und keine Gespräche. Die beiden waren sehr förmlich zueinander.

Ich habe ihr geraten, mit ihrem Mann zu reden und mit ihm einen Weg zu finden. Das hat sie auch gemacht. Dann lernte sie einen anderen Mann kennen, der in Schweden wohnt. Sie hat eine Affäre mit ihm begonnen und mir am Anfang viel darüber erzählt. Da war sie noch die alte Christine, wenn auch mit einem Eheproblem und einer Affäre, was ich nicht richtig gut fand, aber irgendwie auch verstehen konnte. Sie war einfach ausgehungert nach Zärtlichkeit. 

Ich habe mir unendlich viel Zeit genommen, mit ihr am Telefon darüber zu sprechen und nach dem besten Weg zu suchen. Ich habe immer wieder gesagt, sie soll die Sache mit ihrem Mann freundschaftlich klären und die Affäre möglichst beenden.

Und vor einem Monat ist sie aus meiner Sicht völlig durchgedreht. Sie dreht sich nur noch um die Affäre, hat ihrem Mann wohl sehr harte Dinge an den Kopf geworfen. Er ist ein sehr lieber Mann, wenn auch nicht besonders feurig und erotisch, aber das hat er wirklich nicht verdient. Und dann hat sie mich auch noch vor den Kopf gestoßen. Wir waren seit einem halben Jahr verabredet, um ein Tanzfestival gemeinsam zu besuchen. Wir haben uns seit einem halben Jahr nicht gesehen, nur viel telefoniert, und bis vor kurzem haben wir uns gemeinsam darauf gefreut. Und gleich nach dem Wiedersehen sagt sie mir, dass sie ihren Liebhaber auch dort trifft und mit ihm ein Zimmer teilt. Sie ist nach einer Stunde losgefahren, um ihn vom Flughafen abzuholen.

Mir blieb der Mund offen stehen von dieser Ohrfeige. Ich habe ihr gesagt, dass ich mich sehr vernachlässigt fühle, woraufhin sie mir ein paar Brocken Zeit anbot, die aus meiner Sicht unrealistisch klangen. Sie sagte, es sei doch alles spontan, und sie hätte nicht geahnt, dass mein Glück von ihr abhängt. Dabei hatten wir immer wieder betont, wie schön ein Festival gemeinsam als Freundinnen ist. Ich habe sie dann ziehen lassen und bin alleine durch die italienische Stadt gelaufen, habe einen Abend gebraucht, um mich zu fangen. Zum Glück wurde das Wochenende dank einiger anderer Freundinnen schön, die zufällig dort waren. Aber Christine saß bei ihrem Liebhaber, wirkte wie ein Schatten ihrer selbst, und zwischen uns war eine große, unüberwindbare Mauer. Wir haben zwar etwas Smalltalk gemacht, aber es wurde immer distanzierter. Bei meiner Abreise haben wir ÜBER DAS WETTER geredet. Sehr traurig und seltsam.

Ich überlege nun, ob ich irgend etwas tun kann, um sie wachzurütteln. Es geht ja nicht nur um unsere Freundschaft, sondern um ihre Familie. Ich bin vielleicht das erste Bauernopfer, das kann sie noch verkraften, aber ihre Kinder tun mir wirklich leid. Und sie hält so an ihrem Liebhaber fest, dabei habe ich den Eindruck, dass er schon auf dem Absprung steht. Ich habe gesehen, wie er mit anderen Frauen geflirtet hat. Ihr hat er gleich am Anfang gesagt: "Lass uns schauen, wo das hinführt." Das klingt nicht gerade nach Verliebtheit, und er wirkte auch nicht so. Sie hat aber an ihm geklammert, und ich erinnere mich daran, dass sie nie Single war, sondern immer einen Mann verlassen hat, wenn sie schon jemanden anders hatte.

Soll ich noch einmal auf sie zugehen oder hat es keinen Sinn?

Viele Grüße, Diana M.

Liebe Diana M.,

Ich kann verstehen, dass Sie besorgt und traurig sind. Es ist wirklich nicht schön, wie diese Frauenfreundschaft geendet ist. Ihre Freundin hat Ihnen gegenüber keinen Respekt und keine Zuneigung gezeigt, und ich kann mir vorstellen, dass sich das anfühlt wie eine Ohrfeige. Insbesondere nach all der Mühe, die Sie investiert haben, um Ihrer Freundin zu helfen und sie zu beraten. Spüren Sie eigentlich Wut darüber, wie Christine Sie behandelt hat? Es wäre in der Situation auf jeden Fall verständlich und auch angemessen! 

Ihre Freundin wirkt so, als wenn Sie sich selbst verloren hat. Möglicherweise liegt das Problem viel tiefer bei ihr als "nur" in einer Liebeskrise. Es scheint so zu sein, als wenn sie sich selbst nie so wirklich gefunden hat und bisher immer nur funktioniert hat im Leben. Sie hat zu ihren Kindern und ihrem Mann anscheinend kein wirklich persönliches, vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut, sondern immer nur in ihrer Rolle als Frau und Mutter agiert, ohne sich zu spüren. Und anscheinend hat sie auch Ihnen gegenüber eher die Freundin gespielt, anstatt eine tiefe Bindung aufzubauen.

Zu der tiefen Verunsicherung Ihrer Freundin gehört auch, dass Sie anscheinend nicht alleine sein kann, sondern einen Mann nur dann verlassen kann, wenn sie einen anderen sicher hat. Und ich kann mir vorstellen, dass genau hier die Krise begründet ist, in der sich Christine befindet. Sie versucht mit aller Kraft, zu ihrem Liebhaber eine tragfähige Beziehung aufzubauen, um ihren Mann zu verlassen. Aber der Liebhaber macht keine Anstalten, die Beziehung zu festigen. Er nimmt sich, was sie ihm anbietet, aber er bemüht sich nicht um sie.

Deshalb kann Ihre Freundin, in ihrer eigenen Beziehungsdynamik, ihren Mann nicht verlassen, sondern sie dreht quasi durch, weil sie sich festgefahren hat. Genau wie ein Auto, das im Schlamm oder Treibsand feststeckt und dessen Räder immer schneller drehen, ohne sich auch nur einen Millimeter fortzubewegen. Das alles absorbiert sie so sehr, dass sie keinen Blick und keinen Funken Mitgefühl für Sie hat. Sie bemerkt gerade auch nicht, was sie verspielt.

Ich kann übrigens gut verstehen, dass Sie sich distanziert haben. Es wäre für Sie eine Zerreißprobe, Ihrer Freundin und deren Liebhaber zu begegnen und sich mit den beiden zu unterhalten, als wäre alles in Ordnung. Sie kennen Christines Kinder und ihren Mann, also fühlen Sie sich auch als Freundin der Familie. Es bringt Sie in eine unmögliche Situation, die Affäre zu billigen und so zu tun, als wäre Christine bereits frei und könnte eine neue Partnerschaft aufbauen. Da Christine Sie und ihren Mann gleichzeitig vor den Kopf stößt, kann es zudem gut sein, dass Sie Solidarität mit ihrem Mann empfinden und seine Verletzungen gut nachfühlen können. Das sorgt für zusätzliche innere Konflikte in Ihnen.

Außerdem fühlen Sie sich in Ihrem Rat entwertet, auch das ist verständlich. Sie haben viel Energie darein gesetzt, die Situation zu retten und Christine dazu zu bringen, dass sie Verantwortung übernimmt. Und sie macht genau das Gegenteil: Trifft sich heimlich mit ihrem Liebhaber, erzählt ihrem Mann nichts davon und setzt den Liebhaber als Priorität Nummer eins. Um sich das böse Ende für diese Familie vorzustellen, braucht man wirklich nicht viel Phantasie. Wenn Christines Mann von dem Betrug erfährt, wird es wahrscheinlich keine friedliche Trennung geben, sondern einen Kampf. 

Sie fragen mich, ob Sie noch etwas tun können, um Ihre Freundin wachzurütteln. Ich befürchte, dass sie dafür derzeit nicht offen ist. Sie kämpft auf ihre eigene Art und erkennt nicht, was um sie herum geschieht. Und Ihre Beratung ist ja auch nicht auf einen fruchtbaren Boden gefallen.

Deshalb wäre mein Rat, dass Sie sich weiterhin zurückziehen und zumindest eine Pause einlegen. Falls Christine irgendwann reuevoll auf Sie zukommt, können Sie immer noch entscheiden, ob Sie die Freundschaft fortsetzen können und wollen. Das wird aber auch davon abhängen, wie verantwortungsvoll sie die Situation in ihrer Familie löst und wie sie mit anderen umgeht. Denn das, was sie derzeit macht, ist für Ihr Wertesystem nicht akzeptabel.

Herzliche Grüße, Julia Peirano

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