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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Meine Frau ist durch eine Affäre sehr kopflos geworden – die kleinen Kinder und ich leiden darunter

Eine Affäre belastet fast jede Beziehung (Symbolbild)
Eine Affäre belastet fast jede Beziehung (Symbolbild)
© Motortion / Getty Images
Seit einigen Monaten hat Volkers Frau eine Affäre mit einem anderen Mann - und weigert sich, die zu beenden. Soll er sich trotzdem auf die von ihr vorgeschlagene Paartherapie einlassen?

Liebe Frau Peirano,

mit meiner Frau bin ich nun elf Jahre verheiratet, wir haben zwei Kinder im Kindergartenalter. Seit einem halben Jahr hat meine Frau eine Affäre mit einem anderen Mann.

Er ist der Typ "einsamer Wolf" mit Hauptberuf Türsteher und nimmt diese Affäre gerne mit. Ich hingegen habe einen gut bezahlten Job, bin Familienmensch und habe gute Freunde. Erst war es nur Sex zwischen den beiden. Sie hat mir die Affäre nach dem zweiten Treffen mit ihm gestanden, aber gleich betont, dass sie das mit ihm nicht beenden wird. Der Sex mit ihm wäre so toll, und das habe ihr in unserer Liebesbeziehung gefehlt.

Doch die Beziehung meiner Frau zu dem anderen Mann hat sich nach zwei Monaten verändert. Meine Frau hatte einen Nervenzusammenbruch. Danach hat sie mit ihm nur noch telefoniert, kein Sex. Seit dieser Zeit betrachtet sie ihn als guten Freund, mit dem sie über alles reden kann. Mir teilte sie mit, dass sie mich liebt, aber sie gerne mit ihm wieder Sex haben möchte. Aus Rücksicht ihres labilen Zustandes habe ich dem erstmal kein Kontra gesetzt.

Nach vier Wochen, in denen meine Frau und ich uns wieder sehr nahegekommen waren (auch mit mehr Sex) und sie auch stabiler war, sagte sie mir, dass sie kaum noch Kontakt zu ihm habe und es bald mit ihm vorüber sei. Ich hätte gewonnen.

Eine Woche später hat sie sich heimlich mit ihm getroffen. Aus ihrer Sicht um sich selbst zu beweisen, dass sie ihn loslassen kann. Leider ist genau das Gegenteil passiert. Sie wolle mit ihm wieder Sex haben und sie sähe nicht, dass das unsere Ehe zerstöre. Sie liebe nur mich, ich wäre ihr Seelenpartner. 

Daraufhin habe ich ihr meinen Ehering gegeben mit der Bitte, ihn mir wiederzugeben, wenn sie dem anderen Mann Lebewohl gesagt hätte.

Sie hat nun eine Paartherapie organisiert. Auf meine Nachfrage nach dem Grund gab sie zu, dass sie weiterhin mit ihm in Kontakt bleiben möchte, da er ihr einziger richtiger Freund sei. Der Sex mit ihm wäre ein Grundbedürfnis und das dürfe ich nicht verurteilen. Sie wäre jetzt so und ich müsse das akzeptieren. 

Was soll ich tun?

Für mich kommt eine Paartherapie und ein "Gesunden" unserer Beziehung erst in Frage, wenn die Affäre endgültig beendet ist. Soll ich "hart" bleiben? Oder lasse ich mich nochmal auf einen Reparaturversuch unserer Beziehung ein, obwohl sie von mir möchte, dass ich mit ganzem Herzen an der Beziehung zu ihr arbeite, während sie einen Teil ihres Herzens an einen anderen Mann schenkt?  

Ich freue mich auf ihre Antwort.  

Mit freundlichen Grüßen

Volker Z.

Lieber Volker Z.,

das ist ja eine richtig belastende Situation, in der Sie da gerade stecken! So wie es sich anhört, ist nicht nur Ihre Ehe bedroht, sondern auch Ihre Frau psychisch äußerst labil. Und ich kann mir vorstellen, dass Sie gerade mit der Versorgung der noch kleinen Kinder und dem Zusammenhalten der Familie sehr überfordert sind!

Haben Sie Hilfe? Gibt es jemanden, der einspringen kann im Alltag und den Kindern unbelastete Unterstützung geben kann? Das wäre sicher sehr hilfreich, zur Not auch bezahlte Hilfe, damit die Kinder und Sie entlastet sind (organisatorisch und auch seelisch).

Es klingt für mich so, als wenn das Problem Ihrer Frau etwas weiter geht als "nur" die Affäre mit dem anderen Mann. Sie beschreiben leider nicht, wie Ihre Frau vor der Affäre war. Haben Sie den Eindruck, dass sie sich in den letzten sechs Monaten auch in ihrer Persönlichkeit und ihrem Verhalten verändert hat und quasi nicht wieder zu erkennen ist? Oder war Ihre Frau schon immer sprunghaft, wenig verlässlich und auf die Erfüllung ihrer eigenen Bedürfnisse bedacht? 

Wie denkt Ihre Frau darüber, die Familie und die Ehe zu erhalten, um die Kinder zu schützen? Aus meiner Erfahrung reflektiert man solch eine Entscheidung sehr viel sorgfältiger und behutsamer, wenn die Kinder noch so klein sind und die Beziehung zum Partner - wie in Ihrem Fall - nicht komplett zerrüttet ist. Ich vermisse gerade im Verhalten Ihrer Frau mehr Reflexion und Vorsicht dabei, was sie mit Ihrer Affäre anrichten (und zerstören) kann.

Wenn Ihre Frau sich sehr tiefgreifend verändert hat, liegt möglicherweise eine psychische Erkrankung vor. Ich darf und will natürlich keine Ferndiagnosen stellen, aber denkbar wäre z.B. eine manische Episode  (mehr erfahren Sie hier), die nicht nur das Denken und die Risikoabwägung, sondern auch das Sexualverhalten komplett verändern kann. Wurde Ihre Frau bereits diagnostisch abgeklärt und wäre sie bereit dazu?  Das wäre aus mein Sicht ein erster Schritt, um Klarheit zu bekommen. Im Falle einer Manie bräuchte Ihre Frau wahrscheinlich auch Psychopharmaka.

Das Vorgehen wäre aus meiner Sicht ein anderes, wenn Ihre Frau eine psychische Erkrankung hat. Dann wäre es wichtig, dass Sie sich zu einer (möglicherweise zuerst stationären, dann ambulanten) Therapie bereit erklärt, um sich und die Familie zu stabilisieren. Wahrscheinlich (und hoffentlich) würde im Rahmen einer Therapie schnell klar, dass die Affäre eher ein Symptom der psychischen Erkrankung ist, und möglicherweise würden Sie als Partner auch zu Gesprächen dazu gebeten und könnten auf ein Ende der Affäre dringen und die Konsequenzen aufzeigen, falls das nicht passiert.

Eine Ehe oder Beziehung basiert auf Vertrauen und auf gemeinsamen Absprachen. Man kann in keiner Beziehung einfach einseitig die Absprachen verändern, zum Beispiel einfach dem Vermieter grundlos nur die halbe Miete überweisen, die doppelte Arbeitszeit von einem Mitarbeiter zum gleichen Gehalt fordern. Und ebenso wenig kann man einfach eine exklusive Beziehung ohne Einverständnis des Partners öffnen. Wenn so etwas passieren soll, sind meistens langanhaltende Gespräche nötig, BEVOR man eine Außenbeziehung hat (und nur, wenn sich beide darauf einigen können!).

Wenn Ihre Frau keine psychische Erkrankung hat, also für ihr Verhalten komplett verantwortlich ist, dann wäre es meine Empfehlung, dass Sie, wie Sie schreiben, "hart bleiben", bis die Affäre glaubhaft beendet ist.

Denn Ihre Frau befindet sich in der für Affären typischen Ambivalenz-Schaukel: Ist sie bei Ihnen, vermisst sie den anderen Mann und geht zu ihm. Ist sie bei dem anderen Mann, vermisst sie Sie und die Familie. Und so schaukelt es hin und her - solange man das kann, weil alle mitmachen. Das kann jahrelang dauern, wenn Sie Pech haben. Und in diesen Jahren wird in der Regel jeder zermürbt (Ich denke da auch an die Kinder und an Sie als Familienbewahrer…). Also könnten klare Verhältnisse Sie schützen, indem Sie, wie schon geschehen, Ihrer Frau den Ehering zurück geben und mit ihr eine Beziehung auf der Elternebene führen und diese dann auch in der Paartherapie planen.

Auf der Elternebene sind dann ja auch viele Themen zu klären: Wer hat wann die Kinder, machen Sie ggf. mal etwas zusammen mit den Kindern (Stichwort: Familienfeste, Kindergeburtstage) oder geht jeder seinen Weg? Wer wohnt weiterhin zu Hause, wer zieht aus?  Damit es möglichst wenige Kollateralschaden gibt, wäre es meine Empfehlung, diese Themen auf der Elternebene bei einer Therapeutin/einem Therapeuten zu klären und erst wieder für Gespräche auf der Paarebene bereit zu sein, wenn die Affäre beendet ist. Falls das dann überhaupt noch anliegt. Nur so bringen Sie die Schaukel zum Stillstand. Denn wenn eine Option (die Beziehung mit Ihnen) glaubhaft und längerfristig aus dem Spiel ist, dreht sich die Schaukel schnell um sich selbst. 

Ich bestärke Ihre Befürchtung, dass die Paartherapie, wenn es auf der Paarebene um die Zukunft Ihrer Liebesbeziehung geht, derzeit nichts bringen wird. Aus meiner Erfahrung wäre es ein verlockendes Szenario für Ihre Frau, die Paartherapie zum Schein und als Alibi (Ich kümmere mich doch um eine Klärung) zu führen, um Zeit zu gewinnen. Meistens wollen Menschen auf der Schaukel Zeit: Dann müssen Sie sich nicht entscheiden, sondern können links und rechts alles austarieren und sich ständig umentscheiden (Wobei man nur von Schein-Entscheidungen sprechen kann, denn sie halten ja nicht lange). Und nebenbei schaukelt man auf der Ambivalenzschaukel zwischen dem einen und dem anderen Mann hin und her, alle werden zermürbt, und die Therapie führt zu nichts, weil sie durch die unsichtbare Parallelbeziehung gestört wird. Aus meiner Sicht sollten Sie sich nicht darauf einlassen, auch wenn einige TherapeutInnen dieses Setting anbieten.

Ich hoffe, das gibt Ihnen etwas Orientierung. 

Herzliche Grüße

Julia Peirano


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