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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe Meine Freundin stellt mich und meine Eifersucht vor eine Zerreißprobe

Fabians Freundin geht sehr gerne feiern - aber bleibt es dabei? (Symbolbild)
Fabians Freundin geht sehr gerne feiern - aber bleibt es dabei? (Symbolbild)
© bernardbodo / Getty Images
Eigentlich läuft es sehr gut zwischen Fabian und seiner Freundin. Doch durch ihren Partyhunger treibt sie ihn an die Grenze. Wer weiß, was unter Drogen noch passiert?

Hallo Frau Peirano,

ich (34) habe vor acht Monaten eine Frau bei Tinder kennengelernt. Sie kam gleich beim ersten Date zu mir nach Hause und wir hatten am ersten Abend Sex.

Daraus wurde dann von beiden Seiten aus schnell mehr. Sie ist optisch gesehen schon meine Traumfrau, sexuell stimmte es total und wir konnten uns gut unterhalten. Ich habe sehr intensive Gefühle für sie. Sie hat aber schnell signalisiert, dass sie Freiheiten braucht. Sie will mit ihren Freunden ausgehen, tanzen gehen und feiern. Ich habe sie gefragt, ob das auch heißt, dass sie mit anderen Sex hat. Das hat sie verneint.

Dann kam der Lockdown und wir haben eine fantastische Zeit zusammen verbracht, meistens in meiner Wohnung. Da wir kaum andere Leute getroffen haben, war es sehr harmonisch. Doch dann lockerte sich die Lage, und sie ging im Sommer viel aus, auch ohne mich. Es stellte sich heraus, dass sie auch Drogen nimmt (Partydrogen wie Speed, Ecstasy, Kokain), und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass man unter Alkohol- und Drogeneinfluss dann auch mehr Lust auf Sex hat und sich nicht mehr im Griff hat.

Fabians Freundin geht sehr gerne feiern - aber bleibt es dabei? (Symbolbild)
Fabians Freundin geht sehr gerne feiern - aber bleibt es dabei? (Symbolbild)
© bernardbodo / Getty Images

Im Sommer ist sie zwei Wochen nach Kroatien gefahren, wo sie auf Parties gegangen ist. Ich habe von Anfang an unter Eifersucht gelitten, wenn sie weg war oder angekündigt hat, dass sie wieder fährt. Ich konnte nicht schlafen, an nichts anderes denken, aber ich kam mir auch klein vor, wenn ich ihr gestanden habe, dass ich eifersüchtig bin. Auch in meinem Umfeld habe ich das nicht erzählt, um nicht blöd dazustehen. Es gibt in meinem Umfeld einige, die selbst viel feiern und nicht verstehen könnten, wie man dagegen sein kann.

Wenn ich meine Freundin doch einmal darauf angesprochen habe, dass ich mich nicht wohl fühle und Bedenken habe, dass sie fremdgeht, sagt sie einfach nur, dass ich übertreibe und ja auch mitkommen kann. Manchmal wurde sie auch wütend und hat mir signalisiert, dass ich ihr die Freude verderbe. Ich bin allerdings nicht der Partytyp. Ich nehme auch keine Drogen.

Wir entfernen uns immer weiter voneinander, und ich bin an einem Punkt, wo ich mich frage, was ich mir alles bieten lassen muss. Ich hoffe fast, dass ein neuer Lockdown kommt, damit sie nicht ausgehen kann. Aber das löst unser Problem ja nicht, sondern zögert es nur heraus.

Ich würde mich über einen Rat sehr freuen.

Fabian Z.

Lieber Fabian Z.,

Als ich Ihre Geschichte gelesen haben, habe ich mich immer wieder gefragt, warum Sie sich das antun. Haben Sie sich das selbst schon einmal gefragt?

Wieso sind Sie so weit von Ihren eigenen Wertvorstellungen abgerückt und werfen sich auch noch vor, dass mit Ihnen etwas nicht in Ordnung ist, wenn Sie fühlen, was Sie fühlen? War das in Ihrer Kindheit auch schon so, dass Sie Sachen erdulden mussten, um wichtige Bezugspersonen nicht zu verlieren?

Aus meiner Sicht ist Eifersucht nicht über den Kopf beeinflussbar, sondern ein tief sitzendes, eher instinktives Gefühl. Früher war es für das Überleben der Art wichtig, über die Treue des Partners oder der Partnerin zu wachen: Wenn sie nicht auf ihn aufpasste, ging er vielleicht zu einer anderen Frau, bekam Kinder mit ihr und brachte ihr das Fleisch nach Hause, während sie selbst mit ihren Kinder verhungerte. Wenn er nicht auf sie aufpasste, zog er mit ihr die Kinder von Rivalen auf, anstatt in seinen eigenen Nachwuchs zu investieren. Löwen sind heute noch knallhart und sorgen dafür, dass der Nachwuchs des Vorgängers stirbt, wenn sie eine neue Partnerin finden.

Natürlich haben sich die Vorstellungen über Treue mittlerweile gewandelt, und es gibt natürlich auch kulturelle Unterschiede. Was in Schweden in Ordnung ist, ist möglicherweise in arabischen Ländern undenkbar. Aber trotzdem hat jeder Mensch ja eine persönliche Grenze, was sich für ihn gut fühlt und was nicht. Wo ist denn die Schwelle bei Ihnen?

Ich nenne mal ein Beispiel: Jan findet es ok, dass seine Freundin eine sehr enge Freundschaft mit ihrem Exfreund hat. Er ist selbst mit dem Exfreund befreundet und die drei feiern Weihnachten zusammen. Wenn man das Niklas erzählt, sagt der: "Das käme für mich nicht in Frage!" Ben weiß, dass seine Freundin ab und zu mit anderen Männern flirtet, wenn sie ausgeht. Aber die Flirts sind harmlos, und es werden auch keine Telefonnummern ausgetauscht. Das ist für ihn meistens ok. Anne tanzt sehr gerne Tango, aber ihr Freund nicht. Er findet es ok, wenn sie tanzen geht, weil er sich daran gewöhnt hat und weiß, dass sie mit den Leuten aus der Szene gut befreundet ist.

Wie wäre es, wenn Sie mal Ihre Grenzen austarieren? Was ist für Sie ok, und was nicht? Wie wäre es, wenn Sie sich einmal mit guten Freunden über Ihre Grenzen unterhalten? Vielleicht sind Ihre Vorstellungen ja gar nicht übertrieben? Ich kann mir vorstellen, dass sehr viele Menschen durchdrehen würden, wenn Ihre Partnerin allein unter Drogeneinfluss tanzen gehen würde.

Wie wäre es denn, wenn Sie sie auch erlauben würden, zu Ihren eigenen Vorstellungen zu stehen und zu sagen: Das geht so nicht für mich, was Du machst. Entweder wir finden eine Lösung, oder wir lassen es?

Denn immer, wenn jemand in einer Beziehung über seine eigenen Grenzen geht, um den anderen nicht zu verlieren, verliert er Selbstachtung. Er orientiert sich dann am Partner, anstatt an sich selbst, und verliert zunehmend die Orientierung.

Ich denke, es wäre an der Zeit, dass Sie wieder auf sich und Ihre Bedürfnisse schauen. Und sich eingestehen, dass Vertrauen nicht dadurch aufgebaut wird, indem man rücksichtslos auf Partys geht, dort Drogen nimmt und den Partner dahingehend beeinflusst, dass er einem vertrauen soll. Vertrauen entsteht durch Erfahrung, und zwar durch gute Erfahrung. Wenn mein Partner immer für mich ein offenes Ohr hat, wenn ich ihn brauche, vertraue ich darauf, dass er es auch das nächste Mal hat. Wenn er häufiger Verabredungen mit mir vergisst, wäre es blöd, wenn ich darauf vertrauen würde, dass er dieses Mal wirklich kommt.

Ich hoffe, dass Sie wieder zu sich selbst finden und Ihre Grenzen durchsetzen, auch wenn Sie das die Beziehung kosten sollte.

Und noch etwas: Bitte entschuldigen Sie sich ganz aufrichtig bei sich selbst dafür, dass Sie sich soviel Leid angetan haben!

Herzliche Grüße, Julia Peirano


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