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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Meine Schwiegereltern erpressen uns zu endlosen Besuchen – und meine Frau ist auf ihrer Seite

Die Wochenenden gehören der Familie. Oder in Christoffs Fall den Schwiegereltern. Jeden Sonntag muss er die Fahrt auf sich nehmen, langen Geschichten zuhören und bekommt keine Entspannung. Doch wie überzeugt er seine Frau, dass eine Veränderung auch für sie besser wäre?

Der Besuch bei den Schwiegereltern ist für viele Menschen eine Belastung (Symbolbild)

Der Besuch bei den Schwiegereltern ist für viele Menschen eine Belastung (Symbolbild)

Getty Images

Sehr geehrte Frau Dr. Peirano,

Es gibt ein Problem in unserer Ehe, das immer größer wird: meine Schwiegereltern. Meine Frau hat ein sehr enges Verhältnis zu meinen Schwiegereltern und fühlt sich verpflichtet, sie mindestens einmal pro Woche zu besuchen. Meine Schwiegereltern leben eine gute Stunde Fahrzeit von uns entfernt, und sie bestehen auf Besuche am Wochenende. Man muss zum Mittagessen um 12 Uhr erscheinen, zum Kaffeetrinken bleiben und wenn man sich gegen 18/19 Uhr verabschieden will, drängen sie einen, noch zu bleiben. Und natürlich darf man bei den Besuchen nicht mal abschalten und z.B. fernsehen, sondern man muss zuhören und kleine Arbeiten an deren Haus erledigen.

Die Besuche sind für mich sehr anstrengend, die beiden reden pausenlos und nur über sich selbst und ihre kleine Welt. Sie sind um die 70, arbeiten nicht mehr, haben keine Freunde, keine Beziehung zu den Nachbarn, keine Hobbies. Sie sind sehr engstirnig und negativ. Wir müssen die ganze Zeit zuhören und ihnen zustimmen. Ich schalte schon auf Durchzug, aber meine Frau bemüht sich sehr. Sie ist Einzelkind.

Unser Sohn hat auch nicht mehr so viel Lust, die Großeltern zu besuchen. Er will lieber mit seinen Freunden spielen, aber davon wollen meine Frau und die Schwiegereltern nichts wissen.

Meine Frau ist nach den Besuchen sehr angestrengt, hat manchmal Migräne. Aber sie gesteht sich nicht ein, dass sie etwas am Verhältnis zu ihren Eltern ändern muss. Wir haben schon mal gesagt, dass wir beide viel arbeiten müssen und renovieren und deshalb seltener kommen. Da hat die Schwiegermutter wochenlang nicht mit uns geredet und Schwiegervater nur das nötigste.

Das ist doch kein Zustand! Die ganzen Wochenenden stehen unter der Fuchtel meiner Schwiegereltern. Wie können wir den Schwiegereltern verklickern, dass wir weniger Kontakt wollen?

Viele Grüße,

Christoff P.

Lieber Christoff P.,

Ehrlich gesagt habe ich ein mulmiges Gefühl bekommen, als Sie mir von den Pflichtbesuchen bei Ihren Schwiegereltern erzählt haben. Natürlich kenne ich nur Ihre Seite, aber es hört sich für mich sehr danach an, als wenn Ihre Schwiegereltern sich überwiegend um ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche kümmern. Sie sind wahrscheinlich einsam und haben offensichtlich ein hohes Bedürfnis nach Kontakten. Das geht vielen so, aber gerade dann sollten sie darauf achten, dass sie ein großes soziales Umfeld haben. Ich vermisse es, dass sie Verantwortung für ihr eigenes Leben übernehmen. Denn anscheinend haben sie ihre Freundschaften nicht gepflegt oder es zum Bruch kommen lassen, sodass jetzt alles auf ihrer Tochter und deren Familie lastet. Das heißt, sie sollen laut den Schwiegereltern die Verantwortung übernehmen.

Ihre Schwiegereltern verhalten sich egozentrisch, denn sie achten nicht darauf, dass alle sich wohl fühlen. Sie konzentrieren sich auf ihre eigenen Wünsche: Wir wollen Besuch! Wir wollen nicht allein sein! Wir brauchen Aufmerksamkeit und Hilfe!  Aber Ihre Bedürfnisse und die ihrer Tochter blenden sie aus und wollen nichts davon wissen.

Dabei könnten die beiden die Situation auch mal so sehen: Sie beide arbeiten viel, haben ein Kind und dazu noch den Haushalt zu führen samt Renovierung. Das ist ein ganz schönes Paket. Es ist völlig verständlich, dass Sie an den Wochenenden ihre Zeit so einteilen möchten, wie es Ihnen dreien gut tut. Und Ihr Sohn scheint auch in einem Alter zu sein, wo ihm die Gesellschaft anderer Kinder am wichtigsten ist.

Ihre Schwiegereltern fragen aber nicht, ob es Ihnen Recht ist, so viel Zeit mit ihnen zu verbringen. Möglicherweise ahnen sie, dass sie auf die Frage eine unbequeme Antwort erhalten würden. Also fordern sie den Kontakt ein und reagieren mit Kontaktabbruch, wenn sie sich nicht so verhalten wie sie es wünschen. Das ist Erpressung! 

Sie nehmen es in Kauf, dass drei Menschen sich bedrängt und unwohl fühlen (bis hin zur Migräne, die sicher von zu großen Anspannungen herrührt), nur damit sie ein Publikum und Gesellschaft haben.

Ihre Frau ist das autoritäre und selbstbezogene Verhalten ihrer Eltern bekannt und sie hat sicher Angst, was passiert, wenn sie sich widersetzt. Also fügt sie sich den Wünschen und sorgt dafür, dass auch Sie und ihr Sohn parieren. 

Wie wäre es, wenn Sie Ihre Frau mal fragen, ob sie auch von ihrem Sohn später mal erwartet, dass er und seine Familie Sie beide jeden Sonntag besuchen, auch wenn ihn das belastet. Ich bin ziemlich sicher, dass Ihre Frau entsetzt sagen wird: “Das würde ich meinem Sohn niemals antun!” Und genau damit lösen Sie bei Ihrer Frau ein gedankliches Ungleichgewicht aus (man nennt es kognitive Dissonanz). Einerseits findet sie, dass man seine Kinder nicht manipulieren und zu Besuchen zwingen sollte, andererseits lässt sie sich selbst von ihren Eltern zwingen und manipulieren.

Fragen Sie Ihre Frau doch auch, was Sie alles vorbeugend machen würde, damit sie im Alter nicht allein ist, sondern ein erfülltes Leben führt. Vielleicht hilft das, damit sie sich bewusst wird, wie viel Druck ihre Eltern ausüben.

Eine Buchempfehlung zu dem Thema ist: “Warum wir unseren Eltern nichts schulden” von Barbara Bleisch. 

Wahrscheinlich ist der stärkste Beweggrund für Ihre Frau die anerzogene Angst vor den emotionalen Bestrafungen ihrer Eltern. Wenn du nichts machst, was wir wollen, gibt es Liebesentzug. Und genau hier wäre sollte sie ansetzen. Sie sollte erwarten, dass ihre Eltern - zumindest für eine Weile - den Kontakt mit ihr abbrechen, wenn sie ihnen sagen würde, dass sie sie seltener und kürzer besuchen will oder dass sie es gerne hätte, wenn auch die Eltern die Fahrt mal auf sich nehmen. Und dann müsste sie sich innerlich warm anziehen und es aushalten, dass die Eltern sie bestrafen. In dieser Zeit könnten Sie ihr Rückendeckung geben und sie immer wieder auf ihre eigenen Werte stoßen (man sollte andere Menschen zu nichts zwingen/ jeder darf selbst entscheiden, wie er seine Zeit verbringen sollte/ Eltern sollten sich genau so um ihre Kinder und Enkel kümmern, wie die Kinder sich um die Eltern kümmern).

Malen Sie sich mit ihr zusammen aus, wie es ihr in zwei Monaten, einem halben Jahr, zwei Jahren, fünf Jahren, zehn Jahren geht, wenn Sie sich von den Wünschen ihrer Eltern frei gemacht hat. Und malen Sie sich mit ihr aus, wie es ihr und Ihrer Familie geht, wenn Sie in zwei Monaten, einem halben Jahr, in zwei Jahren, fünf Jahren oder zehn Jahren geht, wenn die Eltern immer noch die Führung über ihr Leben übernehmen.

Vielleicht kann eine Beratung Ihrer Frau helfen, um sich gegen ihre Eltern zu behaupten. Nach der Schilderung könnte es nämlich sein, dass emotionaler Missbrauch stattgefunden hat.

Seien Sie nicht zu fordernd und bestimmend Ihrer Frau gegenüber, auch wenn Ihnen der Geduldsfaden reißt. Dennoch würde es nichts bringen, wenn Ihre Frau von der Autorität ihrer Eltern dazu wechselt, sich von Ihnen den Ton angeben zu lassen. Besser wäre es, wenn Sie sie darin bestärken, ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse zu erkennen und daraus Grenzen ihren Eltern gegenüber abzuleiten. Ihr Sohn sollte auch zu Wort kommen und sagen, wie er die Wochenenden verbringen möchte. Das wird Ihre Frau bestimmt interessieren! Denn wenn sie ihn zwingt, zu Oma und Opa zu fahren, statt mit Freunden zu spielen, wiederholt sie das Muster ihrer Eltern, und das will sie bestimmt nicht. Sie weiß ja, wie man sich unter Druck und Zwang fühlt.

Ich hoffe, dass es Ihnen dreien gelingt, Ihr eigenes Leben zu leben und sich von den Anforderungen der Schwiegereltern zu befreien.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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