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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Ich habe solche Angst alleine zu sein, dass meine Beziehungen daran scheitern

Einsamkeit ist für viele Menschen ein Problem. Auch Lara hält es schlecht aus, längere Zeit ohne andere zu sein. Darunter litten nicht nur die Beziehungen, sondern auch die Karriere.

Alleinsein ist für viele Menschen schwer erträglich (Symbolbild)

Alleinsein ist für viele Menschen schwer erträglich (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Peirano,

Ich habe ein Problem: ich habe große Angst davor, allein zu sein. Ein paar Stunden und Tage halte ich es aus, aber danach fühle ich mich traurig und unwohl. Ich habe aber nicht so viele Freunde, mit denen ich mich verabreden kann. Ich mache dann den Fernseher und das Radio an, surfe im Internet, telefoniere, aber ich fühle mich nicht wohl. Zwei Beziehungen zu Männern sind schon daran gescheitert, dass ich zu anhänglich war.

Vor zwei Jahren bin ich zum Studium nach Berlin gezogen. Die Einsamkeit war aber so schlimm, dass ich abgebrochen habe und dann wieder zu meinen Eltern nach Franken gezogen bin. Ich bin 22.

Auch ausziehen ist deswegen ein Problem, weil ich Angst habe, dass mir die Decke auf den Kopf fällt.

Viele Grüße,

Lara B.


Liebe Lara B.,

Zuerst einmal würde mich interessieren, warum Sie es schwer finden, alleine zu sein. Oft gibt es dafür Gründe in der Kindheit.

In manchen Familien liegt es daran, dass die Eltern zu früh die Kinder alleine gelassen haben und die Kinder sich selbst überlassen waren, in einem Alter, in dem das nicht möglich oder sogar lebensgefährlich ist. Eine Mutter ist zum Beispiel den ganzen Tag über arbeiten gegangen und hat ihre 2- und 4-jährigen Töchter sich selbst überlassen. Da sind Ängste vor dem Verlassenwerden vorprogrammiert. (Die Kinder haben sich an Glasscherben verletzt und geblutet, sie hatten Hunger und Durst und mussten das aushalten).

Es kann aber auch das Gegenteil der Fall sein: Eine andere Frau konnte nicht allein sein, weil sie es einfach nicht gewohnt war. Ihre Eltern, die Großeltern oder Geschwister waren immer verfügbar, sogar bis sie 24 war. Wenn ihre Eltern in den Ferien oder für ein Wochenende verreist waren, hat sie schon im Vorweg Angst vor dem Unbekannten bekommen und sich eine Freundin zum Übernachten eingeladen.

Es wäre sicher wichtig, nach Gründen in Ihrer Lebensgeschichte zu suchen. Denn manchmal gibt es einfach keine triftigen Gründe, und das macht es dann einfacher, das Symptom zu beheben.

Ich habe aber den Eindruck, dass Sie sich einsam und verlassen fühlen, weil Sie in keinem guten Kontakt mit sich selbst stehen. Beobachten Sie doch einmal genau, was Sie sich innerlich Gutes (oder eben auch nicht) tun, wenn Sie alleine sind.

In diesem Blog habe ich häufiger darüber geschrieben, dass es wichtig ist, eine gute innere Mutter auszubilden, also einen Teil, der sich kümmert, zuhört, stärkt und aufmuntert und einen liebevoll versorgt.

Hören Sie doch einmal genau zu, ob Sie mit sich in Kontakt sind. Fragen Sie sich, wie es Ihnen gut? Wie Ihr Tag war? Was Sie brauchen? Was Sie bedrückt?

Wenn nicht: Es ist sehr sehr wichtig, dass Sie damit anfangen. Nehmen Sie sich bestimmte Wege vor (z.B. eine bestimmte Waldrunde) oder bestimmte Zeiten, in denen Sie sich erzählen, wie Ihr Tag war. Oder wenn Ihnen das komisch vorkommt, können Sie es aufschreiben in Form eines Tagebuchs.

Am Ende der Aufzeichnungen können Sie sich fragen, was Sie gerade brauchen: Ein heißes Bad mit schöner Musik und Kerzen, ein gutes Buch, vielleicht auch Sport und Bewegung, etwas Kreatives oder Körperübungen wie Yoga oder Tai Chi, die Ihnen einen guten Zugang zu sich ermöglichen. Vielen Menschen fällt es am leichtesten, über den Körper Zugang zu sich zu bekommen.

Mein Eindruck ist nämlich, dass Ihr inneres Kind sich vernachlässigt und einsam fühlt, weil die gute innere Mutter nicht da ist und sich nicht kümmert. Und genau hier beginnt eine Arbeit, die sehr lohnend ist. Denn ohne gute innere Mutter - also den Kontakt zu Ihren Gefühlen und einen guten Umgang damit - werden Sie immer abhängig von der Zuwendung und Aufmerksamkeit anderer sein.

Beschäftigen Sie sich doch auch intensiv mit Ihrem Selbstwertgefühl: Was genau sagen Sie sich, damit Sie sich gut fühlen? Wie gehen Sie mit sich um? Kochen Sie sich Ihr Lieblingsessen, ist Ihre Wohnung gemütlich, kleiden Sie sich sorgfältig, nehmen Sie sich Zeit für Dinge, die Ihnen wichtig sind? Also kurzum: Schenken Sie sich Liebe und Aufmerksamkeit? Genau durch diese Dinge entsteht Selbstwertgefühl - so wie es auch durch die Fürsorge und Zuwendung unserer Freunde geschieht.

Ein Buchtipp: Stefanie Stahl: Leben kann auch einfach sein. So stärken Sie Ihr Selbstwertgefühl.

Nehmen Sie sich doch erst einmal in kleinen Dosen Zeit, in der Sie sich mit sich selbst beschäftigen. Ohne Fernseher und sonstige Ablenkung. Ein halber Tag am Wochenende, dann später ein ganzer Tag am Wochenende. Hören Sie in sich hinein, probieren Sie Dinge aus, und erinnern Sie sich daran, was Sie als Kind gerne gemacht haben. Oft sind das genau die Dinge, die einem auch später gut tun.

Herzliche Grüße und einen guten Kontakt zu Ihrem inneren Kind,

Julia Peirano

Wissenscommunity